Interpret:
Chinese Man
Plattentitel:
Racing With The Sun
Label:
Chinese Man Records / Groove Attack
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
6.5 von 10
Autor:
Julia Seiffert
Köln, 25.01.2012
Ein Heuballen weht durch eine verlassene Kulisse. Die Tür zum Saloon knarrt und qietscht. Ein paar Schüsse sind zu hören. Zwei Männer stehen sich im Duell gegenüber, versinken im Staub der Sonne. Dieses klischeebehaftete Westernmotiv gilt als Grundgerüst einer Filmszenerie. Bevölkert wird dieses Gebilde von Figuren wie Miss Chang, Ugly Panda oder Mama Groove. Allesamt erfundene Charaktere, die sich in den verschiedenen Songs auf dem Debütalbum „Racing With The Sun“ wiederfinden und aufeinander treffen, um eine Geschichte zu erzählen. Das französische Turntabilsm-Kollektiv Chinese Man nutzte diesen kreativen Gedanken und konzipierte daraus den Soundtrack für einen nicht existierenden Film.
Die drei vinylbesessenen DJs High Ku, SLY und Ze Mateo sind in heimischen Gefilden längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Dort veröffentlichten sie bereits erfolgreich in zwei Teilen ihre Chinese Man Mixtape Reihe „Groove Sessions“. Höher, weiter, besser. Für das erste Album geben Chinese Man alles. So scheint es einen auch nicht zu verwundern, dass die Produktion mithilfe von Sodi (Fela, Femi Kuti) ein gutes Jahr in Anspruch nahm. Perfektion heißt wohl das Stichwort. Für ihren ersten Longplayer kramten sie nun ihre Plattenkisten nach den besten Samples durch und begaben sich an neue musikalische Ufer. Sie haben ihren Horizont erweitert, begnügen sich jetzt nicht mehr nur mit ihren teils reduziert klingendem Charme aus chinesischen Melodien und souligen Arrangements, gepaart mit ihrer hypnotischen Scratchtechnik. Dafür holten sie sich unzählige befreundete Gastmusiker an Bord, die ihnen nicht nur beim Sound weiterhalfen, sondern auch gesanglich einiges leisteten. Durch die neuen künstlerischen Einflüsse wurde das Repertoire an Genres auf ein Maximum aufgestockt und eine unvergleichliche Mischung aus Hip Hop, Elektro, Baile Funk, Afro Beat und Dub geschaffen.
Dieser Reichtum an Vielfätigkeit wird einem vom Opener „Introduction (Morning Sun)“ bis hin zum letzten Track „The King“ um die Ohren geschleudert. Hier wird alles gemixt und in einen Topf geworfen, was nicht niet- und nagelfest ist. Bei „Miss Chang“ ertönt beispielsweise eine ungewöhnliche und einzigartige Frauenstimme einer mysteriösen Dame, welche ein unglaublich hohes Klangvolumen aufweist. Gepaart wird diese mit chinesischer fünfziger Jahre Musik, Reggaegesangs- und Rapeinlagen. Hört sich nach einer unfunktionierenden Masse an, ergibt aber eine perfekt passende Einheit, die überrascht. Beim nächsten instrumentalen Song „Saudade“ vibriert der tiefgehende Beat durch den Körper und wird von melodiösen Pianoeinlagen entschärft.
Ein weiterer, hervorzuhebender Track ist zweifellos „Get Up“, eine Banjo-Hip Hop Hymne, die sich im Gehörgang festsetzt und sofortiges Summerfeeling hervorruft. Der mitunter eingängigste Track, der ein paar schmissige Hooklines aufweist, die leider bei den anderen Liedern untergehen oder gar komplett fehlen. Das ist auch das einzige, dennoch gewichtige Problem. So interessant und vielseitig die Experimentierfreude sich auch auf „Racing With The Sun“ gestaltet, so oft verlieren sich Chinese Man im Klangwirrwarr. Dieses Risiko waren sie dennoch bereit einzugehen, denn ihr Ziel ist, einen bis dato unentdeckten Sound zu kreieren und das ist ihnen vollstens gelungen. Eine neuartige Loungemusik, die Zufriedenheit und Wohlwollen schafft und nicht nur einmal durch den Plattenspieler rauschen wird.
Video: „Miss Chang“