DETAILS

Interpret:
Dead Western

Plattentitel:
Suckle At The Supple Teats Of Time

Label:
Discorporate Records / Soulfood

VÖ:
bereits erschienen

Punkte:
7.0 von 10

Weiterführende Links:

Autor:
Jan Nicolai Kolorz
Köln, 29.03.2010

PLATTENKISTE

Dead Western - Suckle At The Supple Teats Of Time

Dead Western - Suckle At The Supple Teats Of Time

Um Psychosen, Depressionen und sonstige affektive Störungen zu therapieren, geben Menschen astronomische Summen für Hypnose aus. Eine weitaus kostengünstigere Variante wäre es, sich die neue Platte des Hobbyschamanen Troy Mighty und seiner Band Dead Western zu Gemüte führen zu lassen. Doch bevor diese psychotherapeutische Do-It-Yourself-Methode angewandt wird, sollte darauf hingewiesen werden, dass sich der seelische Zustand des Hörers bei falscher Dosierung ebenso verschlimmern könnte. Die zweite LP mit dem alliterarischen Titel „Suckle At The Supple Teats Of Time“ scheint nach dem ersten Hören tatsächlich todtraurig, düster, sogar depressiv. Die lamentierende Stimme, durchweg langsame Folk-Balladen und ab und an klangliche Ergänzungen eines Akkordeons, einer singenden Säge oder donnernden Gerölls („A Song To Calm The Minds“) fördern nicht unbedingt Lebensmut und Optimismus. Schließlich hört man noch einmal rein. Und noch einmal. Und langsam erinnert man sich, dass es eine Gemütsverfassung jenseits von Frohsinn und Traurigkeit gibt: die Melancholie. Das Gefühl, aus Glück zu Weinen.

Hier werden beide Welten zusammengeführt. Das optimistische Glockenspiel, die liebevolle Gitarre und helle Streichersätze vermengen sich mit dem klagenden Bass in Troy Mightys Stimme und dem, was sie transportiert, wenn er voller Zuversicht singt „ But then the feelings of the world just fade away / And I am floating here full of love for you, my dearest friend.“ Plötzlich finden sich unbemerkt einige Hoffnungsschimmer auf dieser wunderschönen Platte. Am Ende von „Not Really Here At All“ singt ein Kinderchor „To those who complicate: Please keep your weapons out of space! / Please throw your weapon in the garbage can“. Und dieses Verlangen, nach Liebe, Gerechtigkeit und einer besseren Welt ist hier ganz und gar ernst gemeint. Warum sollten diese Momente auch ständig polemisiert werden? „What´s so funny about peace, love and understanding?“, fragte sich Elvis Costello vor einigen Jahren. Die Frage scheint im Kontext von Dead Westerns wunderbar musikalisch inszeniertem Plädoyer gerechtfertigt.

Viel geschieht auf dieser Platte im Hintergrund. Erst beim genauen Zuhören erkennt man die Pauken, das Kazoo und die Streicher. Das erste Instrument ist und bleibt jedoch dieses beispiellose Timbre, das schüttelt und vibriert, und das in einer andächtigen Tiefe, die nicht einmal Nick Cave, Bill Callahan oder Scott Walker in sich bergen - bei allem Respekt natürlich. Allen Unkenrufen zum Trotz: es wird gejammert, ja. Aber mit Stil. Und dieser verdichtet sich in einem wohlklingenden, zugegeben, nicht einfachen Album, das aber nach einigen Durchläufen seine ganze Schönheit entfaltet und den unentdeckten Ort einer hoffnungsvollen Zukunft offen legt - hin zu „Where The Wind Blows“. Wo immer das auch sei. Die Psychosen wurden jedenfalls therapiert und der Gang zur Couch blieb einem erspart.

Video: „Not Really Here At All"

Dead Western " not really here at all " (official video) from Shane Skogberg on Vimeo.


 

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