Interpret:
Gayngs
Plattentitel:
Relayted
Label:
Jag Jaguar / Cargo
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
9.0 von 10
Autor:
Jan Nicolai Kolorz
Köln, 15.06.2010
Diese Platte ist vom ersten bis zum letzten Song hypersexualisiert. Das Cover, fast schon ein Ikonoklasmus. Das weibliche Sexualorgan reduziert auf die nackte Geometrie, ein unschuldiger Hintergrund, auf dem sich eine Scheide in goldener Farbe perforiert. The Golden Cunt. Im Mittelpunkt von „Relayted“ steht dieser zutiefst amerikanische Topos. Diese Ästhetisierung des exotischen Sex, des trashig-pornösen Chics von 10cc oder Roxy Music, von wo aus wir den aufreizenden Soft-Pop der 80er bewerten müssen. „Relayted“ wäre vermutlich die Platte geworden, die Sade machen würden, wenn sie denn aus so einem vielköpfigen Musikerinventar bestünden, wie die Gayngs. Und jünger.
Man sollte sich die Mitglieder dieses Projekts auf der Zunge zergehen lassen: Justin und sein Bruder Nate Vernon (Bon Iver), Sänger und Rapper P.O.S., Michael Lewis (u.a. Saxophonist bei Andrew Bird), Phil Cook (Megafaun), und die brilliante Dessa, eine bezaubernde Soul-Sängerin und Rapperin aus Minneapolis, die bitte bitte bitte ewig ein Geheimtipp bleiben sollte. Die Single „Cry“ ist eine Coverversion, was per se nach den strengen Regeln der Popindustrie die größte Frechheit überhaupt ist. Das Video, sowie der Song, wurden von der Kadrierung, bis zum Gastbeitrag von Urheber Kevin Godley (Godley & Creme), von den Gayngs in seiner je eigenen Fassung bewahrt, konserviert, geehrt.
Wir finden Anleihen und Referenzen aus jüngster und älterer Musikgeschichte, dazu schleichen sich peitschende Sounds, die sobald wieder verschwinden, slappender Bass auf 69 rpm, ein babyöliges Saxophon und dazu diese triebhaften und mesmerisierenden Flächen über dem Schlagzeugbeat. Das alles zeugt von so intimer Qualität, die zwar 2010 veröffentlicht, doch aus einer Zeit heraus gedacht wird, als die musikalische Sprache noch vibrierte und man über Sex noch geredet hat, als wäre er heilig.
Video: „Cry“