DETAILS

Qualitätskontrolle 2.0:
EP Special

Autor:
Michael Weber
Köln, 08.12.2008

PLATTENKISTE

Qualitätskontrolle 2.0 - EP Special

iPod oder Zune? Das ist für so manch einen wie die Frage nach Sekt oder Selters. Uns ist klar, dass wir euch als unsere Leser nur mit einigen edlen Tropfen bzw. Klängen hinter dem Ofen hervorlocken können. Welche der beiden Hosentaschen-Jukeboxen jetzt der Sekt und welche das Selters symbolisieren sollen, dürft ihr gefälligst selber entscheiden. In unserem „EP Special“ der Qualitätskontrolle 2.0 gibt es aber keine Entscheidungsmöglichkeiten. Hier prickelt alles im Gehörgang wie der Sekt im Bauchnabel. Freut euch also auf hochwertige EPs von Stars, Passion Pit und Our Brother The Native.

 

Stars

Stars

Titel: Sad Robots EP
Label: Arts & Crafts
VÖ: bereits erschienen (nur Download auf der Label-Homepage)

Die kanadischen Stars sind und bleiben die Stars, wenn es um den großen Wirbel im Indie-Pop-Geschäft geht. Kaum eine andere Band hat sich in so aufopfernde Weise dem Schreiben von eleganten, betörenden Balladen verschrieben wie sie. Und wieder einmal haben die sechs Freunde ihre ganz großen Gefühle rund um die Einsamkeiten des Alltags, Liebe, Herz und Schmerz teilweise sehr ergreifend vertont. Nicht unbedingt alles auf ihrer „Sad Robots EP“ sprudelt so sehr vor gewaltigen Emotionen, wie im schier umwerfenden Song „Undertow“. Der opulent wummernde Bass mit seinen plötzlichen, verspielten Wendungen, der knarzende Drumcomputer mit seiner zierlichen Direktheit, die schimmernden Keys und Amy Millans zärtlicher Gesang sind Highlights in diesem Song. Sein größtes gibt er aber erst frei sobald Millan zum ersten Mal, im sich vollends öffnenden Song, in den Refrain übergeht. Mit einem leise knallenden Klatschen wird der Song von seinem Nebel-Dunst befreit, Millan zaubert zuckersüße Melodien in den Refrain, Cello-artige Klänge plätschern dahin und die Keys wurden auf Piano zurückgeschaltet. Mit einer Live-Version von „Going, Going, Gone“ gehen sie mir für meinen Geschmack eine Nummer zu sicher, aber dieser Klassiker von einer Synthie-Nummer zwischen Torquil und Millan ist trotzdem immer wieder schön zu hören. Mit „14 Forever“ geht es sogar nach vorne. Die tanzenden Rhythmen auf Bass und Schlagzeug lassen einen für einen Moment das eigene Alter vergessen. Den Schlusspunkt aber setzt das von Millan auf Französisch gesungene und durch eine gepickte Gitarre, den im Hintergrund langsam donnernden Schlagzeug sowie den kleinen Effekten sehr schlicht gehaltene „Sad Robot“. „Il pleut, il pleut / J'ai peur, j'ai peur“  heißt es da. Wundervoll.

