Interpret:
Former Ghosts
Plattentitel:
Fleurs
Label:
Upset The Rhythm / Cargo
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
9.0 von 10
Autor:
Michael Weber
Köln, 01.03.2010
Auch wenn man nicht in der Lage ist, Dinge zu prophezeien oder Aussagen wie „wenn das passiert wäre, dann wäre es so und so weitergegangen“ zu treffen, möchte ich es dennoch wagen. Hier meine unhaltbare Hypothese: Wenn Ian Curtis von Joy Division sich nicht umgebracht hätte, dann wäre „Fleurs“, das Debüt des Projekts Former Ghosts, bestimmt ein Album der Band aus Manchester geworden. Oder war es doch nicht sinnlos, dass er sich umbrachte? Konnten Freddy Ruppert (Produzent und Gesang), Jamie Stewart von Xiu Xiu (Gesang, Gitarren, Synthesizer) und Nika Roza (Gesang) für dieses atmeberaubende Projekt nur so zusammenfinden?
Wie dem auch sei, Former Ghosts tragen jedenfalls alle vom Leben gebeutelte Schwere, alle emotionalen Schmerzen und jegliche Orientirunsglosigkeit einer nach einem sicheren Hafen suchenden Band in sich, deren Väter im Geiste nur Joy Divison sein können. Doch die Großmeister der dramatisierten Einsamkeit in einer kalten, lieblosen Welt werden etwa nicht einfach immitiert. Sie stehen höchstens Pate für die in die Nacht gezeichneten Klang-Brutalitäten des Trios. Eine verstörende Mixtur aus suchender Kaltherzigkeit, verlangender Trostlosigkeit und selbstzerstörerischen Liebesbedürfnissen, in zwölf Akten.
Zweifelsohne: der Titel „Fleurs“ hat mit dem düsteren Gesamtbild dieser Platte nichts zu tun. Gothischer Synthesizer-Wave trifft es da wohl am besten, wenn man in Worte fassen muss, was man hier zu hören bekommen wird. Jeder, der hier versammelten Titel, bietet mindestens genauso wenig Halt, wie die nackten, glatten und unterkühlten Betonwände unserer urbanen Ballungszentren. Es ist das „Us And Now“, das einen mit Rupperts verhallter und verzerrter Stimme zu Stewarts sanft donnernden Synthesizer-Einlagen so traurig begrüßt, um sich in einem ersten Sturm der von Synthesizer zerissenen Verzweifelung zu verlieren („Hold On“). Die Mischung aus Zeilen wie „I'm begging you to not let me walk away / I'm begging you to not break this heart again“ und Rupperts tiefer Stimme untermalen nicht nur den Vergleich zu Ian Curtis, sie zeigen auch, dass alle „Flowers“ in der Dunkelheit dieselbe Farbe tragen: Schwarz.
Mit ergreifender Brutalität quälen sich Former Ghosts durch die Lyrics, genauso wie sich die Töne durch ihre Synthesizer, Gitarren und Sequenzer quälen. „Fleurs“ ist ein Feuerwerk der Melancholie. Ein Fass ohne Boden, in dem die Bandmitglieder voller Inbrunst zu ihrer „Mother“ herauf rufen und den letzten Funken Hoffnung noch nicht begraben haben. „And I've got something in my heart called hope“ aber „Yet nowhere feels like home“. Und dabei ist alles wonach wohl nur verlangt wird, eine wärmende Umarmung einander liebender Menschen. Ein Traum, der in „Earth's Psalm“ durch Nika Rozas flehnde Rufe „Say goodbye don't waste time / Run / Save yourself“ zu zittrigen Glitch-Elementen zerstört wird. Mit sachte stampfenden Beats und Melodien, die wie aus einer Spieluhr zu kommen scheinen, versuchen Former Ghosts dennoch die „Dreams“ aufrecht zu erhalten. So singen sie „Just close your eyes and meet me there / Oh meet me there“.
Dieses Festhalten an der Hoffnung auf ein besseres Morgen ist auch das Letzte, was ihnen bleibt, denn schon im folgenden „Unfolding“ erwachen sie zu einer niedergaschlagenen Melodie mit den Zeilen „And when you are setteld / Will you still be there / I want you to be there“. „Fleurs“ bzw. „Flowers“ ist ohne Zweifel ein Konzept schmerzlicher Liebe geworden, das einen mit- und runterreißen kann. Alleine, wenn Nika Roza in „The Bull And The Ram“ und „This Is My Last Goodbye“ ihre großen Auftritte bekommt, können die noch so schwarzen Blumen der Nacht plötzlich in allen Farben erstrahlen. Egal, wie nahe man den Tränen plötzlich sein mag. „Speak louder / Speak louder / Speak louder / Tell me your heart“.
Video: „Flowers“
Former Ghosts Flowers from Paul Rodriguez on Vimeo.