Interpret:
Crystal Castles
Plattentitel:
dto. (II)
Label:
Fiction / Universal
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
8.5 von 10
Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 07.06.2010
Es ist eine post-atomare Welt, aus der uns Crystal Castles mit ihrem aktuellen Album grüßen. Aus den qualmenden Überresten unserer Zivilisation, unserer Kultur, steigt nur noch modriger Schlammgeruch empor, versetzt mit allerhand Giftstoffen, die bei Kontakt mit der Haut auf der Stelle tödlich wirken. Babys mit zwei Köpfen und drei Armen werden geboren. Das Empire State Building stürzt ein. Geldgierige Banker verkaufen uns in 3000 Metern Tiefe zu horrenden Preisen Planquadrate ihres Bunkerimperiums, das sie uns als „letztes Paradies“ anpreisen. Ein wenig Normalität findet sich jedoch noch: soeben wurde bei den Pariser Prêt-à-porter-Schauen die neueste Kollektion an Atemschutzmasken und schutzdichten Overalls präsentiert. Die Fachpresse jubelt, die Erde spuckt Asche.
Es ist der ganz normale Wahnsinn, der uns von dem kanadischen Electro-Duo schmackhaft serviert wird. Versatzstücke dessen, was wir gemeinhin unter Begriffen wie „Melodie“ oder „Rhythmus“ kannten, werden solange kleingeschreddert und digitalen Säurebädern unterzogen, bis am Ende nichts als die ursprüngliche Idee der Wörter zurückbleibt. In „Vietnam“ wird Stina Nordenstams betörender Song „I See You Again“ dermaßen bearbeitet, dass am Ende jegliche Menschlichkeit aus dem Song entwichen ist und diese stattdessen durch technoide Qualitätsware ersetzt wurde.
Bedrohlich wummert einem in „Year Of Silence“ eine Basswalze entgegen, so als würde man neben einem startenden Kampfjet mit Schluckauf stehen. Über dieser Apokalypse aus abgehackten Beats schwebt über allem eine engelsgleiche Stimme, die metallisch und synthetisch, aber zugleich so warm klingt. Als hätte man Sigur Rós-Sänger Jónsi Birgisson zum Cyborg verwandelt. Und tatsächlich ist es der Sänger der isländischen Band, der hier gesampelt wurde und auf faszinierende Weise in das Klang-Universum der Crystal Castles eingebaut wurde.
Aber nicht alles ist pure Endzeitstimmung auf „Crystal Castles“. Zwar geben kakophonische Konstruktionen wie „Fainting Spells“ oder der Electropunkausbruch „Doe Deer“ den Ton an. Doch findet sich auf dem Album noch eine zweite Sorte von Songs, die wie warmes Neonlicht für kurze Beruhigung sorgen. Die erste Single „Celestica“ ist mit ihrem Menschmaschinen-Flair einer der eingängigsten Songs des Albums, was aber nicht heißen soll, dass der Song dadurch konventionell wäre. „Violent Dreams“ durchzieht ein hakeliger Synthiesound, so als würde man mit einer sehr langsamen Internetverbindung einen alten New Order-Song in Echtzeit übers Netz hören.
Trotz aller Brüche ist „Crystal Castles“ ein ungemein rhythmisches, tanzbares Album geworden, das durch diese Tatsache noch mehr an Reiz gewinnt. Denn so verschroben die Kompositionen auf den ersten Blick auch wirken mögen, so schnell setzen sie sich im Kopf des Hörers fest und entfalten beim zweiten, spätestens beim dritten Hören eine ungemeine Sogwirkung. Plötzlich erkennt man eine Melodie in den unzähligen Einzelteilen, die sich wie ein Mosaik zusammensetzen und aus der Ferne betrachtet ein imposantes Gesamtkunstwerk ergeben. Für eine Welt, die trotz zunehmender Vernetzung mehr und mehr auseinanderfällt, ist „Crystal Castles“ der perfekte, wenn nicht gar der einzig relevante Soundtrack geworden.
Stream: „Vietnam“
Stream: „Celestica“
Celestica by Crystal Castles