Michael Weber, Köln

Weiterführende Links:
MySpace
Offizielle Homepage des Labels

Passion Pit

Passion Pit

Titel: Chunk Of Change EP
Label: Frenchkiss
VÖ: bei uns noch nicht erschienen

Alleine die Geschichte um diese EP ist einfach zu schön, um war zu sein. Michael Angelakos, musikalisches Talent und Hals über Kopf verliebt, beschließt seiner Freundin eine EP aufzunehmen, um seiner Euphorie die nötige Luft zu schaffen. Seine Freundin ist von dieser - in den meisten Fällen sonst voller Fremdscham kitschigen - Geste mehr als nur gerührt. So kam es, dass sich diese EP wie ein Lauffeuer zunächst unter Freunden und später bis hin zu Frenchkiss verbreitete. Jedoch noch nicht bei uns. Für Europa steht wohl noch nicht fest, wann auch wir uns auf diesen liebestrunkenen, sich an The Postal Service und Hot Chip labenden progressiven Synthesizer-Indie-Pop stürzen dürfen. Bis dahin heißt es wohl, entweder warten, MySpace, Download oder Import dieser wirklich wundervollen EP, die wohl mit zu den stärksten Platten 2008 gehört. Alleine der Opener „I’ve Got Your Number“ ist ein zirpend, klimpernder Freudenschrei, der in seinem Refrain über sich hinaus strahlt. Die Idee seine Stimme bewusst übersteuern zu lassen, ist bei Angelakos nicht bloß eine reine Idee, sie ist das stilistische Element neben seinen betäubend süßen Beats in allen der sechs Tracks auf „Chunk Of Change“. „Smile Upon Me“ klingt wie eine 80er-Dance-Nummer, die durch neue Filter, Sampler und Sequenzer gejagt wurde. Mit ausgetreckten Armen wird man bei Nacht nach den Sternen greifen, während es im eigenen Kopf winzige Beat-Explosionen geben wird. Ganz ähnlich sieht es da auch bei „Live To Tell The Tale“ aus, das einfach vor sich her zu summen und zwitschern scheint. Ein weiteres, wenn nicht sogar das Glanzlicht auf dieser EP ist das in seinen Voice-Samples bis zur Besinnungslosigkeit gepitchte „Sleepy Head“, das druckbeladen vorwegstampft und seine Effekte zum durchdrehen bringt. Hier zeigt sich bei Passion Pit die Symbiose aus überaus intelligenten Indie-Dance-Pop und sich überschlagender Passion. 2009 soll das Debüt-Album erscheinen und dann wird es hoffentlich auch eine Tour der Fünf aus Cambridge, Massachusetts geben. Das Jahr ist noch nicht vorbei, aber ich bin schon jetzt ziemlich sicher, dass Passion Pit im nächsten Jahr viel Aufmerksamkeit erhalten werden.

Michael Weber, Köln

Weiterführende Links:
MySpace
Offizielle Homepage des Labels

Our Brother The Native

Our Brother The Native

Titel: Partin Marrows EP
Label: FatCat
VÖ: bereits erschienen (nur Download auf der Label-Homepage)

Our brother The Native, die zur einen Hälfte aus Michigan und zur anderen aus Kalifornien kommen, legen mit ihren 19 bzw. 20 Jahren jetzt schon ihre zweite EP neben bereits zwei erschienen Alben vor. Und zum ersten Mal scheint die mittlerweile aus zwei Stamm- und so einigen freien Musikern bestehende Experimental-Rock-Band, die ganz im Zeichen von Godspeed You! Black Emperor und einer abgeschwächteren Form von Mogwai steht, so etwas wie den Widerspruch von Hoffnung durch beengende Melancholie in ihren Songs gefunden zu haben. Wo vorher auf den Alben „Tooth And Claw“ und „Make Amends For Merely Vessels“ durch eine beklemmende Labilität oder latent psychischer Aggressivität eine kleine schauderhafte Welt zu finden war, keimt in der „Partin Marrows EP“ und ihren fünf Tracks ein Funke Positivität auf. Ganz sachte steigert sich „Augural Wraith“ von in der Ferne heulenden Bläsern, stumpfen Gitarren-Anschlägen - oder abgedämpft, gezupften Streichern - und dem herrlich kruden Gesang Josh Bertrams und Chaz Knapps zu einem durch tiefe Bass-Schläge, kernigen Claps und glitzernden Perkussionen verdichtet ruhigen Ganzen. „Seminal Paws“ schaukelt sich nach anfänglichen Klavier-Harmonien und den Samples zu im Park spielenden Kindern gesanglich zu einem Mantra-haften Prachtstück von einem Kanon auf. Auch wenn hier von Aufschaukeln oder Steigern die Rede ist, Our Brother The Native lassen ihrer Songs zu keinem Zeitpunkt überladen, laut oder progressiv werden. Ihre Art die rührenden Passagen ganz dezent zu Setzen, womit sie den Hörer zu keinem Zeitpunkt überreizen, machen die Anziehungskraft dieser EP aus. Mann will auf der einen Seite von den mit Bedacht eingesetzten Gesangslinien - dieses leichte Opern-Heulen und die kleine Tenor-Einlage- in „Failed Panegyrics“ viel deutlicher und öfter hören, als nur in der dargebotenen Kürze. Auf der anderen Seite ist man aber gewillt bis zu eben solchen Punkten immer und immer wieder zu warten. In „Warm Refines“ klingt es zu dem Klavier und dem schrägen Gesang so, als ob sie auf einer rituellen Feier einer nord-amerkanischen Ethnie seien und ein Harmonium mitgebracht hätten. Ihren ruhigen Ausklang erfährt die EP durch eine aus Samples und Klavier gebastelte Kollage unserer geschwätzig hetzenden Zivilisation, die erschöpft umher zu streifen scheint.

Michael Weber, Köln

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