Interpret:
Epilog & Misanthrop und Das Fest
Plattentitel:
„Wille und Wahn" und „Das Fest"
Label:
Postrap
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
8.0 von 10
Autor:
Dominik Knauf
Köln, 11.10.2010
Wenn der letzte Diss gegen einen ungeliebten Kollegen ungehört in der Stereoanlage verhallt und auch die restlichen selbstreferenziellen Texte nur noch ein müdes Lächeln auf die Gesichter der Zuhörer zaubert, dann ist es Zeit für Veränderungen. Das dachte sich wohl auch der Münchner Rapper und Produzent Misanthrop, als er mit dem Label Postrap eine neue Heimat für sich und die Musik von befreundeten Künstlern schuf. Weg von allen Klischees und abgenudelten Beats schafft es Postrap tatsächlich, eine interessante Nische im deutschsprachigen Rap zu erschaffen, die sich mit dystopischen Texten und hypnotischen Beats ohne Umwege in das Bewusstsein der Hörer fräst.
Gleich die ersten Veröffentlichungen zeigen das grenzenlose Potenzial auf, das in diesem Künstlerkollektiv steckt. Hier kollaboriert jeder mit jedem, hier beflügelt das Miteinander die Künstler zu gegenseitigen Höchstleistungen. Davon zeugt „Wille Und Wahn“, das Misanthrop gemeinsam mit dem Zürcher Rapper Epilog aufgenommen hat. „Warum wird aus allem Guten was ich will nur Schlechtes? / Oh Hegel, verfickt noch mal, ich hass die Dialektik“ rappt Epilog auf „Der Gute Wille“ und gibt damit gleich die Marschrichtung vor: stolpernd schleppt sich der Beat durch einen dunklen, unbeleuchteten Keller, während Epilog mit alltäglicher Ruhe und Gelassenheit seine Zeilen rappt. Dabei schlagen die Songs durchaus haken, endet „Wiederholungsübung“ in einem jazzigen Trompetensolo und zu „Die Choreographie Der Schönen Welt“ gibt es ein verhalltes Klavierintro, das klaustrophobisch und postatomar den Weg für den Song bahnt. An vielen Stellen schimmert die düstere Weltanschauung eines Sage Francis durch und auch eine Vorliebe für klassisch zerhackte Beats in der Tradition DJ Shadows lässt sich nicht nur in „Sing Für Das Schweigen“ heraushören.
DJ Shadow ist auch auf der zweiten Veröffentlichung Postraps ein zentraler Fixpunkt. Auf dem selbstbetitelten Debütalbum von Das Fest ist erneut Misanthrop der Taktgeber. Unterstützt wird er dabei von Omega Takeshi. „Blaue Fesseln“ beginnt mit einem knisternden „Für Elise“-Klaviersolo, das sich dreckig und beengt in ein klassisches Schlagzeug-Sample einzwängt: „Komm und reiß die Schranken ein / Hör auf mit deinem Beamtenscheiß / Lass Geld aus deinen Träumen raus / Die Welt sieht nicht wie Banken aus“. Es wirkt so einfach und natürlich, wenn das Fest mit einfachen, oldschooligen Mitteln dem Rap neue Wege aufzeigen.
Ein wenig erinnert „Das Fest“ auch an den gleichnamigen Lars Von Trier-Film, der vor 15 Jahren mit einer neuartigen Herangehensweise und dem „Dogma“-Manifest alte Strukturen und Denkmuster aufbrach. Auch Das Fest beschränken sich in ihren Tracks auf dunkle, aus Samples bestehenden Vorschlaghammerbeats, vereinzelten Scratches und Raps, die mit leichtem süddeutschen Akzent sympathisch aus dem Rahmen fallen. Gerade deshalb treffen eine diese Tracks so direkt, ohne dabei plump zu wirken.
Bislang kann man die exquisiten Veröffentlichungen von Postrap nur in ausgewählten Plattenläden oder direkt online über die Homepage des Labels erwerben. Ein jeder, der sich auch nur ein bisschen für Rapmusik interessiert, sollte der Homepage einen Besuch abstatten. Vielleicht weist einem Postrap tatsächlich die Zukunft des Rap. Zunächst einmal gibt es sowohl für „Wille und Wahn“ als auch für „Das Fest“ die gleiche, verdiente Wertung: