Qualitätskontrolle 2.0:
4-Ohren-Test zu Atari Teenage Riot - „Is This Hyperreal?“
Autor:
Crazewire Redaktion
Köln, 20.07.2011
Selten hat sich die Crazewire-Redaktion so schwer getan, wie beim aktuellen Atari Teenage Riot-Album „Is This Hyperreal?“. Ob es daran liegt, dass man Politik und Musik zumindest grundsätzlich trennen sollte oder daran, dass man die Musik der Band um Alec Empire per se eher anstrengend finden darf? Ein 4-Ohren-Test wägt die Pro- und Contra-Argumente gegeneinander ab.
„Achtung, Achtung, hier spricht Atari Teenage Riot!“ Die Berliner Grenzgänger sind zurück mit der Frage „Is This Hyperreal?“ In den neunziger Jahren feierten sie in anderer Besetzung Welterfolge, unter anderem mit einer Nummer Eins in den U.S.A. und Touren mit Rage Against The Machine, Beck und dem Wu Tang Clan. Diese zählbaren Erfolge jedoch machten den Kern des Projektes nicht aus. Vielmehr waren es Themen wie die radikale Kritik an der Inhumanität der postkapitalistischen Wenderepublik und an der offenbaren Verkümmerung sozialer Beziehungen, welche Atari Teenage Riot bewegten. Vor zehn Jahren lösten sie sich auf und waren seitdem in anderen Gefilden unterwegs, Alec Empire etwa als Solokünstler. Die Zielscheiben der damaligen Kritik sind aber 2011 größer denn je. Globalisierte Finanzmärkte beuten den Einzelnen nach dem Teilzusammenbruch einiger Systemelemente perverser aus als jemals zuvor, menschliche Beziehungen sind in Social Networks endgültig zu virtuellen Austauschprodukten geronnen.
Das nun erschienene vierte Studioalbum von Atari Teenage Riot in der Besetzung Alec Empire (Gesang, Programmierung), Nic Endo (Programmierung) und MC CX Kidtronik tritt mit frisch gebohnertem Springerstiefel in diese offenen Wunden der Gesellschaft hinein und legt sie somit offen. Die teils entsetzte, teils betont gelangweilte Kritik an „Is This Hyperreal?“ zeigt, dass sich nicht viel geändert hat seit 1999, dem Jahr, in dem Atari Teenage Riot an den Demonstrationen zum 1. Mai in Berlin zur damals aktuellen Kosovo-Debatte teilnahmen und dabei solange zum Widerstand gegen die Polizei agitierten, bis diese die Band festnahm. Damals galten die Berliner vielen endgültig als tumbe Krawallmacher, die sich unreflektiert der diskursiven Protestriten von Pop- und Jugendkultur bedienten und diese durch Provokationen performativ auf die Spitze trieben. Die gegenwärtige Rezeption zeigt, dass das Projekt Atari Teenage Riot immer noch dahingehend missverstanden wird. Von der Spex werden Atari Teenage Riot gedisst und mit Scooter verglichen, von der Visions schlichtweg nicht verstanden, in weiteren Konsensmedien setzt sich dies fort.
Die Frage „Is This Hyperreal?“ mit dem „Hyper Hyper“ Scooters zu vergleichen, ist so dumm wie die rhetorischen Sätze des Aristoteles den Inhalten des Seminars „Grundlagen der Rhetorik und Vortragstechnik“ der VHS Hildesheim an die Seite zu stellen.
Denn die Frage „Is This Hyperreal?“ hat eine Berechtigung und in all ihrer rauhen Dreckigkeit liefert die zugehörige Platte auch die Antwort: Nein, das wahre Leben ist nicht hyperreal. Menschen verrecken in Kriegen, vor unseren Augen vegetieren Obdachlose wie Hunde dahin, Hartz IV-Gesetze dekonstruieren Menschen zu gläsernen Datensätzen und versagen ihnen die identitätsstiftende Teilhabe am Gemeinschaftsleben, ein einst hart erkämpfter Grundsatz humanistischer Politik. Atari Teenage Riots wahnwitziger Konnex von Elektro-, Techno-, Punk- und Industrialversatzstücken reißt den Hörer aus seiner betäubten Lethargie und kratzt ständig an der Grenze des Erträglichen. Alec Empires nervtötende Parolenschreie lassen uns hochschrecken aus unserem komfortablen, elektronisch gepolsterten Hochsitz im Snoezelraum des omnipotenten Yuppietums. Zwischen Chai-Soja-Latte Macchiato extra sweet und der gewissensentlastenden monatlichen Ablasszahlung an die Aktion Mensch in Höhe des Preises für einen Chai-Soja-Latte Macchiato extra sweet tröstet uns in unserem hochkomplexen Individualleid die einlullende Dauerbeschallung mit pseudo-relevanten Feelgood-Rhythms und Betroffenheitslyrik. Das individuell empfundene Leid ist schließlich immer das größte, der Rückzug auf diese betäubend-heilende Wirkung von Musik ist denn auch vollkommen legitim. Atari Teenage Riot rammen mit dem anarchistischen Sendungsbewusstsein ihrer zehn neuen Songs schlichtweg einen alternativen Pfahl in die hoffnungslos individualisierte Landschaft, in der die Mitglieder der ‚Generation Irgendwas‘ ziellos umhermäandern wie der Protagonist von Cormac McCarthys „The Road“ durch die postapokalyptische Ödnis.
