DETAILS

Interpret:
Get Back Guinozzi!

Plattentitel:
Carpet Madness

Label:
FatCat / Rough Trade

VÖ:
bereits erschienen

Punkte:
7.0 von 10

Weiterführende Links:

Autor:
Michael Weber
Köln, 22.02.2010

PLATTENKISTE

Get Back Guinozzi! - Carpet Madness

Get Back Guinozzi! - Carpet Madness

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mit meiner Klasse auf Abschlussfahrt war. Neben unserer damaligen Klassen-Lehrerin, haben wir unseren geliebten Englisch-Lehrer gebeten, mit uns zu fahren. Nachdem es einem kleinen Teil von uns gelungen ist, dem coolen Kerl das Du abzuringen, wollten wir natürlich mehr wissen, was dieser Mann eigentlich für Musik hört und was er von aktueller Musik hält. Als jemand, der Ende der 60er-Jahre sein Abitur gemacht hat und in den frühen 70ern zur Uni ging, hielten wir diesen vollbärtigen Mann aus dem Norden für eine verlässliche Quelle musikalischen Geschmacks. Man tauschte sich aus. War einverstanden mit seinem Geschmack. Als wir ihn aber fragten, was er denn von französischen Pop hielt, wendete sich das Blatt. Sein O-Ton lautete ungefähr so: „Bäh, französischer Pop. Der ist doch nur mit Synthesizern gemacht. Da klingt doch alles nach Plastik. Und die überdrehten Stimmen. Furchtbar“.

Get Back Guinozzi! gab es vor zwölf Jahren leider noch nicht, aber ein Lob hätte diese Band von unserem Lehrer nicht erfahren. Betrachtet man die von ihm gefällten Aussagen, die so schön polarisierend sind, im Zusammenhang mit der zur einen Hälfte aus London und zur anderen aus Süd-Frankreich kommenden Band, mag er vielleicht zum Teil recht haben, aber „furchtbar“ ist „Carpet Madness“ bei weitem nicht geworden.

Das zwölf Songs umfassende Debüt der fünfköpfigen Band, ist eine schön schräge Ansammlung von verqueren Indie-Pop-Anleihen, die mit elektronischen New-Wave- und Post-Punk-Feinheiten versehen wurde. Dabei gelingt es der interkulturellen Band in etwas über 30 Minuten ihr Programm wie aus einem Guss runterzuspielen. Sie halten sich bei der Kürze auch nicht lange an einem Song auf, sondern holen in der knappen Zeit aus jedem Song das raus, was er hergibt. In einer jugendlichen Frische verschmelzen sie Geradliniges wie trällernde, reverblastige Gitarren, Bass und Schlagzeug mit Euphorischem wie abgedrehten Synthesizern. Das ist „Carpet Madness“, der ein aufforderndes „Go Back To School“ überhaupt nicht verdient. Zugegeben, Get Back Guinozzi! erfinden das musikalische Rad nicht neu, sie hinterlassen aber eine dezente Duftmarke. So ist es weniger verwunderlich, dass sie gemeinsam mit Größen wie Talking Heads, den frühen B-52's aber auch The Smiths in einem Atemzug genannt werden.

Letzter Vergleich hinkt vielleicht etwas, aber er lässt sich dennoch irgendwie aufrecht erhalten, wenn man die schillernden Synthesizer vom eklektischen Gesamtbild abzieht („Sick“). Der wild wirkende Eindruck, den sie mit gut gelaunten Zappelnummern wie „Baby Baby“ oder „Personal Lodger“ darbieten, bekommt aber mit dem herrlich dialektisch versetzten Gesang von Eglantine Gouzy seine ganz eigene Note. Ihr französischer Charme macht das Gesamtbild nur noch Schräger, aber dafür auch ein ganzen Stück mehr delikat. Mansche Bands bei MySpace bezeichnen ihren Stil als „tropisch“. Schön, dass Get Back Guinozzi! das nicht nur dort gemacht haben, sondern auch ihre erste Single „Low Files Tropical“ mit jenem Atribut versehen und es auch im Song „Jungely“ untergebracht haben. Mein lieber Englisch-Lehrer, falls du das hier lesen solltest, kann ich nur sagen, es ist alles weniger schlimm, als von dir befürchtet. Überdreht mag es sein, aber sind wir das nicht alle, wenn so wie jetzt der Frühling in den letzten Tagen eine erste Duftnote setzt?

Video: „Low Files Tropical“

 

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