DETAILS

Interpret:
dEUS

Plattentitel:
Worst Case Scenario - Deluxe Edition

Label:
Island / Universal

VÖ:
bereits erschienen

Punkte:
Keine Wertung

Weiterführende Links:

Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 18.01.2010

PLATTENKISTE

dEUS - Worst Case Scenario - Deluxe Edition

dEUS - Worst Case Scenario - Deluxe Edition

Lange bevor Stefan Raab mit seinem Bundesvision Song Contest einen Gegenentwurf zum damals größtenteils noch bierernsten Eurovision Song Contest lieferte, hatte der legendäre MTV-Moderator Ray Cokes Mitte der Neunziger bereits eine ähnliche, obgleich radikalere Idee. Am Abend der Ausstrahlung des großen Events ließ er aus seinem kleinen Londoner „MTV Most Wanted“-Studio den besten Song aus Europa wählen, wobei jedoch nicht die Bands auftraten, sondern lediglich die dazugehörigen Musikclips gezeigt wurden. Das Ergebnis war so nebensächlich, dass man die Stimmen an einer behelfsmäßig aufgestellten Flipchart notierte, was den Charme der Sendung nur noch erhöhte. Wer am Ende nun gewann? Who cares?

So wurde man Zeuge, wie zwischen obskuren Clips von Waltari (Waltari?) und Valensia (Valensia?!?) plötzlich der belgische Beitrag gespielt wurde. Alles an diesem Song, angefangen vom grobkörnigen Schwarz-weiß-Videoclip über die unorthodox gespielte Violine, die sich nur im Oktavschritt zwischen zwei Tönen hin- und herbewegte, bis hin zum Bassisten, der im Hintergrund manisch und wie von Sinnen immer wieder „Friday“ brüllte, war dabei von einer ungeheuren Energie und Dringlichkeit, die einen sofort und ohne Umschweife tief in den abgründigen Kosmos namens „Suds & Soda“ sog. dEUS hieß die Band, die den Song zu verantworten hatte, und hätte man damals als kleiner Junge schon The Velvet Underground gekannt, hätte einen dieser Song vielleicht nicht mit derselben Wucht getroffen. Doch The Velvet Underground waren noch ferne Zukunftsmusik für den Rezensenten und so staunte er nicht schlecht über diesen kakophonischen Haufen Lärm, der sich bei genauerem Hinhören als das prachtvollste Stück Musik entpuppte, das er in seinem Leben bis dato gehört hatte.

Auch der Rest des Albums lebt von der anarchischen Gewalt, die von Songs wie dem Titelsong ausgeht. Immer ist eine Gitarre, die Violine, eine Rhodes-Orgel kurz vor dem Durchdrehen und muss durch die anderen Instrumente wieder eingefangen werden. Sänger Tom Barman brachte die Arbeitsweise der Band in einem Interview für das Magazin RifRaf auf den Punkt, als er schelmisch anmerkte: „I come up with a super poppy song and the rest of the band tries to sabotage it.“ Doch aus diesem Schmelztiegel entstanden wahrhaft große Songs, die mit zum Besten gehörten, was die Rockmusik Mitte der Neunziger zu leisten im Stande war: „Worst Case Scenario (First 'Draft)“ mit seinen Jazz-Anleihen. „Via“ mit seiner Grunge-Attitüde. Und nicht zuletzt das zum Weinen schöne „Hotellounge (Be The Death Of Me)“, das in seinen sechseinhalb Minuten eindrucksvoll bewies, dass dEUS zur damaligen Zeit eine Klasse für sich waren, unerreicht in ihrer eitlen, elektrifizierten Eleganz.

Die zweite Scheibe dieser „Deluxe Edition“ beinhaltet mit „Zea“ die Debüt-EP, die den Songs des Albums in nichts nachsteht. Auch die Liveaufnahmen sowie die alternativen Mixe entlocken den sonst so bekannten Songs neue Facetten. „Great American Nude“ wird im „Strip Mix“ zu einer beatlastigeren Angelegenheit und nimmt bereits drei Jahre vor Veröffentlichung den Sound U2s aus der „Pop“-Phase vorweg. Die Bonus-DVD beinhaltet neben der obligatorischen, in diesem Falle jedoch sehr gelungenen „Making Of The Album“ (mit Gastkommentaren von Guy „Elbow“ Garvey, Brian Molko und Gary „Snow Patrol“ Lightbody“) eine Reihe interessanter Live-Interpretationen der Songs des Debüt-Albums. Diese stammen vornehmlich aus alten MTV-Archiven und lassen einen voller Wehmut an die guten alten Zeiten des Musiksenders denken, als es noch richtige Musiksendungen der Marke „120 Minutes“ gab. Eine der besten „Deluxe Editions“ der vergangenen Jahre, die durch den Beavis & Butthead-Clip zu „Suds & Soda“ im DVD-Menü noch veredelt wird: „What the hell is this guy saying? It‘s like ,fried egg, fried egg‘ “.


 

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