DETAILS

Interpret:
Chelsy

Plattentitel:
Sweet Medicine

Label:
S&V Records / MMS / AL!VE

VÖ:
bereits erschienen

Punkte:
8.0 von 10

Weiterführende Links:

Autor:
Bastian Küllenberg
Wuppertal / Düsseldorf, 01.02.2010

PLATTENKISTE

Chelsy - Sweet Medicine

Chelsy - Sweet Medicine

Vorhang auf für den Ruhrpott. 2010 bringt der Region nicht nur den Titel der Kulturhauptstadt Europas, sondern, was mit Verlaub aus meiner Sicht vielleicht noch erfreulicher ist, auch die Veröffentlichung eines neuen Albums der Mühlheimer Indiemusikanten Chelsy.  

Bei so manchem Leser unseres Magazins muss man zu dieser Band keine großen Worte mehr verlieren. Chelsy haben sich längst fest etabliert in Indiehausen, Germany. 2002 gekommen, um zu bleiben, ist die Formation um Songschreiber und Sänger Martin Arlo Kroll in wechselnder Besetzung seither regelmäßig sehr ausführlich auf Tour und hat in der jüngeren Vergangenheit einige feine EPs unters Volk gebracht. Nun gibt es mit „Sweet Medicine" endlich mal wieder einen Longplayer zu erwerben, dessen Lieder über einen Zeitraum von zwei Jahren in mehreren Sessions eingespielt wurden.

Jedoch merkt man es dem Album nicht an, dass hier ein wenig Bastelarbeit von Nöten war, um aus vielen Einzelteilen einen geschlossenen Kosmos zu bauen. Unter den heilenden Händen von Kai Blankenberg, der bereits für Tocotronic und die Beatsteaks gute Arbeit geleistet hat, wurde der Klang beim Mastering zu einer runden Sache und lässt beizeiten an die frühen Wilco oder Travis denken. Hier geht es im Mid-Tempo und harmonisch zu, ohne dass dem ganzen die Spannung fehlen würde. Kritiker könnten das ganze aufgrund eines zeitweiligen Mangels an Kanten und Reibefläche als zu nett bezeichnen, wer jedoch genauer hinhört, erkennt, dass hier mehr ist als nur Oberfläche.

Lieder wie das leicht schunkelnde „Who Needs Words" oder „So My World" gehen schnell ins Ohr, entpuppen sich jedoch auch nach mehrmaligem Hören eher als pastellfarben-schimmernde Schmetterlinge, denn schnöde Eintagsfliegen. „Paris, Montreal Or Rome" wagt sich gar noch einen Schritt weiter und schlägt in Richtung Frühlingsgefühle ein. Hände werden geklatscht, der Gesang intoniert sanft seine Verse zu unberschwerter Melodie. Wenn draußen der Schnee in dicken Flocken fällt, kann so etwas durchaus helfen. Es sind die sympathischen Texte, eine angenehme Unaufgeregtheit und die Liebe zu schönen Melodien, durch was sich Chelsy auszeichnen. Da darf einem „First Letter" stellenweise ein wenig zu sauber und bemüht klingen, entdeckt man nach mehrfachem Durchgang schließlich, wie wunderbar das Lied eigentlich beginnt. Auch nach dem ruhigen, etwas getragenen Rausschmeißer „Difference" lohnt es sich, noch hinzuhören, offenbart sich doch nach wenigen Minuten ein kleiner hidden Track, der das Album schließlich zu einem leicht melancholischen Ende führt.

Chelsy sind beileibe nicht die Innovatoren der melodischen Rockmusik und haben diesen Anspruch auch nicht an sich. Vielmehr ist diese Band ein Paradebeispiel dafür, warum das Adjektiv „solide" viel positiver zu verstehen ist, als es landläufig oft geschieht. „Sweet Medicine" ist ebenso schnell zugänglich, wie erforschbar, kurzweilig und dabei doch in der Lage, über Stunden im CD-Player zu bleiben. Ich wiederhole mich gern, 2010 gehört dem Ruhrgebiet.

 

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