Interpret:
Gossip
Plattentitel:
Music For Men
Label:
Columbia / Sony
VÖ:
19.06.2009
Punkte:
8.5 von 10
Autor:
Matthias Dersch
Essen, 16.06.2009
Das nennt mal dann wohl Pop-Phänomen. Drei Alben lang nahmen The Gossip umbemerkt von der breiten Öffentlichkeit sehr gute bis famose Songs auf und erarbeiteten sich damit im Indie-Zirkus einen beachtlichen Namen. Für den großen Durchbruch reichte das allerdings nicht. Es fehlte eine Zutat: Eine schicke Frontfrau, die nicht nur durch ihre Stimme fasziniert, sondern auch durch ihr schönes Gesicht und ihren makellosen Körper.
The Gossip wurden dagegen angeführt von einer - man verzeihe die überzeichnete Verkürzung - stark übergewichtigen Lesbe mit Hang zu knapper Kleidung - welch ein Skandal! So etwas auf die Titelseiten unserer Magazine? Niemals, das würde doch die Leute verschrecken! - Solche Gedanken kamen den Herausgebern der stylischen, auf Hochglanzpapier gedruckten Pop- und Lifestyle-Magazine mit Sicherheit nicht nur einmal.
Doch dann passierte es: Karl Lagerfeld entdeckte die Sängerin für sich, das Magazin "Love" nahm ein Foto von der komplett nackten Ditto aufs Cover - und plötzlich war die 28-Jährige auch für alle Styler von L.A. bis London zur Ikone geworden. Seitdem lässt sie sich von einer TV-Show zur nächsten durchreichen, rückt ins Zentrum von Fotostrecken in Modejournalen und bekommt sogar im Sat.1-Frühstücksfernsehen - der Spießerzentrale der Republik - ihre fünf Minuten Sendezeit.
Doch man ahnt es. Was auf den ersten Blickt scheint wie eine wunderbare Entwicklung, die zu mehr Akzeptanz in der gerne auf die Einhaltung bestimmter sozialer und äußerlichen Normen bedachten Gesellschaft führt, dürfte leider spätestens in einem halben Jahr Ernüchterung hervorrufen. Dann nämlich wird der Reiz des Neuen verloren und die Akzeptanz kein Stück weitergebracht worden sein. Wie so viele fortschrittlichen Entwicklungen dürfte auch diese vorerst wieder in der Schublade verschwinden, den Regeln des Trends folgend. Dieses kurzlebige "Durchs Dorf treiben" des abgeblich Exotischem sagt dabei mehr über unsere Gesellschaft aus, als es das Endergebnis einer jahrelangen soziologischen Studie tun könnte.
Ditto weiß das - und doch spielt sie das Spiel mit. Das hier sind ihre 15 Minuten im globalen Rampenlicht und auch wenn es vermutlich nichts bringt (um auf diese Erkenntnis zu kommen, muss man nicht einmal ein sonderlich pessimistischer Mensch sein), will sie sie nutzen, um die Welt ein Stück besser zu machen. Dass dabei ihre eigentlichen Leidenschaften, die Musik und ihre Band, ein Stück in den Hintergrund treten, nimmt sie in Kauf - und vertraut stattdessen auf die Aussagekraft des Materials.
Zurecht, denn nie klangen The Gossip besser als auf "Music For Men". Gemeinsam mit Rick Rubin haben Ditto, Hannah Billie (Drums) und Brace Pain (Gitarre) ein wahnsinnig intensives, druckvolles und natürlich tanzbares Album vorgelegt, neben dem alles verblasst, was die Band bislang an Sounds und Songs geschaffen hat. Die Songs sind roh, trocken und doch voller Soul und Energie. Im Vergleich zum Vorgänger "Standing In The Way Of Control" bleibt die Weiterentwicklung zwar dezent, aber die Qualität des Songwritings ist dafür durchgehend höher anzusiedeln.
Schon mit dem lässigen Einzählen von "Dimestore Diamond" nimmt Ditto den Hörer gefangen, zerrt ihn mit ihrer ganzen Energie auf die Tanzfläche und entlässt ihn erst wieder mit den letzten Tönen von "Spare Me From The Mold" - aber nur, um ihn auf die Repeat-Taste drücken zu lassen.
Selbst wenn Ditto in sechs Monaten wieder aus den Modemagazinen und Frühstücksfernseh-Sendern dieser Welt verschwunden ist, wird "Music For Men" bleiben. Ihren Status als Band haben The Gossip jedenfalls eindrucksvoll zementiert. Wenn Dittos Engagement darüber hinaus wirklich zu mehr Akzeptanz in der Gesellschaft führen sollte, umso besser. Man kann es sich nur wünschen.