DETAILS

Interpret:
Dear Reader

Plattentitel:
Replace Why With Funny

Label:
City Slang / Universal

VÖ:
bereits erschienen

Punkte:
9.0 von 10

Weiterführende Links:

Autor:
Michael Weber
Köln, 16.02.2009

PLATTENKISTE

Dear Reader - Replace Why With Funny

Dear Reader - Replace Why With Funny

Noch bevor ich die Vorabsingle zu Dear Readers Debüt hörte, ging ich davon aus, dass ich von einem donnernden Klang erschlagen werden würde, sobald „Dearheart“ beginnt. Ich war der Auffassung, dass eine Band, die aus Südafrika kommt sich nur so Gehör bei all den Negativschlagzeilen verschaffen kann, die man mit dem Land verbindet. Doch mit dem, was sich dann ereignete, hatte ich nimmer gerechnet. Statt vor Kraft strotzendem Gesang und im wahrsten Sinne des Wortes bombastischen Beats, wurde ich von satten Klavier-Anschlägen, zierlichen Streichern, einer verschachtelten Produktion mit Chören und Waldhörnern begrüßt. Einen ganz besonderen Eindruck hinterließ aber bei all der Ausgefeiltheit Cherilyn McNeils eindringlich süße Stimme.

Sie ist in allen Stücken auf „Replace Why With Funny“ die niemals ins Schwitzen geratende Lastenträgerin dieses so dichten Dramas in zehn Akten. Die vielen melodischen und rhythmischen Wendungen nimmt sie mit aller Leichtigkeit auf sich und scheint das musikalische Zelt von Dear Reader ganz nah am Abgrund des Pathos aufgeschlagen zu haben. Ein Absturz ins Bodenlose wird sich jedoch nicht ereignen, auch wenn der erste Höreindruck etwas anderes erwarten lässt. „Replace Why With Funny“ wächst mit jedem weiteren Hördurchgang und legt noch mehr feinste Details frei. Streckenweise erinnert sie sogar an ihr Vorbild Regina Spektor („Out Out Out“, „Never Goes“).

Auch wenn Dear Reader neben McNeil eigentlich aus zwei weiteren Mitgliedern besteht, kommt es einem so vor, als würden Darryl Torr an Keyboards und Bass und Michael Wright am Schlagzeug all ihr Können ihrer Ausstrahlung unterordnen. Sie sind die mehr oder weniger stillen Begleiter auf ihrem „Way Of The World“. Aber auch Brent Knopf von Menomena beugte sich dieser stillen Hierarchie und produzierte mit der Band binnen zweieinhalb Wochen dieses emotionale Stück Anti-Indie-Folk-Pop.

Das Album befindet sich in einem permanenten Fluss, der einem die Trennlinien der einzelnen Songs verwischt. Obwohl es klar gesetzte Anfänge und Enden gibt, scheinen sie keine Rolle zu spielen. Auf diesem Weg steigern sich Dear Reader vom anfänglich progressiveren Klängen hin zu einem alles von Chören erschlagenden Finale, das seines gleichen sucht. „Way Of The World“ mit seinen tänzelnden Gitarren und Banjos noch ganz keck daher, während „Dearheart“, wie schon erwähnt, das rührende Schachtelspiel auspackt. Auch ohne McNeils glasklarem Gesang strahlt der Zwischenteil durch sein im Hintergrund schwingendes Klavier, die mit dem Waldhorn anschwellenden Streicher und dem rumpelnden Schlagzeug. Ganz anders verhält sich da auch schon das folgende „Great White Bear“, ohne dass es aus dem harmonischen Rahmen stolpert. Was noch so zärtlich auf Gitarren, Streichern und Klavier beginnt, wird zum Ende hin mit seinem lässig wirbelnden Schlagzeug immer fordernder.

So wie man im Winter durch das altbewährte Zwiebelprinzip warm bleibt, wärmen Dear Reader ihre Musik auf. Schicht für Schicht fügen sie die Elemente zusammen. Und so wie auch beim Zwiebellock unerwartete Kleidungstücke auftauchen, finden sich in Dear Readers Musik unerwartete Wendungen. Das Spiel mit der Erwartungshaltung beherrschen sie so gut, dass einem nach solch einer Fragilität und Dramatik wie in „Release Me“ dürstet. Eine Melodie, ein Rhythmus wird ganz kurz angerissen, gesteigert und dann, so plötzlich wie es kam, verschwindet es wieder. Eben dieses Spiel vom Bitteren und Sauren treiben sie in den letzten drei Songs auf „Replace Why With Funny“ vollends auf die Spitze.    

Den für die Produktion eingeladenen WITS Chor hört man nicht nur während des gesamten Albums, aber in den Glanzstücken „The Same“ und „What We Wanted“ bekommen sie ihren ganz großen Auftritt und veredeln jede Note von McNeils Gesang. Sopran, Tenor, Alt und Bass fahren einem mit ihrem rhythmischen Spiel in „The Same“ unter die Haut, während McNeil „The same / We are both the same / We share the same heart / We are made of the same parts“ singt. Noch wundervoller wird das Zusammenspiel zwischen Dear Reader und dem Chor allerdings im anschwellenden „What We Wanted“. Wenn McNeil gemeinsam mit dem Kanon im sich wiederholenden Refrain „What we wanted / What we need“ aus sich herausgeht ist ganz großes Gänsehautgefühl angesagt. Und mit dem letzten Aufbäumen in „Everything Is Caving“ fühlt man sich sogar ein Wenig an Nine Inch Nails wie auf „Still“ erinnert. Das ist alles, wirklich alles andere, als man von einer Band aus Südafrika erwartet hätte.


 

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