Interpret:
Flying Lotus
Plattentitel:
Cosmogramma
Label:
Warp / Rough Trade
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
8.5 von 10
Autor:
Michael Weber
Köln, 03.05.2010
Ich kann es nicht anders sagen. Die derzeit wohl begnadetsten, experimentiefreudigsten und innovativsten Produzenten des HipHop, Dubstep, IDM und Glitch sind alle wohl behütet unter einem Label-Dach aufgehoben. Unser Darling Warp hat einfach alles richtig gemacht, indem es mit Hudson Mohawke, Prefuse 73 und Flying Lotus jene drei Beats und Breaks produzierende Giganten unter Vertrag genommen hat. Als mein Kollege Tobias Gnädig noch im letzten Jahr zu Hudson Mohawke schrieb, dass Warp sich in bester Verfassung zum 20 jährigen Jubiläum befindet, bezog er dies noch ganz allgemein auf die erschienen Veröffentlichungen. Jetzt, mit dem Erscheinen der neuen Flying Lotus, kann gesagt werden, dass Warp, gerade was die genannten Stile angeht, kerngesund, wenn nicht sogar unsterblich geworden ist.
So wie es den Ausdruck Cologne-Techno gibt, sollte hier wirklich von Warp-Glitch gesprochen werden. Und kein Geringerer als der zur Zeit von allen Seiten hochgelobte Kalifornier Steven Ellison aka Flying Lotus treibt dieses klangliche Treiben so ambitioniert auf die Spitze. Seine schmetternden Beats auf seinem Warp-Debüt „Los Angeles“ hallen jetzt noch immer magisch, ja paralysierend nach. Was wohl auch der Grund dafür sein mag, dass ein gewisser Thom Yorke für das 17 Tracks umfassende „Cosmogramma“ ein paar Lyrics im manisch zittrigen „...And The World Laughs With You“ beigesteuert hat. Flying Lotus' energische Beats, gepaart mit einem wuchtig in die Tiefe gehenden Klang sind da auch ganz klar des Yorkes Kragenweite. Allerdings ist Flying Lotus aber auch so klug und lässt sich dadurch nicht die Show stehlen. Denn mit Laura Darlingtons durch Weiten schwebender Stimme im auf einen Tischtennisball-Beat titschenden und bedrohlich-wabernden „Table Tennis“ und dem im Gleitflug ruhig driftenden „Mmmhmmm feat. Thundercat“ war es das auch schon mit den Gastauftritten.
Und das ist auch gut so. Flying Lotus hat es mit seinen interstellaren Beats, die jegliche Weiten des Kosmos auszuloten scheinen, auch überhaupt nicht nötig, sich hinter Gästen zu verstecken oder gar sein Image aufzupolieren. Mit „Cosmogramma“ spricht er ohnehin eine Sprache, die nur ganz wenige Gäste verstehen würden. Die Beat-Strukturen sind einfach zu verschachtelt, zu verspielt und zu extravagant und sprechen deshalb für sich selbst. Aber auch wenn das alles nach Unzugänglichkeit klingen mag, ist es immer ein Leichtes, in die „Cosmogramma“ einzutauchen. Im Gegensatz zu „Los Angeles“, was ja nicht minder vertrackt war, ist Flying Lotus hier noch waghalsiger und bricht beispielsweise in „Satelllliiiiiteee“ oder „Zodiac Shit“ die Beats immer wieder aufs Neue auf, macht einen Break und lässt sie an einem ganz anderen Punkt im gänzlich neuen Gewand anfangen. Die Geschwindigkeit, mit der er auf „Cosmogramma“ seine Produktionen unentwegt verändert, ist schier galaktisch und grenzt an Lichtgeschwindigkeit. Wir werden aber trotzdem mitgerissen und verlieren selten den Anschluss, auch wenn es anstrengend sein mag („Arkestry“).
Die auf „Cosmogramma“ vereinten Tracks verdienen den Titel, dass sie interstellare IDM-Jazz-Schmankerl geworden sind. Die Bleeps und Sounds scheinen aus einer uns noch ganz unbekannten Tiefe des Raumes zu kommen und sind uns doch so bekannt, wenn so lässige Stücke wie das tanzende „Do The Astral Plane“ mit viel Soul oder das pompös-lässige „Galaxy In Janaki“ einsetzt. Einzelne Versatzstücke und Effekte transportiert und rettet Flying Lotus sogar in andere Songs hinein, so dass gerade dadurch der Eindruck entsteht, dass er es ganz bewusst auf ein unter unvorstellbaren Energien entstandenes Konzept seines eigenen Klang-Universums angelegt hat. Ein Universum, das ob nah oder fern eine verzaubernde Anziehungskraft ausstrahlt und vielen wundersamen Eindrücken lockt. Die Kernigkeit so mancher Beats wird einem dabei in Mark und Bein fahren, einen durchschütteln, um dann mit einem Lächeln behütet durch die Weiten zu gleiten („Intro (A Cosmic Drama)“).