Qualitätskontrolle 2.0:
4-Ohren-Test zu Tocotronic - „Schall Und Wahn
Autor:
Crazewire Redaktion
Köln, 25.01.2010
Auch in dieser Woche zeichnet sich ab, dass 2010 ein überaus gutes Musikjahr werden wird. Man muss nur einmal in die aktuelle Plattenkiste schauen: These New Puritans, Hot Chip, Midlake und Owen Pallett bekommen traumhafte Bewertungen und in den Startlöchern stehen bereits die nächsten Kandidaten. Doch mehr dazu in den kommenden Wochen.
Zunächst einmal muss festgehalten werden, dass es in der Crazewire-Redaktion größtenteils harmonisch und einstimmig zugeht. Im seltenen Fall der Unstimmigkeit werden sich hier nicht die Köpfe eingeschlagen, sondern die Kontrahenten steigen in den verbalen Box-Ring, gehen über die volle Distanz und erläutern, warum Tocotronics Neue, „Schall Und Wahn", eine der besten deutschsprachigen Platten der zurückliegenden Jahre ist, bzw. weshalb die Band bereits seit Jahren ihr Pulver verschossen zu haben scheint und nun nur noch belanglos ist.
Und jetzt: Let's get ready to rumble!
Pro
Vielleicht ist „Schall Und Wahn“, das nunmehr neunte Studioalbum Tocotronics, der endgültige Bruch mit der eigenen Vergangenheit. Zum ersten Mal prangt das über die Jahre so liebgewonnene Bandlogo nicht mehr auf dem Cover, stattdessen: Ein Blumenstrauß. Stillleben, einkehrende Spießigkeit sogar? Nachdem manch ein „alter“ Fan im Vorfeld der Veröffentlichung bereits monierte, die neue Single „Macht Es Nicht Selbst“ sei zu kommerziell und plakativ geraten, war einem schnell klar, dass dieser Song die Lager spalten würde wie dereinst der „Apfelmann“ bei Blumfeld. Ist das nun ein großartiger, simpler Kommentar zur grassierenden „D.I.Y.“-Welle, die so ziemlich alle Bereiche unseres Lebens infiltriert hat (richtig), oder ist es einfach nur ein plumper Rocksong, der sich selbst in seiner erhöhten Mehrdeutigkeit gefällt (falsch)?
Fakt ist: Tocotronic sind mehr denn je Tocotronic, zitieren sich selbst und die große Weltliteratur mit bedeutungsschwangeren Worten: da brechen Lanzen, wird in der Hölle geschmort und trotz allem ewig gelebt. Und das alles in ein und demselben Song („Die Folter Endet Nie“). Das mag für manchen starker Tobak sein, der einen mit den Augen rollen und voller Wehmut zurückdenken lässt, als Dirk Von Lowtzow nur gegen die Fahrradfahrer und Backgammonspieler dieser Stadt rebellierte. Doch die Trainingsjacken wurden ja bereits vor Jahren gegen Pullover eingetauscht, man las und verstand unter anderem Lovecraft, Huysmans und nun eben William Faulkner, von dem man sich Flugs den Albumtitel „Schall Und Wahn“ lieh (den der sich ebenfalls nur von Shakespeare borgte).
Man könnte ganze Doktorarbeiten über die Texte Von Lowtzows schreiben und auch auf „Schall Und Wahn“ würde es wieder genug Textbeispiele geben, die man dort einfließen lassen könnte. Man nehme allein das in gediegener Schönheit schwelgende „Im Zweifel Für Den Zweifel“: „Im Zweifel für den Zweifel / Das Zaudern und den Zorn / Im Zweifel fürs Zerreißen / Der eigenen Uniform“. Texte, die wie Parolen an Wände gesprüht werden könnten, die in ihrer introspektiven Vortragsweise und den unzähligen Interpretationsmöglichkeiten jedoch genauso gut fürs persönliche Tagebuch geeignet wären. Dazu hat Arrangeur Tim Meadowcroft für diesen und weitere Songs des Albums die schönsten Streicherarrangements geschrieben, die man jemals auf einem Tocotronic-Album zu hören bekam.
