Qualitätskontrolle 2.0:
4-Ohren Test zu Beatsteaks - „Boombox"
Autor:
Crazewire Redaktion
Köln, 09.02.2011
Seitdem die Beatsteaks vor 14 Jahren mit „48/49“ debütierten, entwickelten sie sich von einer Berliner Punk-Szeneband zu republikweit gefeierten Popgrößen. Mit „Smack Smash“ gelang 2004 der Durchbruch in den Mainstream, man gewann den Titel „Best German Act“ bei den MTV Europe Music Awards. Das folgende Studioalbum „Limbo Messiah“ bestätigte 2007 diesen Status, zwei 1LIVE-Kronen waren die Folge. Fans und Kritiker hören nun mit gleichsam offenen Ohren die neue Platte der Berliner Beatbuletten: „Boombox“. Ist das die Rückkehr zu den punkigen Anfängen? Oder verwässert der Beatsteaks-Sound nun endgültig im Mainstream? Die wie immer kritische Crazewire-Redaktion ist sich uneins.
Die Beatsteaks sind wer. War schon „Living Targets" 2002 in Punkrock und Melodycore-Kreisen ein Hit, so schafften die Berliner mit „Smack Smash" wenige Jahre später nicht nur einen Topseller, sondern auch eines der besten deutschstämmigen Rockalben der Nuller Jahre. In der Folgezeit wurde sich eingerichtet an der Spitze der einheimischen Gitarren- und Festivalgängerfraktion, haupstädtsiche Imagepflege betrieben und der Status Quo in Form eines eigenen Trademarksound gehalten. Beinahe scheint es, als habe man nun bandintern ein Problem damit, zu sehr auf Joe Strummer und melodischen Stadion-Rock mit Punkwurzeln festgelegt zu werden.
„Boombox" winkt daher arg offensichtlich mit einem Zaunpfahl, der in diesem Fall einen wilden Mix aus verschiedenen so called alternativen Musik-Stilen bedeutet. Während „Fix It" zum Auftakt großes Getöse mit schneidenden Gitarren und einem sonderbaren Effekt auf dem Mikro veranstaltet, versucht „Milk & Honey" nochmal kurz an den ursprünglichen Beatsteaks-Klang zu erinnern, landet aber irgendwie erstaunlich nahe in der Kooks-Ecke, ohne jedoch völlig uncharmant zu sein. „Cheap Comments" zitiert die Stranglers, versucht sich zudem am laut/leise-Spiel und wird jäh von der Ska- Nummer „Let's See" abgelöst. Bereits nach vier Stücken ist man genervt vom willkürlichen Hin und Her. Wenn sich dann in „Bullets From Another Dimension" Bad Religion und Maximo Park begegnen oder „Alright" nach der schlimmen, stumpfen Gegenwart von Weezer klingt, sorgt das nicht gerade für Stimmungsaufheiterung.
Man merkt dem Album an, dass die Musiker hier einige Ambitionen hatten, dabei jedoch ihre eigentlichen Stärken völlig aus den Augen verloren haben. Die Stimme von Arnim Teutoburg-Weiß, früher oft genug live und auf Platte ein maßgeblicher Motor der Songs, wird oft in den Hintergrund gemischt oder versucht sich an Stilen, die ihm nicht liegen. Und auch die Rhythmussektion hat man schonmal harmonischer mit den Songs agieren gehört. Am Ende ist „Boombox" daher nicht der in manchen Werbepostillen propagierte große Wurf, sondern eher die Aussage, dass eine der wichtigeren deutschen Rockbands noch nicht so genau weiß, wie sie damit umgehen soll, in die Jahre zu kommen.
Punkte: 4,0 von 10
Label: Warner
Bastian Küllenberg, Wuppertal / Düsseldorf
Weiterführende Links:
Offizielle Homepage
Offizielle Homepage des Labels
Es ist ja immer so eine Sache mit deutschen Bands, die auf englisch singen. Von einigen Ausnahmen zu Beginn der Karriere und der Kollaboration mit Turbostaat für das Punkbrett „Frieda Und Die Bomben“ abgesehen, taten die Beatsteaks das von Anfang an. Das vom Kollegen Peter Fox (der übrigens an dem „Boombox“-Track „Automatic“ mitgewirkt hat) und dessen Band Seeed gefeierte „Dicke B" stand aber bei aller Anglophonie auch bei den Beatsteaks immer für Berlin. Dass die Beatsteaks dabei eher das sind, was Jan Delay für Hamburg ist, als dass sie die großen Berlin-Platten eines Lou Reed, David Bowie oder Iggy Pop fortführten, muss man wohl nicht erwähnen. „In Deutschland weltbekannt“, so könnte man spöttisch sagen über eine hierzulande und im angrenzenden Europa sehr erfolgreiche Band, die aber trotz internationaler Ausrichtung vom großen Durchbruch in Übersee nur träumen kann.
