Qualitätskontrolle 2.0:
4-Ohren-Test zu Cheryl Cole „3 Words"
Autor:
Crazewire Redaktion
Köln, 06.04.2010
In einer Zeit, in der das kredible Spex-Magazin die neue Scheibe von Tokio Hotel auf Platz 9 seiner Liste der besten Alben des Jahres wählt, scheinen die Grenzen zwischen Indie und Mainstream, gut und böse, immer mehr zu verschwimmen. Ganze Musikredaktionen liegen der künstlichen und künstlerischen Lady Gaga zu Füßen, ob zu recht oder unrecht, soll hier jeder für sich entscheiden. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis bei DSDS der erste Teilnehmer mit einer Interpretation des „Pyramid Song“ von Radiohead ins Finale einzieht.
Das führt selbstverständlich auch in der Crazewire-Redaktion zu Diskussionen. Wie soll hiermit umgegangen werden? Darf man zu Dizzee Rascals Hit „Holiday“ wirklich tanzen, obwohl er ziemlich cheesy ist und so ziemlich alles verrät, was der Grime-Boy mit seinen ersten Alben vertrat? Darf man der neuen Yeasayer eine 9,0 geben und gleichzeitig den neuen Instant-Pop einer Cheryl Cole gut finden? Kann man das überhaupt? Ja, sagt Dominik Knauf. Nein, meint Chefredakteur Michael Weber. Am Beispiel des neuen, kontrovers diskutierten Cheryl Cole-Albums „3 Words“ wird in einem 4-Ohren-Test Stellung bezogen.
In ihrer Heimat Großbritannien ist Cheryl Cole bereits ein großer Star. Kein Wunder, ist sie doch ein Fünftel der erfolgreichen Girl-Group Girls Aloud. Zunächst als gecastete „Popstars“-Band abgetan, mauserte sich die Band in den vergangenen Jahren im UK zu Everybody‘s Darlings. Gemeinsam mit Franz Ferdinand coverten sie David Bowie und für Coldplay spielten sie als Vorband bei ihren Wembley-Auftritten vergangenes Jahr. Nun also das erste Solo-Album Coles, das es letztes Jahr gleich in die Top-50-Liste der besten Alben des Jahres im Q-Magazine schaffte.
Mit ein wenig Verspätung wird „3 Words“ jetzt in Deutschland veröffentlicht und die Frage ist natürlich berechtigt, ob Cole mit ihrem radiofreundlichen R&B-Pop auch hierzulande punkten kann. Ohne das Girls-Aloud-Hitproduzenten-Duo Xenomania, dafür mit will.i.am von den Black Eyed Peas im Gepäck, könnte die Rechnung durchaus aufgehen. „3 Words“ flirrt schlaftrunken über den Dancefloor, während „Stand Up“ mit seinem unverschämt nostalgischen 90s-Flair an die Großtaten des letzten Robyn-Albums erinnert.
Coles gefühlvolle, kraftvolle Stimme passt dabei perfekt zu den elf Songs des Albums, die ausnahmslos eingängig, aber eben nie beliebig und austauschbar sind. „Parachute“ überzeugt mit einem Trommelwirbel-Beat und in „Boy Like You“ wird das Intro aus Fleetwood Macs „Little Lies“ völlig unpeinlich in den typischen Black-Eyed-Peas-Sound eingebaut. Man muss selbstverständlich eine kleine Schwäche für diesen synthetischen, auf Hochglanz polierten R&B-Sound mitbringen. Doch wer sich bereits heimlich für die Songs von Girls Aloud begeistern konnte, der wird mit dem Debüt Cheryl Coles ganz bestimmt keine Probleme haben.
