Interpret:
Blumentopf
Plattentitel:
Wir
Label:
Virgin / EMI
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
6.0 von 10
Autor:
Michael Weber
Köln, 15.06.2010
Auf wiedersehen Four Music. Willkommen bei der EMI. Den HipHop-Puristen unter euch stößt das bestimmt gewaltig auf. Ja, zugegeben, merkwürdig ist es schon. Aber wollen wir denn da gleich kleinlich sein? Durchaus nicht. Die fünf rappenden Nachtschattengewächse aus Bayern bleiben sich, den gefuchsten Produktionen und ihrem Wortwitz treu. Und außerdem wird Four Music ja auch bekanntermaßen von Sony vertrieben. Es bleibt also alles beim Alten, nur die Namen haben sich geändert.
Sie sind und bleiben die „Nerds“ des deutschen HipHops, die sich nicht im Geringsten um die pöbelnde Rap-Nachbarschaft aus der Hauptstadt kümmern. Gut so, denn „Du sagst ja / Ich schrei' nein / Dir zu groß / Mir zu klein / Mir zu grau / Dir zu bunt / Was du für klug hälst, ist mir viel zu dumm“ („Mein Dein“). So ist es auch verständlich, dass sie mit ihrem 15 Tracks umfassenden Album „Wir“ Beats auftischen, die ordentlich aus Rock-Versatzstücken geschustert wurden. Sepalot hat wahrlich tief in die E-Gitarren-Sample-Kiste gegriffen, um fast durchweg sehr rockige Produktionen zum Besten zu geben. Verzerrt, krachend, aber nicht unbedingt zu organisch. Neu ist das wirklich nicht, aber es geht gut ins Ohr. Gerade die Drums kicken wunderbar gut auf „Wir“.
Geradlinig, schon fast stoisch halten sie hier Kurs. Womit sie wenige bis eigentlich keine Experimente auf ihrem sechsten Album eingehen. Vielleicht lässt sich sagen, dass das die heimatverbundenen Väter unserer Generation huldigende „Fenster zum Berg“ mit seinem schunkelnden Marschmusik-Samples und das gnadenlos nach vorne preschende „Erzähl Mir Was“ das Waghalsigste sind, was wir auf „Wir“ zu hören bekommen. Eigentlich ist das sehr schade. Von Blumentopf, die stets nicht auf den Mund gefallen sind, erhofft man sich doch, wenn man ehrlich ist, dass sie irgendwann auch mal nicht auf die Beats gefallen sind. Etwas mehr Elektronik? Etwas mehr Holprigkeiten? Etwas mehr unerwartete Wendungen? Nein, nein, nein. Es wäre schlussendlich „SuperEinfachSchwierig“. Somit sind die Instrumentals auf „Wir“ unterm Strich „SoLaLa“ geworden.
Trotzdem bleibt zu sagen, dass Blumentopf einfach gute Texte schreiben, die zum einen reimetechnisch auf einem ganz eigenen, hohen Niveau lancieren und zum anderen verdammt gut, ehrlich und geerdet erzählt werden. Ganz exquisit machen die Töpfe das im Highlight „Nicht Genug“. In diesem lässig auf Klavier-Samples pumpenden Song vergöttern sie ihre Beziehungen, treffen Entscheidungen für die Zukunft und schmettern ganz nebenbei die wohl beste Textzeile in einem deutschsprachigen HipHop-Song dahin, die wir jemals gehört haben. „Wie dein Blick mich trifft / Touché mon amour / Wir tanzen im Flur die Dirty-Dancing-Hebefigur“. Na, wenn das mal keine offenherzige Bekundung für ein fruchtbares „Wir“ ist. Da Blickt man auch gerne über den etwas enttäuschenden Rest hinweg.