Gleichzeitig haben Tocotronic für „Schall Und Wahn“ jedoch auch die erhebendsten, todtraurigsten und gleichzeitig lustigsten Lieder seit langem geschrieben. Das achtminütige „Eure Liebe Tötet Mich“ changiert zu gleichen Teilen Sonic Youth, Morrissey und Crazy Horse, steigert sich aus dem intimen Selbstzweifel mit Von Lowtzows Grabesstimme und einer luftig-durchlässigen Instrumentierung in ein ekstatisches Feedbackgewitter, nur um dann wie aus dem Nichts wieder auf den Füßen des Songs zu landen. Wer dieses Jahr noch ein besseres, deutschsprachiges Lied zu hören bekommt, der werfe den ersten Stein. „Stürmt Das Schloss“ belebt den alten, rebellischen Punkeinfluss der frühen Tage, während der Titelsong der lange verschollene Bruder von „Hier Ist der Beweis“ ist. Daneben gibt es mit dem rockig-hüpfenden „Bitte Oszillieren Sie“ ein Paradebeispiel, wie man Loriot und Kraftwerk textlich auf einen Nenner bringen kann, ohne dass es peinlich wird.
Tocotronic haben auf „Schall Und Wahn“ alles richtig gemacht, haben mit dem kongenialen Produzenten Moses Schneider ihre „Berlin-Trilogie“ vollendet und ihren Sound weiter in eine eigene Richtung getrieben, die zwischen ruhigen und aufwühlenden Momenten, zwischen „Bumms und Bi“ hin und her oszilliert. Dass Tocotronic dabei nie wie eine Karikatur oder eine billige Kopie ihrer selbst klingen, ihrem eigenen Soundkosmos wieder einmal neue Facetten abgewinnen, obwohl sie sich an und für sich in ihrem abgesteckten, musikalischen Terrain aufhalten: das ist das Faszinierende an „Schall Und Wahn“. Das Ur-Geheimnis der Musik, aus einer beschränkten Anzahl von Tönen immer wieder etwas Neues, Aufregendes entstehen zu lassen: Diese Illusion beherrschen Tocotronic zur Perfektion.
Punkte: 8,5 von 10
Dominik Knauf, Köln
Contra
Es soll ja Leute geben, die Tocotronic immer noch für eine wichtige Band halten. Das an sich ist ja auch gar nicht so abwegig, schließlich zählen sie neben Blumfeld und Die Sterne zu den Mitbegründern der sogenannten „Hamburger Schule“. Auch wenn die Band mit dieser Kategorisierung nicht so richtig zufrieden war, mit ihr wurde die deutsche Sprache in der hiesigen Independent-Szene wieder salonfähig. Spätestens nach dem 1999er Album „K.O.O.K.“ hatte die Band, so schien es damals zumindest, nichts mehr zu sagen.
Offensichtlich dachte die Band ähnlich, denn vor einigen Jahren hörte das Quartett auf, verschrobene Texte zu schreiben, deren Sinn eh kaum jemand ohne Germanistik-Studium verstehen konnte. Nein, die Hamburger fingen an, sich um ein konkretes (politisches) Statement zu bemühen. Und das muss man ihnen bei aller Kritik zu Gute halten. Und somit sollte der Hörer nicht zu hart mit Tocotronic ins Gericht gehen, wenn er das neue Album „Schall und Wahn“ hört. Denn musikalisch gesehen ist dieses Werk fast schon eine Nullnummer. „Das Blut an meinen Händen“ ist mit allerlei Streichern unterlegt und klingt nach nicht gekonntem Epos. „Eure Liebe Tötet Mich“ wurde mir mit den Worten „klingt fast schon wie Morrissey“ empfohlen, was einer Frechheit gleicht, auch wenn ich selbst kein all zu großer Morrissey-Fan bin. Denn außer einem Gitarreninferno gegen Ende des Songs, kann der Opener von „Schall und Wahn“ überhaupt nicht überzeugen. Und dann ist da noch „Bitte Oszillieren Sie“ – eine kleine debile Uptempo-Nummer mit dem unglaublichen Reim „So sanft ist das Gesetz, bitte legen sie nichts fest. Das Regime ist so bescheiden, sie müssen nichts entscheiden“. Au Backe.
Sicherlich hat ein Dirk von Lowtzow es nicht verlernt, Songs zu schreiben. Die Single „Macht Es Nicht Selbst“ hat zumindest Ohrwurmcharakter. Und auch an einigen anderen Stellen schimmert die Qualität Tocotronics durch, aber da ist man schon viel zu genervt von all dem politischen Gutmenschentum und dem unfreiwillig komischen Versuch von Lowtzows, sich als richtiger Sänger zu gebären.
Punkte: 4,0 von 10
Lasse Paulus, Düsseldorf
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