Qualitätskontrolle 2.0:
4-Ohren-Test zu The Vaselines „Sex With An X“
Autor:
Crazewire Redaktion
Köln, 20.09.2010
Eugene Kelly und Frances McKee können auf eine erfolgreiche Vergangenheit blicken. Nach ihrem nur zweijährigen Bestehen in den späten 80er Jahren, in dem sie ihr Debüt „Dum Dum“ veröffentlichten, coverten nach kurzer Zeit Nirvana drei ihrer Songs. Das allein würde manch einem reichen. Doch The Vaselines lösten sich auf und die beiden Gründungsmitglieder gingen getrennte Wege, musizierten aber stets in anderen Formationen. Auf dem Sup Pop Festival 2008 fanden sie sich wieder zusammen und standen bei zahlreichen Gigs gemeinsam auf der Bühne. Es zog die beiden zurück ins Studio und prompt standen sie mit Gastmusikern wie Stevie Jackson und Bob Kildea von Belle & Sebastian im Analogue Catalogue Studio bei Manchester. Am Ende der Aufnahmen stand mit „Sex With An X“ tatsächlich das zweite richtige Album der Band, das in der Crazewire-Redaktion ältere Hasen und junge Hüpfer spaltet.
Es scheint wie ein ungeschriebenes Gesetz, an das sich niemand hält. Kim Wild macht es, bei den Rollig Stones geht es ja noch irgendwie, bei Genesis ist es doch auch nur ein kapitalistischer Versuch, die Zahl vor den sechs Nullen in die Höhe zu treiben. Einig sind wir uns alle, und schauen verschämt auf die missratenen Plattencover und schämen uns fremd für Tourplakate und Pressefotos. The Vaselines – allein über den Bandnamen lässt sich gehörig streiten – sind so ein Fall und erscheinen nach zwanzig Jahren mit einem neuen Album wieder auf der Bildfläche. „Sex With An X“ heißt das vermeintlich große Comeback, und wir fragen uns, ob wir es hier mit senilen Rentnern zu tun haben.
Die Platte rollt mit urigem Schallplattensound langsam an, bis die kreischenden Gitarren und der leicht infantile Dou-Gesang von Kelly und McKee debil vor sich hin trällern. In „Sex With An X“ wird lächerliche Debilität und frohsinniger Sumpfsinn auf die Spitze getrieben und wohl auch zelebriert. Fast die gesamte Spielzeit hört man nichts anderes als: „It feels so good it must be bad for me / It feels so good it must be bad for me / It feels so good it must be bad for me / Let's do it, let's do it again“, dazwischen nicht merklich tiefgründigere Zeilen und eine Instrumentalisierung, die den Hörer mit Brokkoli-Fahne, Zahnlücken und debilen Hinterwäldlerlächeln anstiert. Es wirkt so, als würde der Stil von The Vaselines aus den frühen Neunzigern zwanzig Jahre konserviert: nur dass die Musiker selbst all die Jahre nichts anderes gemacht haben als die schlechtesten Folk-Platten der 60er, 70er und 80er gehört zu haben und sich dann auf den korrelierenden Anti-Folk gestürzt haben. Auch wenn man hin und wieder eine Belle & Sebastian Leichtigkeit erspäht, wie in „I Hate the '80s“ oder „Whitechapel“ kann man die Bilder von Menschen mittleren Alters in Lederkluft vor Porno-Polstern beim besten Willen nicht ausblenden. Vom Hinterwäldlerlächeln ganz zu schweigen.
The Vaselines liefern mit „Sex With An X“ nichtssagenden Altherren-Pop, dabei viel zu künstlich und türmen lediglich einen Schatten auf die aufkeimende Grunge-Szene. Der bittere Nachgeschmack wegen der Belle & Sebastian Korrespondenz wird mich wohl erst verlassen, nach einer Endlosschleife „Dog On Wheels“ und einer Flasche Rotwein.
Punkte: 2,5 von 10
Christopher Szwabczynski, Steinfeld
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Die Ankündigung eines neuen Albums der Vaselines löste gemischte Gefühle aus. Obgleich die Band mit ihren Songs Musikgeschichte geschrieben und was viel wichtiger ist, so manchem Menschen das Gefühl gegeben hat, ihm aus der Seele zu sprechen, weiß man nicht direkt, ob sich der Geist der späten 80er zwanzig Jahre später unbeschadet wiederbeleben lässt. Um nachzuhören, was alles auf dem Spiel steht, bediene man sich der famosen Compilation „Enter The Vaselines“. Songs wie „Son Of A Gun“ oder „Mollys Lips“ sind moderne Klassiker, auch ohne zu wissen, dass Mr. Cobain ein Fan war und das Duo hinter den Liedern darf als maßgeblicher Ideengeber und Mitverursacher des Siegeszugs des Independent gelten. Wer weiß, ob home recording ohen die Briten so schnell die Runde gemacht hätte oder ob sich The Moldy Peaches jemals aus ihrem Wohnzimmer getraut hätten.
Ein rumpelnder Bass und ein schepperndes Schlagzeug, eingängige Melodien in Lo-Fi und Texte, die zwischen albernem Dadaismus und postmoderner Alltagsbeobachtung pendeln. Die simplen Strickmuster müssen nicht die schlechtesten sein, dass wussten The Vaselines. 2010 haben sie diesen Ansatz nicht vergessen, sondern versuchen ihn mit neuem Leben zu erfüllen. Leider - soviel wird schnell klar - landen sie dabei einige Male eher bei einer bemühten Konservierung alter Geistesblitze, statt wie Phoenix aus der Asche ihrer Nacheiferer zu steigen. Immerhin gelingt mit dem Titeltrack „Sex With An X“ einmal mehr eine kleine Hymne, die so auch gut in die Anfangstage der Band gepasst hätte. Es sind Zeilen wie: „It feels so good/ it must be bad for me“ oder „I’ve done too much of all the stuff/ I was warned do not touch”, die auf den Punkt bringen, worum es bei The Vaselines schon immer ging. Man begreift das Frustrationspotential einer an Möglichkeiten und Reizen überfließenden Gesellschaft, erkennt den Unsinn hinter so mancher Mattscheibe und zerlegt Geschlechterrollen und Erwartungen mit einem gespielt naiven Augenzwinkern.
Weitere Anspieltipps finden sich mit „Overweight But Over You“ oder „My God’s Bigger Than Your God“, doch vieles auf „Sex With An X“ wirkt tatsächlich wie der Versuch, nach Jahren in denen man zwar haufenweise Kritikerlob und Anerkennung seitens der Indie-Szene ernten durfte, nun endlich doch noch ein kleines Stück vom Kuchen abzubekommen und eine neue Käuferschar abzugreifen. Ob dies funktioniert, ist fraglich, wenn man die Worte meines jungen Kollegen Christopher liest. Als Anhänger der Band kann man Gnade walten lassen, ihren guten Ruf besudeln Eugene Kelly und Frances McKee mit der Comeback-Scheibe ganz sicher nicht.
Punkte: 6,0 von 10
Bastian Küllenberg, Wuppertal / Düsseldorf
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