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Qualitätskontrolle 2.0:
4-Ohren Test zu Philipp Poisel „Bis Nach Toulouse"

Autor:
Crazewire Redaktion
Köln, 15.11.2010

PLATTENKISTE

Qualitätskontrolle 2.0 - 4-Ohren Test zu Philipp Poisel „Bis Nach Toulouse"

Bereits seit einigen Jahren ist ein Stuttgarter Liedermacher dabei, sich eine wachsende Fangemeinde zu erspielen. 2010 scheint das Jahr von Phillipp Poisel zu werden, doch seine Präsenz in Fachmedien und auf Festivalbühnen ruft neben Befürwortern auch zahlreiche Menschen auf den Plan, die in dem jungen Songwriter das Beispiel für medial gesteuerte Fehlleitung und die Ignoranz der Masse sehen. Kein Wunder also, dass „Bis Nach Toulouse" auch die Crazewire-Redaktion spaltet.

 

Philipp Poisel

Philipp Poisel

Mach das Licht aus. Zünde die Kerzen an. Schenk dir einen guten Rotwein ein. Zur Not tut es auch ein weißer, aber keinesfalls Bier, das würde der Stimmung nicht gerecht werden. Schalte das Telefon aus, stell die Klingel ab. Spüre die einsame, erholsame Ruhe, kurz bevor du auf die Play-Taste deines CD-Spielers drückst. Jetzt schließe die Augen.

Du wirst von einem in die Ferne ziehenden Gitarrenintro abgeholt, das wie aus Porzellan modelliert und ebenso zerbrechlich ist. Lass die Zeilen des Songs auf dich wirken, die wie dicke Regentropfen auf deinem Gesicht landen: „Ich stell Dich vor meine Mitte / Leg Dich in jede Figur / Werf Dich in jeden meiner Schritte / Ich tanz für Dich, wohin Du willst“. Du hörst gerade den ersten Song des neuen Philipp Poisel-Albums „Bis Nach Toulouse“ und entweder lässt dich dieser zarte, von der Intonation her fern an Grönemeyer (auf dessen Label das Album auch erscheint) erinnernde Gesang komplett kalt oder er berührt dich mit einer überwältigenden Intensität, die dich noch einen tiefen Schluck aus deinem Rotweinglas nehmen lässt.

Poisels Texte, an denen man sich hervorragend reiben kann, lassen darauf schließen, dass der gute Mann wohl bereits zum Frühstück drei Tagebücher von liebeskummergeplagten Jugendlichen vernascht. Das führt auf der einen Seite dazu, dass sich Poisel einer poetisch einfachen Sprache bedient, die auf der anderen Seite aber vor allem eines ist: ehrlich und authentisch. Eben ein ganz persönliches Tagebuch, in das du dich fallen lassen möchtest, wenn du nicht zu der Sorte Mensch gehörst, in dessen Hand selbst lauwarmes Wasser zu Eiswürfeln gefriert. Du nimmst noch einen weiteren Schluck Rotwein.

In Kombination mit Poisels leidgetränkter aber niemals leidvollen Stimme entstehen Songs an der Nahtstelle zwischen Folk und Pop, die durch die ungekünstelte Produktion wie Unplugged-Versionen klingen. Du hörst die schweren Klavierakkorde in „Für Keine Kohle Dieser Welt“, wie sie auf einen luftigen Schlagzeugbesen-Rhythmus treffen. Du hörst den sehnsuchtsvollen Titelsong, wie er sich auf einer nächtlichen Autobahn Richtung französischer Grenze schlängelt. Unaufgeregt ist das Zusammenspiel zwischen den Instrumenten, der Sound wirkt gleichzeitig luftig und schwer.

Es ist dieser Schwermut, der dich so tief berührt, der dich mitfühlen lässt. Du möchtest Poisel am liebsten zuflüstern: „Alles halb so wild, Philipp, auch für Dich werden wieder bessere Zeiten anbrechen. Auch du wirst noch einmal glücklich sein.“ Für Poisel selbst ist dieses Leiden auch nur eine Etappe in einem großen Gesamtkontext, wie er es in „Liebe Meines Lebens“ auf den Punkt bringt: „Alles was ich tue / Gestern, heut und hier / Soll auch nur ein Umweg sein / Auf meinem Weg zu dir / Alles was ich tue / Hat nur einen Sinn: dass ich am Ende meines Lebens endlich bei dir bin“. Das Rotweinglas ist jetzt noch halb voll. Oder ist es etwa halb leer?

