Qualitätskontrolle 2.0:
4-Ohren-Test zu Kettcar – „Zwischen Den Runden“
Autor:
Crazewire Redaktion
Köln, 08.02.2012
Kettcar sind eine Marke im deutschen Musikgeschäft. Die Hamburger um den Sänger Marcus Wiebusch haben eine treue Fangemeinde wie kaum eine zweite Band, und so manche Nachwuchscombo hat sich von der Attitüde der 2001 gegründeten Band inspirieren lassen. Nun sind Kettcar zurück mit einer neuen Platte. Zwei Männer um die dreißig waren bei Kettcar von Anfang an hellhörig und sind nun geteilter Meinung über das neue Werk. Crazewire-Herausgeber Lasse Paulus und Ingo Reiff, beide hetero und männlich, blass und arm, mit einem 4-Ohren-Test zu „Zwischen Den Runden“.
„Zwischen Den Runden“, so heißt das neue Album von Kettcar. Das Vorab-Video zum Opener „Rettung“ quittierte ich vor einigen Wochen noch mit einem gelangweilten: „Cool, jetzt covern Kettcar sich schon selbst“. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.
„Zwischen den Runden“ ist in der Tat das bis jetzt vielseitigste Kettcar-Album geworden. Das liegt wahrscheinlich daran, dass neben Wiebusch nun auch Bassist Reimer Bustorff am Songwriting beteiligt ist. Streicher, Bläser und ungewohnte Jazzklänge beherrschen neuerdings die Musik von Kettcar. Solch eine musikalische Öffnung ist für Bands, die sich selbst eigentlich schon zu Ende erzählt haben, immer eine Chance weiter zu machen, weiter zu kommen und/oder ihre Kreativität neu zu entdecken. Wenn dabei allerdings Songs wie „Schwebend“ oder „Buntes Schrilles Hamburg“ heraus kommen, sollte man die Ganze Sache doch noch einmal überdenken.
Dazu scheint auch textlich das Feuer erloschen zu sein. Zu ...But Alive-Zeiten oder auf Kettcars Debütalbum „Du Und Wie Viele Deiner Freunde“ mochte man noch jede Zeile von Wiebusch einsaugen. Heute schaffen es nur noch ganz wenige Texte, tatsächlich emotional zu berühren („Nach Süden“ und „Erkenschwick“). Dabei gibt es Wichtiges zu erzählen. Hamburg und die Gentrifizierung sind schließlich auch für mich als Musiker, Journalist und FC St. Pauli-Fan trotz weiter räumlicher Entfernung ein Thema. Trotz aller Kritik versöhnen sich Kettcar zwischendurch („Der Apokalyptische Reiter Und Sein Besorgtes Pferd“) mit ihrer Vergangenheit. Und auch ein paar schlaue Zeilen kriegt Wiebusch heraus. „Alle Mann an Deck/ Während die Weisen hier noch stehen und grübeln/ Erobern die Dummen schon den Berg“, singt er in „Erkenschwick“. Doch auf die Oberschenkel tätowieren würde man sich so etwas 2012 nicht mehr – die Zeiten sind wohl endgültig vorbei.
Wie steht es auf der Kettcar-Homepage: „Bei aller songwriterischen Varianz lassen Kettcar das Format Popsong aber nie aus den Augen, und es ist bestimmt keinem Zufall, sondern harter Studioarbeit zu verdanken, dass keiner der zwölf Songs die Vier-Minuten-Marke erreicht.“ Vielleicht sollten Kettcar doch noch mal anfangen nicht zu viel an Popsong-Standards zu „arbeiten“. Mir haben Kettcar nämlich besser gefallen, als sie noch vier Minuten-Lieder geschrieben haben.
Punkte: 5,0 von 10
Lasse Paulus, Düsseldorf
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Offizielle Homepage
Offizielle Homepage des Labels
Rezension zu „Sylt“
Kaum zu glauben, dass „Zwischen den Runden“ erst das vierte Kettcar-Album ist – derart stilprägend ist ihre Musik für den deutschen Indierock einer ganz eigenen Prägung gewesen. Musikalisch haben sich die vier Hamburger mit Wurzeln im Punk immer mehr in Richtung Eingängigkeit geöffnet; ein Weg, dem sie mit der neuen Platte treu bleiben, genauso wie sie sich den unverstellten Blick auf das Leben und seine verschlungenen Paradoxien und kleinen Schönheiten bewahrt haben.