Die knarzig-energische Stimme von Arnim Teutoburg-Weiß ist aber zugleich die Stimme des alternativen Berlins, die ein wenig von der Berliner Coolness und Abgefucktheit über die Fernsehbildschirme bis in die provinziellsten hessischen Weindörfchen hineinträgt, ohne dass der Opa vom Sessel kippt. Nette Typen, die aus der Tristesse ihrer Stadt eine Tugend machen: arm, aber sexy. Die Beatsteaks waren noch nie avantgardistischer Untergrund, sondern standen immer schon rauchend auf dem Asphalt, die musikalischen Vorbilder klar im Blick, bevor man wieder einsteigt in den klapprigen VW-Bus, ratternd startet und auf der bundesdeutschen Autobahn den Blinker zum Überholen setzt.
Nach dem unumstrittenen 2004er Meilenstein „Smack Smash“ ging es weiter mit „Limbo Messiah“, das die Stärken seines Vorgängers wiederholte und damit ähnlich erfolgreich war. Auf „Boombox“ beweisen die Beatsteaks, das sie das immer noch können: „Milk And Honey“, diese Hymne an die „Cool cats I adore“ mit ihrem schrecklich ohrwurmigen Refrain, ist der perfekte angerockte Radiopopsong; „Bullets From Another Dimension“, dieses unprätentiöse, affenschnelle, zweieinhalbminütige Etwas von einem Lied, das mit einem Schrei Arnims beginnt und bei dem ich jetzt schon die hunderttausendfachen Schreie aus alkoholisierten Kehlen am Nürburgring im kommenden Sommer höre; „Under A Clear Blue Sky“, das Mädelslied, zu dem im Frühling zweifellos das ein oder andere Sternchen auf Rucksäcke gemalt wird.
So weit, so bekannt. Das alles ist Eins A instrumentiert, produktionstechnisch diesmal nicht dank Moses Schneider sondern wegen Nick Launay in L.A. (u.a. Nick Cave, Arcade Fire) state of the art — und der rotzige Charme ihres Frontmanns dringt nach wie vor nicht nur zu blassen Herzchen-Girls durch, sondern auch zu bärtigen Bier-Männern. Dass die Beatsteaks sich auf „Boombox“ aber auch von ihrem gemütlichen Platz in der Komfortzone wegbewegen (wie der schöne Bruno sagen würde), ist gerade kein Beleg dafür, dass sie nicht mit ihrem Älterwerden umzugehen wissen — vielmehr zeugt es doch von einem Reifeprozess, der sie mit bisher nicht genutzten Effekten arbeiten und verschiedene Stile ausprobieren lässt.
Wenn es auf dem Ska-beschwingten Stück „Let’s See“ immer wieder heißt „You’re one of a kind […]/ You’ll be fine, I guarantee“, dann nervt das zwar schon ein bisschen, weil man die Buletten lieber rocken hören will, aber es ist gut komponiert, gut gespielt, gut gesungen — und es fällt nicht so ins Gewicht, weil die nächste Nummer es wieder gutmacht. Und dass Füllstücke wie das langweilige „Access Adrenalin“ eher wenig zur Steigerung der Herzfrequenz beitragen, das sorgt auch dafür, dass „Boombox“ keine Höchstwertung kriegt — dann wiederum platzt „Behaviour“ in das Gähnen hinein und reißt einen vom Stuhl. „So I’m not gonna wear your shirt / I’m not gonna do it“ — Kapitalismuskritik ist das! Punk’s not dead!
Wobei die von manchen heiß ersehnte Rückkehr zu den punkigen Anfangstagen natürlich auf „Boombox“ nicht geschieht. Die Platte ist eher die Fortsetzung der letzten Alben mit durchaus soliden Versuchen, das Beatsteaks-Universum um ein paar Klänge und Akkorde zu erweitern.
„Boombox“ spaltet die Gemüter. Aber, wie Arnim im unglaublich entspannten und weltsicheren letzten Stück der Platte, „House On Fire“, singt: „I got no reason to fight / And I don’t care what’s wrong and who’s right“…Bier auf, Senf auf die Buletten und die Beatsteaks auf den Plattenteller. Nuff said.
Punkte: 7,0 von 10
Label: Warner
Ingo Reiff, Köln
Weiterführende Links:
Offizielle Homepage
Offizielle Homepage des Labels