Interpret:
Gonzales
Plattentitel:
Ivory Tower
Label:
Boysnoize Records / Wordandsound
VÖ:
20.08.2010
Punkte:
8.0 von 10
Autor:
Christopher Szwabczynski
Steinfeld, 16.08.2010
Wenn man in der Vergangenheit von verschwitzten, Entertainment-Piano-Shows in Edelboutiquen oder von eben so hitzigen Flügel-Battles gegen Helge Schneider oder Andrew W.K. gehört hat, wurde dies meist sehr frenetisch propagiert. Es geht um Gonzales, der mir bis jetzt eher als eine Art Phantom erschien, das durch die Städte dieser Welt huscht und seinen Namen mit heftigen Flügelschlägen in die Köpfe der Menschen rammt.
Dabei macht Gonzales schon eine ganze Weile auf sich aufmerksam. Seit seinem dritten Lebensjahr haut der Kanadier in die Tasten, mit anschließender Jazz-Karriere. Währenddessen schrieb er mit seinem Bruder an verschiedenen Musicals und komponierte eigene Werke. In den 1990er Jahren kam der Umbruch zum Pop und Gonzales wurde Frontmann der Alternativ-Rock Band Son. Drei Platten bei Warner Music und einem Radiohit später kam folglich die Produzenten-Karriere, zwischendurch war er gar „The Worst MC“. Er arbeitete mit Künstlern wie Feist, Jamie Lidell aber auch Peaches zusammen, die nun auch in seinem Film mitspielt.
Mit „Ivory Tower“ liefert Jason Charles Beck aka Chilly Gonzales nicht nur sein drittes Soloalbum ab, sondern verleiht seinem Phantom ein Gesicht. „Ivory Tower“ ist nämlich auch der Titel der in Kürze erscheinenden Schach-Komödie von Puppetmastaz-Mitglied Adam Traynor, für den Gonzales und Céline Sciamma ihre Co-Autor-Fähigkeiten unter Beweis stellten. So wurde das Video zur erste Single „I Am Europe“ prompt zum Filmtrailer. Neben Peaches als Frau zwischen den beiden Brüdern und Rivalen Hershell und Thadeus, finden wir Tiga mit im Boot, der den erfolgreichen, arroganten Thadeus spielt. Es wird also dick aufgetragen und Gonzales etabliert sich einmal mehr als der Entertainer schlechthin.
Die Vorfreude auf das neue Album stieg beim Anblick des Fimtrailers gewaltig. Die satirische Sozialkritik in Rapform aus „I Am Europe“, die stampfenden Disco-Beats, die vom melodiösen Pianospiel die Zögel angelegt bekommen überzeugen im Opener „Knight Moves“ nach weniger als einer Minute. Der nicht vorhandene Genrebegriff wird in alle Richtungen ausgeweitet und strömt in jede Abzweigung mit präziser Perfektion, was man dann gut und gerne innovativ nennen darf. In „Rococo Chanel“ treffen barocke Cembalo-Melodien auf Synthie-Chöre und plötzlich wird einem bewusst, warum sich Jamie Lidell oder Leslie Feist diesen Mastermind-Typen ins Studio nehmen und ihn einfach mal machen lassen. „Never Stop“ geht dann in Tiga-Dancefloor-Manier mit satten Beats nach vorne, immer begleitet von den teilweise virtuosen Tastenklängen. Ob nun auf der Tanzfläche oder auf der Leinwand, strange Schach-Trainingseinheiten untermalend: verfolgen wird uns diese Musik, und dagegen wehren werden sich die wenigsten.
Trotz aller vermeintlichen Innovation scheint es auf „Ivory Tower“ so, als hätte Gonzales ein Leben lang nichts anderes gemacht als die Einflüsse und Hintergründe seines musikalischen Schaffens ineinander geklöppelt. Bevor es dann nochmal so richtig scheppert, klingt in „Final Fantasy“ alles ein wenig aus. Seichte Piano-Parts begleiten das Streichquartett und Computerspielereien im Hintergrund. Die Vocoder-Stimme leitet mit „You can dance, you can dance, you can dance“ ein und der Disco-Beat rollt los und ehe man sich versieht steckt man im Titelsong „Ivory Tower“. Frauenchöre laden fast frenetisch zum Tanz ein und man wünscht sich die Tanzfläche herbei, bevor das Album ausgelaufen ist. Man sollte in Zukunft Entertain-Veranstaltungen wie oben beschrieben rot im Terminkalender markieren. Dieser Mann steht im Guinniss Buch der Rekorde mit dem längsten Klavierkonzert das je gespielt wurde. Es dauerte 27 Stunden.
Video: „I Am Europe“
CHILLY GONZALES - I AM EUROPE from Boysnoize Records on Vimeo.