Kettcar sind auf „Zwischen den Runden“ indirekter und zurückhaltender geworden, weniger von der Welt fordernd denn versöhnlich mit dem Leben, weniger sich der Vergangenheit grämend als der Zukunft zugewandt; im besten Sinne konservativ „Das Mädchen sagt, man sollte vielleicht aufhören zu hoffen/ Das Dach ist dicht, das Bier ist kalt, das Herz ist längst gebrochen/ Und der Hafen bringt nur dem was, der zurückkommt/ Und die bestgemeinteste Revolte nur dem was, der sie wollte“, heißt es in „Kommt Ein Mann An Die Bar“.
Kettcar haben ihr Repertoire erweitert, nicht von ungefähr zeichnet neben Marcus Wiebusch der Bassist Reimer Bustorff verantwortlich für die Stücke. Die musikalische Erweiterung um Streicher, Trompeten und das Klavier macht die Musik Kettcars vielschichtiger; ein von Geigen getragener Break wie zum letzten Drittel des Stücks „Weil Ich Es Niemals So Oft Sagen Werde“ wäre der Band mit ihrer früheren Instrumentierung nicht möglich gewesen. Auch die meditative, vom Piano und von Wiebuschs einzigartiger Stimme getragene Atmosphäre von „Schwebend“ mag als Beleg dafür dienen, dass Kettcar sich vom Boden ihrer Herkunft gelöst haben und neue Wege erkunden.
„Schrilles Buntes Hamburg“ zeigt aber auch, dass Kettcar im doppelten Sinne wissen, wo sie herkommen und diese Wurzeln nicht überwuchern lassen wollen. Zum einen musikalisch, denn der Song könnte in seiner rohen Direktheit auch auf früheren Alben zu finden sein. Zum anderen lyrisch, denn die mantraartige Wiederholung des Satzes „Es muss immer alles komplett verwertet werden/ Wenn es komplett verwertet werden kann“ legt in gut drei Minuten die Sinnentleertheit der kapitalistischen Verwertungslogik offen. Dass die restlichen Songs vor allem Kontemplationen über Liebesbeziehungen, die Schönheit des Moments und die Hässlichkeit des Vergehens sind, heißt nicht etwa, dass Kettcar auserzählt wären, sondern vielmehr, dass sich ihre Sicht auf die Dinge verändert hat.
Unverändert ist Marcus Wiebuschs Gabe der genauen Beobachtung. Die Geschichten des Kettcar-Sängers und –Texters Marcus Wiebusch sind privater und introspektiver geworden, wobei die ungebrochene Freude am Formulieren in jede Zeile der zwölf neuen Songs eingeflossen ist. Ob das singende Ich in „Rettung“ die Beschreibung seiner sich nach einer Feiernacht übergebenden Herzensperson zur Hommage an die Liebe des Lebens stilisiert oder in „Zurück Aus Ohlsdorf“ über den frühen Tod eines alten Bekannten singt, mit dem er früher um die Häuser gezogen ist; immer wieder schimmert die Melancholie des Vergänglichen durch die Zeilen, wie etwa wenn er sich einen gemeinsamen Moment mit dem Verstorbenen ins Gedächtnis ruft: „Ich erinner mich, wie er sagte, als wir durch die Straßen gingen/ Dass er gern mal nach Roskilde will, aber allein macht’s keinen Spaß und keinen Sinn“. Derart zwischen tieftraurig und wunderschön zu oszillieren, das kriegen in der deutschen Musikszene nur Kettcar hin.
Kollege Paulus vermerkt mit Recht, dass Kettcar im Jahre 2012 keine Zeilen mehr produzieren, die man sich auf die Oberschenkel tätowieren würde. Aber sagt das nicht über die Musiker genauso viel aus wie über ihre Hörer, die zeitgleich mit der Band welterfahrener geworden sind, die zwar immer noch manchmal des Nächtens weinend im Taxi sitzen, aber sich darüber im Klaren sind, dass das Leben am nächsten Tag immer weiter geht? Das unbestechliche Pathos ist Wiebuschs Texten immer noch zu eigen, ein gehöriger Tropfen Pragmatismus zieht sich jedoch durch den Kelch des bittersüßen Lebens: „Es ist nicht das, was man empfindet, nicht nur das, was man fühlt/ Nicht, was man voller Sehnsucht sucht: Liebe ist das, was man tut“. Chapeau, Kettcar!
Punkte: 8,0 von 10
Ingo Reiff, Köln
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