Interpret:
Bloc Party
Plattentitel:
Intimacy
Label:
Wichita / Cooperative Music / Universal
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
7.0 von 10
Autor:
Michael Weber
Köln, 27.10.2008
Mittlerweile weiß es jeder: Bloc Party haben die MP3 samt neuer Verbreitungswege für sich entdeckt und wurden gleich von allen Seiten für diese „Innovation“ gelobt. Selbstverständlich mit anschließender Korrektur, dass nicht Bloc Party die Urheber jener neuer Möglichkeiten sind, aber immer mit überkochender Euphorie auf den Lippen irgendwie dafür abgefeiert wurden. Nach der bombastischen Single „Mercury“, die mit ihrem tosenden Beat, den eklektischen Spielereien an Samplern und Sequenzern und natürlich Okerekes manisch experimentellen Gesangseinlagen wie ein gewaltiger Ruck durch einen durch ging, brauchte man einfach mehr.
Mit jener plötzlichen Ankündigung freute ich mich in diesem Jahr wie auf sonst kein anderes Album. Jedoch stellte sich gleich eine auf Erfahrung gründende Skepsis bei mir ein, die ich bei aller Euphorie gewähren lies: Bloc Party haben nämlich das Talent, ihre Werke und damit auch immer ein Stückchen sich selber zu zerlegen. Immer wieder haben sie uns mit EPs, exklusiven Remixen und Singles in ihren Bann gezogen. Nie standen sie still, weder aus musikalischem noch aus wirtschaftlichem Interesse. So haben sie lange vor ihrem scheinbaren „Geniestreich“ die Hörer mit dieser unermüdlichen Kreativität verzaubert und sich in deren Herzen gespielt. Ihre Alben aber demontierten sie.
Bei allem Respekt, aber mit den nachträglichen Ergänzungen der Alben „Silent Alarm“ und „A Weekend In The City“ um je einen weiteren Song bekommt dieser Akt einen Beigeschmack, wie man ihn sonst nur von George Lucas kennt. Das Schlimme aber ist, dass Bloc Party nicht Jahrzehnte für diese Selbstdemontage benötigen. Mit „Intimacy“ gelingt es ihnen ca. zwei Wochen nach der vorläufigen Selbstveröffentlichung. Auch das scheinbar fertige „Intimacy“ erfuhr so noch eine Schönheitskorrektur und wurde um die Single „Talons“ nachträglich ergänzt. In der regulären Edition versteht sich.
Wie viel Wertigkeit hat das Album-Format für Bloc Party noch? Es liegt nicht an den Songs an sich, dass ich diese späteren Eingriffe der vier Londoner verurteile. Als in dieser Hinsicht puristisch veranlagt schüttele ich bereits bei Special Editions mit dem Kopf. Was demnach bleibt ist, der Gedanke, dass „Talons“ perfekt in das intime Albumkonzept passt, aber aufgrund zu häufiger Hördurchgänge von „Intimacy“ ohne diesen Song für mich das Album seine Gestallt bereits angenommen hatte. Und obendrein legten für diese Platte zwei Produzenten Hand an. Paul Epworth, Produzent des ersten und Jacknife Lee, Produzent des zweiten Albums sind mit sechs bzw. fünf Produktionen an „Intimacy“ beteiligt. Eine solche Ankündigung hat Hybridcharakter, etwas das man doch, jetzt nachdem ein bemerkenswertes zweites Album erschienen ist, hätte verhindern müssen.
Zunächst beginnt „Intimacy“ aber dann doch nach dem angestrebten nächsten Schritt der Band. Die krachende Produktion zwischen wohlklingender Maßlosigkeit und der Freude sich weiterzuentwickeln von „The Prayer“ ist auch in „Ares“ und eben „Mercury“ vorhanden. Mit seinen schrillen Kreischen, der quäkenden Gitarre und dem bebenden Beat klingt „Ares" wie eine wahnsinnig gewordene, rappende Furie. Schließlich heißt es ja auch im Refrain „We dance to the sound of sirens“. Bloc Party haben mit „Intimacy“ nicht nur ihre längst bekannten Intimitäten rund um Beziehungen Liebender ausgebaut, neben einem wunderschönen Cover haben sie auch die erotisch anmutende griechische Antike ähnlich wie Hercules And Love Affair in diesem Jahr für sich entdeckt. „Ares“, „Mercury“ oder Texstellen wie „…sirens“ und „For my sweatheart the melancholic / You have crossed the river Styx“ („Biko“), sind neben den Songtiteln „Trojan Horse“ und „Zephyrus“ deutliche verweise.
Nach dem Ungetüm „Mercury“ kommt der irgendwie erwartete Bruch auf „Intimacy“. „Halo“, „Trojan Horse“ oder „One Month Off“ sind im Vergleich zu den schrillen elektrisch beladenen anderen Produktionen viel zu schlicht geraten. Von „Talons“ weiß man, dass es von Epworth ist. Ein vom Ablauf und für Bloc Party Verhältnisse technischen unspektakulärer Song, der sehr gradlinig davon stürmt. Er gehört zu den teilweise eklatant schwächeren Songs. Eben jene Songs, wofür wohl nicht das Kochbuch für einen musikalischen Bastard rausgeholt wurde. Elektronische Elemente sind auch in diesen Songs zu Hauf vorhanden, sie verschwimmen nur. Und trotz Verweise auf eine frühere Bloc Party schaffen sie es nicht mehr so schön schlicht und ausgefüllt zu klingen.
In zitternden „Biko“, das aber zunächst nur von einem Delay beladenen Gitarrenloop begleitet wird, singt Okereke bittersüß. „Signs“ weist mit seinen klimpernden Glockenspielen, den synthetisierten Gitarren und dem leicht pulsierenden Beat eine leichte Ähnlichkeit mit Hot Chips „The Warning“ auf. Das auf den Undzählzeiten klatschende „Better Than Heaven“ erwächst zum Ende sogar zu einem Gewitter und „Zephyrus" ist mit seinem herzlichen Refrain und dem hastig atmenden Beat einfach großartig . Hier spielen Bloc Party wieder in ihrer ganz eigenen Liga. Wenn sie musikalisch wie inhaltlich rührselig ehrlich auf Schmerzlichkeiten blicken, sind sie unschlagbar. Auch wenn alle Bandmitglieder gewaltig an den Reglern schrauben und sich weiterhin neu erproben, ist es doch Okereke, der mit seiner einzigartigen Stimme hier noch vielmehr experimentiert. Jetzt muss nur noch mehr das konsequentere Handeln geübt werden. In Anlehnung an EE Cummings sage ich aber dennoch: I still carry you in my heart.