DETAILS

Interpret:
Doves

Plattentitel:
Kingdom Of Rust

Label:
EMI

VÖ:
bereits erschienen

Punkte:
9.0 von 10

Weiterführende Links:

Autor:
Dominik Knauf
Köln, 06.04.2009

PLATTENKISTE

Doves - Kingdom Of Rust

Doves - Kingdom Of Rust

Zunächst ist da diese Pink Floyd-Gitarre, wie sie sonst eben nur von David Gilmour gespielt wird. Sehnsuchtsvoll, in die Ferne schauend, wo sich das Unheil langsam zusammenbrodelt, dabei immer auf Distanz zum Geschehen. „Leave the Things that you don’t need / And the ones you don’t love“ singt Jimi Goodwin. So einfach ist das also. Sich einfach freimachen von allen Zwängen, allen Erwartungshaltungen, die nach dem großartigen „Some Cities“ entstanden.

Vier Jahre sind seitdem vergangen und was die Doves in der Zwischenzeit wohl gehört haben müssen, spiegelt sich im Albumopener „Jetstream“ kaleidoskopisch wieder: Neben den bereits genannten Pink Floyd tummeln sich hier noch Anleihen an Jean-Michel Jarres „Oxygene“, New Order'schen Gitarrenläufen und dem elektrisch-maschinellen Klopfen aus der „Mensch-Maschine“-Phase Kraftwerks. „The Greatest Denier“. Was sich wie das Verbinden vieler loser Enden liest, klingt am Ende wie die endgültige, verbindliche Synthese der elektronischen Musik der späten Siebziger und frühen Achtziger. Es ist herrlich, es ist ein Versprechen, gleich zu Beginn des Albums, das im Folgenden mehr als eingelöst wird.

Bereits der Vorgänger „Some Cities“ war ein Album, das zur Kategorie „Grower“ zählte. Erst nach unzähligen Durchläufen hatten sich die Songs in den Gehörgängen festgesetzt, dann aber so hartnäckig, dass sie die Zeit überdauerten. Bei „Kingdom Of Rust“ lässt sich nun Ähnliches feststellen. Es dauert seine Zeit, bis man dem unwiderstehlichen Drive von „Compulsion“ völlig verfällt oder bis man merkt, dass man gedankenverloren „The Greatest Denier“ an anderer Stelle in dieser Rezension geschrieben hat, weil einen der Song bis ins Unterbewusstsein verfolgt. Der Titeltrack kommt beim ersten Hören noch unspektakulär wie eine typische britische Midtempo-Ballade daher. Doch dann öffnet sich auch dieser Song wie eine geheimnisvolle Zaubermuschel, man beginnt die gebrochenen Gitarren zu bemerken, die wie angeschossene Enten in Grandaddy-Manier über den Himmel fliegen. Die erhabenen Streicher, die nachträglich noch durch die LoFi-Kiste gejagt wurden. Alles fügt sich plötzlich zu einem stimmigen Ganzen.

Mit wieviel Gespür für Dynamik und Dramaturgie die Doves gesegnet sind, lässt sich am Besten an „10.03“ erläutern. Wie hier die Metapher vom Zug, der Menschen verbindet und zusammenführt, erzählt wird, ist zwar nicht neu. Doch daher umso erstaunlicher, wie sehr das Kopfkino mit einem durchgeht: Zu Beginn befindet man sich gedankenverloren in einem menschenleeren Zugabteil. Man sinniert, man dichtet: „Like a moth to a flame / I will turn back again“. Man erwacht aus den Gedanken, kommt zu sich, kurz bevor der Zug im dunklen Tunnel der wild umherflackernden, verfremdeten Geräusche eintaucht, nur um dann mit „Astronomy Domine“-Gitarren ans Sonnenlicht zurückzukehren.

Jeder Song ließe sich auf diese Weise in Bilder verwandeln, jeder Song scheint auch aus solchen Bildern entstanden zu sein. Bei „House Of Mirrors“ stand ein zugedröhnter Sergio Leone Pate: Aus dem Nichts tauchen die schneidenden Gitarren auf, die in Western-Manier zum Duell auffordern. Das einzige Duell, das dabei ausgefochten wird, ist dabei der Kampf gegen sich selbst: „Faces in the hallway / Cracks up in the ceiling.“ Eine klaustrophobisch-psychedelische Zustandsbeschreibung, die dazu beiträgt, dass „Kingdom Of Rust“ zum Meisterwerk des Trios geworden ist, das dieses noch junge Jahr überstrahlt.


 

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