Dominik Knauf, Kropp
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Ok, ich dunkel besser mein Zimmer ab, schließe mein Fenster zum Hinterhof und, um absolut sicher zu gehen, höre ich dieses Album mit aufgesetzten Kopfhörern. Schließlich habe ich nicht nur bei meinen Nachbarn einen Ruf zu verteidigen. Last.fm stelle ich vorsichtshalber auch ab. Was jetzt kommt, kostet mich viel, sehr viel Überwindung und ich habe angst, dass ich am Ende dieser Rezension ein kleines Stückchen mehr auf diese Art von Musik konditioniert wurde. Aber ich muss es machen und ich mache es aus einer Liebe heraus, die an euch raus geht, meine lieben Leser. Wenn nur ich es bin, der von uns am Ende den Schaden davon trägt, statt massenweise Leser, die dieses Album kaufen und abfeiern, ist schon viel erreicht. Das hier kann nur ein Kampf werden, der mit unfairen Mitteln ausgetragen wird.
Cheryl Ann „Tweedy“ Cole, die 26 jährige Unterschichten-TV-Sängerin, insbesondere bekannt durch ihre „steile“ Karriere bei Popstars, die ihren ersten Höhepunkt bei den gecasteten Girls Aloud erreichte, noch mit dem englischen Fußaballnationalspieler Ashley Cole verheiratet ist und 2009 vom FHM zur „sexiest Woman“ gewählt wurde, beschreitet nun musikalische Solo-Pfade auf allerunterstem Niveau. Was anderes war auch nicht von ihr zu erwarten. Nun gut, ganz alleine ist sie nicht. Will.i.am von den Black Eyed Peas - noch so eine fragwürdige Person der jüngsten Pop-Geschichte - hat den elf Songs umfassenden Plastik-Kitsch-R&B-Großraumdisco-Sündenfall produziert.
Der Sommer steht vor der Tür und ich sehe sie schon jetzt. Heerscharen von geleckten Dörflern jeglichen Alters, die in den kommenden Monaten die kölner Ringe bevölkern und in die dort zu hauf ansässigen Läden der Asozialität ansteuern werden und Ende meinen, sie hätten eine tolle Party zu den Klängen von Usher, Lady Gaga und - natürlich - Cheryl Cole gefeiert. Ja, das klingt arrogant, elitär und nicht minder asozial. Aber so wie das Q-Magazin oder der Musikexpress versuchen, Macht auszuüben, indem sie eine Lobby für Coles widerliche Synthesizer-Hupen schaffen, bedarf es auch einen Gegenpol. Und dieser speist sich etwa nicht aus der Verblendung, hier zwanghaft „tief“ zu sagen, während alle anderen „hoch“ äußern. So wie diese Kollegen sich Musikjournalisten schimpfen, tue ich es auch. Und so wie sie auf musikalische Erfahrungen zurückgreifen, tue ich es auch. Liebe Kollegen! Öffnet endlich eure Ohren!
Ich will das Kind beim Namen nennen und hierzu greife ich auf den Album-Titel zurück. Drei Worte in den unterschiedlichsten Auslegungen: „Das ist Schrott“, „es ekelt mich“ oder „Opium der Massen“. Und dabei habe ich nichts gegen guten Mainstream-Pop. Ganz und gar nicht. Aber dieses laszive Gesangsgehabe, dieses Geräkel um Textzeilen wie „You make me feel good / I feel so fine / I'm gonna make you mine / All mine / … / It's something about you boy / That's got me / … / I've been looking for a boy like you“ („Boy Like You“) ist so oberflächlich und geschmacklos, dass ich mir wünsche, die 90er wären niemals passiert. Denn das ist es, woran sich hier orientiert wird. Pumpende Autoscooter Beats und Keys mit glattgebügeltem Gesang, so dass mich schon beim Gedanken daran das unbehagliche Gefühl des Fremdschams beschleicht. Hallo Bravo Hits. Hallo The Dome. Hallo Casting-Show-Rudimente. Von solchen Tumoren sollte man sich mittels eines Skalpels so schnell wie möglich entledigen.
Michael Weber, Köln
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