DETAILS

Interpret:
Arcade Fire

Plattentitel:
The Suburbs

Label:
City Slang / Universal

VÖ:
bereits erschienen

Punkte:
8.5 von 10

Weiterführende Links:

Autor:
Jan Nicolai Kolorz
Köln, 02.08.2010

PLATTENKISTE

Arcade Fire - The Suburbs

Arcade Fire - The Suburbs

Die gemeine Welt ist durchzogen von Kontingenzen. Wer kann schon sichere Aussagen darüber treffen, ob Meteorologen auch das halten, was sie prophezeien, oder wie lange Jutebeutel und gestreifte Shirts für die weiblichen Exponenten der Indie-Bohème noch modische Relevanz haben werden. Doch gibt es immerhin einige Tatsachen, worauf Menschen seit Angedenken vertrauen können: Rasenmäher sind laut, Eva Hermann lebt im falschen Jahrhundert und Arcade Fire machen ausnahmslos gute Platten.

Was soll also noch gesagt und gedacht werden, über eine Band zu der schon alles gesagt und gedacht wurde? Der Tenor reichte von reservierter Antizipation bis zu bekloppter Abfeierei der 12“ Single, sowie der üblichen schrottreifen Leaks aus den Analen des Internets. Bei so ausnahmslos guten Steilvorlagen wie „Funeral“ und „Neon Bible“ waren sich Hörer und Liebhaber, Hobbykritiker und Journalisten, Fuchs und Hase schon lange einig: die Platte ist es.

Zeit dazu hatten sie genug. Während sich Win Butler und seine Lebensgefährtin Régine Chassagne ein gutes Jahr in Klausur begeben haben, um ihrer schöpferischen Entwicklung freien Lauf geben zu können, - diesmal ohne Kirche und den indieromantischen Hokuspokus -, nahm sich Will Butler die Zeit, sich mit analogen Synthies auseinander zu setzen. Das Ergebnis dieser autodidaktischen Manie klingt auf „The Suburbs“ an mehreren Stellen an, so dass es auch eine betagte Frau mit Blumenkohl in den Ohren nicht überhören kann. Dass Arcade Fire im Dreijahresintervall Platten veröffentlichen, ist vor dem Hintergrund popindustriell bedingter Schnelllebigkeit eine mutige Amtshandlung. Die großzügige Kreativpause trägt in jeder Hinsicht Früchte. „The Suburbs“ ist, wie seine Vorgänger, ein Album mit Konzept geworden – thematischer Umriss sind intersubjektive Eindrücke und musikalische Standbilder einer Jugend in Suburbia. Zugleich bietet der Fokus auf die jugendliche Empfindsamkeit der Vorstadtjugend immer auch eine Kritik daran, was der Blick außer Acht lässt: eine böser, fast schon ideologiekritischer Kommentar auf den modernen urbanen Hipster. Der Archetyp, der paradigmatisch für eine Generation steht, birgt Hass und Faszination zugleich, vor allem für zwei Brüder (Will und Win), die wie ihre Helden Bob Dylan und Joe Strummer in kleinen überschaubaren Vorstädten aufgewachsen sind. Er ist Zielscheibe, Kollektivperson und wehrloser Adressat, vor allem in den ersten drei von insgesamt sechzehn Songs. Bei dem wunderbaren Minimal-Pop „Modern Man“ richtet sich Butler an ihn, mit den Worten „In a line for a number but you don't understand / Like a modern man (…) Like a record skipping“. Und in der Tat trägt das Riff eine ungerade Zählzeit, ähnlich einer springenden Platte, die aber spätestens im Refrain zu ihrer geraden Form zurückfindet. Man will ja nicht zu sehr Avantgarde werden, denn das wäre Stadt. Arcade Fire sind woanders.

Der Song groovt aus und mündet in kurze Streicherflächen, die Butler Grund geben, im nächsten Kapitel zum Angriff zu blasen. Der zum Einheitsbrei normierte, sich hip und modern schimpfende Furz, bekommt auch im verhallendem Beat von „Rococo“ sein Fett weg, wenn Butler mit nicht unfreiwilliger Bissigkeit lamentiert: „Let's go downtown and talk to the modern kids / They will eat right out of your hand / Using big words that they don't understand/ Rococo, Rococo, Rococo –co-co (…)“. Eine ähnlich schöne Lautmalerei haben zuletzt Beach House in ihrem Song „Norway“ hinbekommen. Mehr davon!

Musik, Sound und Ambition verraten keine Neuigkeiten. Gewohnte Momente von Pomp und Ausbrüchen, immer haarscharf am Kitsch vorbei (u.a. „Empty Room“, „Half Light I“), finden sich genauso wieder, wie die idiosynkratischen Gitarrenarrangements. Diese sind mindestens so schön, wie das Wort „idiosynkratisch“. Aber auch einige Anspieltipps für den schnelleren Zugang zur Platte sollten an dieser Stelle nicht fehlen. Es empfiehlt sich für den ungeübten Hörer und Arcade-Fire-Novizen, die Songs Eins bis einschließlich Sechzehn zu hören. Wohl kristallisiert sich aber „Suburban War“ heraus: die fast schon Highlander-artige Klagehymne an die Vorstadtadoleszenz, die an Opulenz und Stadiontränen nur noch schwer zu überbieten ist. Ebenso „Month Of May“, der stark an eine eigenwillige „Feel Good Hit Of The Summer“-Interpretation der Queens Of The Stone Age erinnert. Irgendwie cool, aber für das Gesamtkonzept dann doch zu sehr Rock'n'Roll. Aber was heißt schon Gesamtkonzept. Glücklicherweise strafen sie ihrem eigenen Image Lügen, indem sie beispielsweise mit der großartigen Künstlerin Janelle Monáe im Vorprogramm ihre Konzerte in Toronto beginnen.

Arcade Fire haben mit „The Suburbs“ nichts, aber rein gar nichts von dem eingebüßt, was den wundersamen Reiz der ersten Begegnung mit ihnen hätte lindern können. Sie machen ausnahmslos gute Musik. Die Welt ist manchmal eben doch nicht so unvorhersehbar.

Stream: „The Suburbs“

Arcade Fire by meanwhileinaustin


 

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