Billy Bragg - Mr. Love & Justice

„Er weiß wie man die Menschen wirklich erreicht“, staunte Kate Nash anlässlich eines gemeinsamen Auftrittes mit Billy Bragg im letzten Jahr. Die Nachwuchsgoldkehle ist mit ihrer Bewunderung in guter Gesellschaft, sorgen doch die Geschichten und die Präsenz dieses Mannes, der sich zumeist nur mit einer Gitarre bewaffnet gegen die rauen Wellen der Welt stellt, seit den frühen 80er Jahren dafür, dass junge Menschen anfangen eigene Lieder zu schreiben. „A New England“ ist die unsterbliche Hymne einer langen, an musikalischen, wie textlichen Höhepunkten reichen Laufbahn. Und ein Ende ist nicht in Sicht.
Man mag es als ironischen Wink verstehen, dass „Mr. Love & Justice“ ein dem Titel entsprechend hochstilisiertes Foto des Songwriters zeigt, der in der Vergangenheit vielleicht zu oft zum integeren Gewissen der gegenwärtigen Musikwelt gemacht wurde. Doch so ganz von ungefähr kommt das nun auch nicht. Kaum ein Künstler erhält so vorbehaltlos das Prädikat „glaubhaft“ verpasst, wie Billy Bragg. Vom Sandalen tragenden Weltverbesserer im Ohrensessel ist der Brite jedoch meilenweit entfernt, auch im Jahr eins nach dem 50ten Geburtstag müssen die Gedanken auf die Straße und zu den Menschen.
Im Laufe der Jahre ist einzig der Klang ein wenig zahmer, gelassener und sanfter geworden. „I Keep Faith“ oder „I Almost Killed You“ bleiben wach im Kopf, auch wenn man zu diesen warmen Tönen sogar wohlig schunkeln kann. Wundervoll auch das Duett „The Johnny Carcinogenic Show“. Man sollte daher vorsichtig sein, direkt von einem Alterswerk zu sprechen und Gemütlichkeit zu vermuten. „The Beach Is Free“ zeigt Bragg kämpferisch wie eh und jeh. Kapitalismuskritik trifft auf das Idealbild der freien Natur, der Ausbruch liegt im Aufbruch.
Am Ende darf man sich freuen, dass einer der wichtigsten britischen Songwriter auch nach über einem halben Jahrhundert nichts verlernt hat. Möge Mr. Bragg auch morgen und übermorgen noch kraftvoll zubeißen können!