DETAILS

Interpret:
Autechre

Plattentitel:
Oversteps

Label:
Warp / Rough Trade

VÖ:
bereits erschienen

Punkte:
7.5 von 10

Weiterführende Links:

Autor:
Dominik Knauf
Köln, 19.04.2010

PLATTENKISTE

Autechre - Oversteps

Autechre - Oversteps

Mit jedem weiteren Autechre-Album wird es schwerer und schwerer, neue sprachliche Bilder für diese eigene, sehr komplexe Musik zu finden. Man muss schon tief graben: Verliebte kybernetische Roboter, die betrunken auf Hauptplatinen stepptanzen? Vielleicht. Verrückte androgyne Wissenschaftler, die sich in einer virtuellen, post-nuklearen Wirklichkeit mit stotternden und flackernden Hot Rods ein Wettrennen liefern? Naja, wir wollen ja auch mal nicht übertreiben. Fakt ist jedoch: Autechre sind aus der Riege der Warp-Bands der ersten Generation um LFO und Aphex Twin die einzigen, die noch regelmäßig auf konventionellem Wege neue Alben veröffentlichen. „Oversteps“ ist ihr mittlerweile zehntes.

Um gut oder schlecht geht es bei Rob Brown und Sean Booth schon lange nicht mehr. In solchen Kategorien kann man Autechre-Alben spätestens seit „Confield“ nicht mehr abtun. Denn jedes weitere Album ist eine natürliche Evolution zum Vorgänger und lässt sich auch nur noch in diesem Kontext messen. Vielseitiger ist dieses Album zwar, teilweise auch noch theoretischer. Das Fiepen der Schaltkreise, das scheinbar Zufällige in der Musik Autechres, in dem viele mathematische Formeln und die Chaostheorie zu hören glauben, all das jedoch ist auch auf „Oversteps“ vorhanden und zeichnet auch dieses Album wie seine Vorgänger aus.

„Ilanders“ klingt, als hätte die „Dharma Inititiative“ aus der Fernsehserie „Lost“ in einem verlassenen unterirdischen Stollen geheime Exeperimente mit mutierten IDM-Beats durchgeführt. Durch „See On See“ weht ein ambienthafter Hauch, der vor 15 Jahren Labelkollegen wie Plaid durchaus hätte inspirieren können und heute wie ein museales Relikt heller denn je scheint. Auch mit „Treale“ begeben sich Autechre in die Vergangenheit und lassen gebrochene Beats für sechs Minuten einmal links liegen, um mit sphärischen Syntesizern und schwerer Bassdrum eine Kathedrale für ihr Erstlingswerk „Incunabula“ zu errichten.

Durch dieses Formelhafte, Schematische und mystisch Gebrochene in den Stücken besteht seit vielen Jahren der Irrglaube, dass man die Musik Autechres irgendwann nach vielen Hörgängen „verstehen“ muss, um daraus dann einen fast spirituellen Erkenntnisgewinn ziehen zu können. Das ist jedoch falsch. Man muss „Oversteps“, so wie alle seine Vorgänger auch, nicht „verstehen“, man muss es einfach nur auf sich wirken lassen. Seine kompletten 70 Minuten. Am Stück. Aber selbst das wird für viele schwer genug werden. Wie bei jedem Autechre-Album muss man nämlich auch „Oversteps“ Zeit geben, damit es sich in seiner vollen Pracht entfalten kann. Dann jedoch hat man wiederum ein Album, das einem zwar nicht mehr den Weg in die Zukunft der elektronischen Musik weist, das aber wieder einmal zeigt, wo diese Zukunft einmal vor 20 Jahren begonnen hat.


 

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