Jetzt öffne die Augen. Du bist in Toulouse.

Punkte: 7,0

Label: Grönland / Rough Trade

Dominik Knauf, Köln

Weiterführende Links:
Offizielle Homepage
Offizielle Homepage des Labels

Philipp Poisel

Philipp Poisel

Die gute Nachricht direkt vorab: Ich muss noch nicht einmal lügen oder übetreiben, um dem übersprudelnden Review meines Kollegen Knauf eine polarisierende Gegenmeinung anheimzustellen. „Bis Nach Toulouse" ist derartig unteres Mittelmaß, dass es schon fast schade ist, diese gut 50 Minuten nicht an einen anderen x-beliebigen Songwriter ohne Talent zu verschwenden. Man braucht nicht erst Ressentiments gegen des Barden Ziehvater Herbert Grönemeyer strapazieren, um zu merken, hier kräht die Werbe- und Medienmaschine viel zu laut und absolut grundlos.

Philipp Poisel, französich ausgesprochen, was sonst, hat einen bunten Reigen von 12 komplett belanglosen Songwriter-Pop-Nummern eingespielt, mit denen er jetzt die Hörer-Charts von SWR 3 und sicher auch so manches Herz erobern wird. Man ignoriere die Tatsache, dass sich seine Eltern vermutlich mit "Peusel" am Telefon melden dürften und steige direkt in die Manöverkritik ein, die Philipp, den Stuttgarter Buben, nicht weniger schwach aussehen lässt, als sein frankophil aufgeblähter Name. „Wie soll ein Mensch das ertragen / Dich alle Tage zu seh'n / Ohne es einmal zu wagen / Dir in die Augen zu seh'n?" Noch Fragen? Die Reime bewegen sich auf solidem Gymnasiasten-Niveau, kurz bevor der Deutsch-LK-Lehrer sagt: „Gut gemacht, Philipp."

Wäre die Musik nicht ebenfalls kaum mehr als routinierter Anfängerstandard, so könnte man Poisel mit einem blauen Auge davonkommen lassen. Für Innovation im Songwriting steht der zu Recht gefeierte Liedermacher Gisbert Zu Knyphausen nun auch nicht gerade. Allerdings hat der adlige Indieliebling eine wohltuende Stimme, sympathische und bescheidene Texte sowie ein charismatisches, einnehmendes Wesen auf der Habenseite und genau daran krankt es bei Poisel neben den Schwächen bei der Komposition gewaltig. Die Lyrik Poisels ist oftmals an Banalität kaum zu überbieten und damit nicht genug, quäkt und knöttert seine Stimme dazu, als wolle er sich kleinlaut dafür entschuldigen, die Fensterscheibe des Nachbarn beim Fußballspielen demoliert zu haben.

Doch so wirklich kann man sich nicht vorstellen, dass Phillip Poisel jemals Fußball gespielt hat. Eher Badminton oder Federball, wie manche sagen. Dazu hat er, so mutmaßt man weiter, sämtliche Alben der Münchener Freiheit rundgehört. „Für keinen Schatz gäb' ich die Freiheit / Gäb' ich meinen Platz vorm Himmelszelt", ist ein weiterer Beleg für die ungezügelte poetische Kraft dieses Albums und wie aufs Stichwort setzt der Protagonist in „Im Garten Von Gettis" sogar noch einen drauf: „Sand in den Schuhen / Salz auf der Haut / Wind in den Haaren", so etwas traut sich sonst allerhöchstens Jack Johnson und er kommt auch nur deshalb damit durch, da man verstehen kann, warum er als Surfer auf Hawaii andere Dinge zu tun hat, als Bücher zu lesen, um eloquente Texte zu schreiben.

In Zeiten von „Stuttgart 21" gibt es wahrlich genug bessere Gründe, sich mit Schwaben zu beschäftigen.

Punkte: 3,5 von 10

Bastian Küllenberg, Wuppertal / Düsseldorf

Weiterführende Links:
Offizielle Homepage
Offizielle Homepage des Labels

 

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