Interpret:
Caribou
Plattentitel:
Swim
Label:
City Slang / Universal
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
9.0 von 10
Autor:
Michael Weber
Köln, 19.04.2010
Spätestens nach unserem Interview mit Daniel Viktor Snaith wussten wir es ganz genau: Er ist ein wenig schizophren. Dass er es aber wirklich ernst meint, hätten wir niemals gedacht. Doch dann das. Plötzlich ist er da, „Odessa“ der erste Song von seinem nun veröffentlichten dritten Album „Swim“, schlug ein wie eine bisher noch nie von ihm gehörte Bombe. Nichts, aber auch rein gar nichts erinnert hier mehr an „Andorra“, dem Vorgänger-Album. Statt psychedelisch behauchten Indietronics, die wie mathematische Gleichungen ein bisschen stoisch um sich selber kreisen, bricht es hier voll aus ihm raus. Der 32-jährige Kanadier will es anscheinend wissen. Er prescht nach vorne, schmettert Beat um Beat auf den Dancefloor und vereint im Handumdrehen mal eben Hot Chip mit Pantha Du Prince.
Somit ist „Swim“ eine Symbiose aus allerfeinstem Indie, Techno, House und Pop geworden, die in diesem Jahr seinen Meister nicht mehr finden wird. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer und stehe ich selbstverständlich mit meinem Namen. Die neun Songs kommen alle aus einer Schmiede, die wie der Hammer auf dem Amboss die besagte Marschrichtung vorgeben. Und dennoch: So wie der Titel es verheißt, ist dieses Album von einer wässrigen, ja treibenden, sich in alle elektronischen Gefilde verbreitenden Laune durchsetzt. Ausufernd ist Caribou dabei allerdings nie.
Der organische Klang vom „Swim“ sticht ganz besonders hervor. Durch die vielen trällernden Bläser, die wohligen Beats, die auch ohne weiteres live umgesetzt werden können, und natürlich Snaiths Stimme, die fast immer etwas neben der Spur zu laufen scheint, will sich kaum der Gedanke verfestigen, dass das hier ein elektronisches Album geworden ist. Aber das ist es. Alleine, wenn „Swim“ mit dem anschubsenden Bass und den im Mark rüttelnden Rasseln, Glocken und weiteren Perkussionen von „Odessa“ beginnt, ist alles klar. Das gehört in die Clubs, und zwar ohne Widerrede. Und ich kann es mir schon jetzt bildlich vorstellen, wie durchgeschwitzte Menschen ihre Hände zu den verhallten Gesangs-Klängen von „Sun“ emporreißen, ihre Hüften zu den wabernden Beats kreisen lassen und wie in Trance „Sun / Sun / Sun / Sun...“ rufen.
Das folgende „Kaili“ büßt zwar kaum etwas von der besinnungslos-schwelgenden Art von „Swim“ ein, es ist aber das unambitionierteste Stück auf diesem Album. Vielleicht sogar der winzige Ausreißer. Der psychedelische Fehltritt, den man Snaith aber verzeihen kann und der schon wieder beim folgenden „Found Out“ vergessen ist. Ein Stück, dass irgendwo zwischen ruhigem Tanzen und kratzigem Aufbegehren hängt, bevor es mit „Bowls“ kein Halten mehr geben wird. Hier ist durch die klöppelnden Glocken, dem vertrackten Rattern und dem ganz tief brummenden Bass Pantha Du Prince nicht nur zu Gast, jeder DJ würde einen groben Fehler begehen, wenn er ihn nicht im Anschluss daran spielt.
Genauso sieht es mit „Leave House“ aus. Nur, dass nicht ein Song von Hendrik Weber der nächste sein sollte, sondern von Hot Chip. Das zarte Hauchen der Querflöte mit dem energischen Rhythmus und Snaiths verquer-charmanten Gesang ist, neben dem bereits erwähnten „Bowl“ eines der Highlights auf „Swim“. Doch das beste kommt erst fast zum Schluss: „Hannibal“. Der längste und mit Abstand direkteste Song auf diesem elektronischen Glanzstück von einem Album. Wer Kompakt oder das musikalische Stil-Label Cologne Techno nicht kennt, wird mit diesem dumpfen, warmen und sich langsam aufbauenden Klang inklusive Bläser eine neue Liebe finden. Ein fantastischer Song. Bei so viel zappeliger Euphorie, die dieses Album mit sich bringt, brauche ich das vorwärts und rückwärts atmende „Lalibela“ und die ganz groß geratene Hymne „Jamelia“ fast gar nicht mehr zu erwähnen. Caribou ist ein Muss in diesem Jahr!
Video: „Odessa“