Denn bei aller postulierten Basaldemokratisierung in der Onlinewelt – das, was wir virtuelle Erlebnisrealität nennen, ist in Wahrheit virtuelle Masturbation auf irrealen Datenhighways. ‚The real thing‘ geschieht immer noch auf dem dreckigen, blutgetränkten Asphalt. Um die Welt wirklich im Ursinne zu „sehen“, muss man sich aus der geschützten Komfortzone, dem Baudrillard’schen Simulacra, lösen. Um sie zu verändern, muss man auf die Straße und in Richtung Bundestag marschieren, da dort die Geschicke des Landes gesteuert werden. Dass Atari Teenage Riot dies fordern, zeigt, dass sie weder verstockte Verschwörungstheoretiker noch romantische Anarchisten sind. Ob man das gut findet, ist Meinungssache, wie alles Politische. „Is This Hyperreal?“ als die bislang radikalste und widerständigste Veröffentlichung des Jahres anzuerkennen, ist es nicht.
Punkte: ohne Wertung
Label: Digital Hardcore Recordings / Rough Trade
Ingo Reiff, Köln
Weiterführende Links:
Offizielle Homepage
Offizielle Homepage des Labels
Meine ertse Begegnung mit Atari Teenage Riot war auf einem Dinosaur Jr. Konzert 1995 im Kölner E-Werk. Hochmotiviert stürmten die drei Bandmitglieder die Bühne und versuchten mit wildem Stageacting inkl. Stagediving das vorwiegend Grunge-lastige Publikum von sich zu überzeugen. Dies scheiterte so erbärmlich, dass die Band das Konzert vorzeitig abbrechen musste. Alec Empire hatte danach immerhin die Eier, dem Publikum zu erklären, dass sie auf Wunsch von J. Mascis ins Vorprogramm gerutscht wären – wer das nicht verstehen würde wäre halt ein Depp.
Nun gut, wer denkt, dass ein Dinosaur Jr.-Publikum Bock auf 40 Minuten Elektro-Geballer hat, Toleranz hin oder her, dem könnte man Ähnliches bescheinigen. Mich hat dieser Auftritt trotzdem beeindruckt, so dass ich danach den Weg von Atari Teenage Riot fasziniert weiterverfolgte.
Die vom Kollegen Reiff erwähnten weltweiten Erfolge fand ich bemerkenswert, auch wenn ich sie nicht verstand. Die „Riots“ am 1. Mai 1999 mögen ja einen gewissen „Linksradikalen Charme“ gehabt haben, ich fand sie jedoch schon damals kontraproduktiv. Das mag vielleicht daran liegen, dass ich Gewalt als ultima ratio ansehe und das Werfen von Pflastersteinen genau so ätzend finde, wie Polizeiwillkür, die ich als Fußball-Fan nur zu gut kenne.
Was das alles mit der neuen Atari Teenage Riot Veröffentlichung „Is This Hyperreal?“ zu tun hat? Nichts. Und das ist auch der Punkt, an dem sich die Crazewire-Redaktion uneinig ist. Sollte ein aus politischer Sicht betrachtetes (vielleicht) wichtiges Album per se eine hohe Bewertung bekommen? Sollte man als Musikmagazin das politische Statement über die Musik setzen? Müssten dann die Alben von Chumbawamba oder den Levellers nicht viel besser Kritiken bekommen?
Für mich bleibt am Ende die Musik im Fokus. Und die ist auf „Is This Hyperreal?“ radikal, gut gemacht und genau so unhörbar wie vor 15 Jahren. Vielleicht gibt es Menschen, die einen solchen Soundtrack brauchen, um auf die Finanzkrise, Lobbyismus und verblendete, geldgeile Politiker aufmerksam gemacht zu werden. Ich bevorzuge die Tagesschau, ein zwei Internetseiten sowie eine ordentliche Tageszeitung. Ich brauche keine plakativ gebellten Parolen. Aber lassen wir das. Wie sagte die Band auf dem Berlin Festival 2010: „Wir sind gegen Krieg und gegen Sterben“.
Immerhin darin sind wir uns einig.
Punkte: 4.0 von 10
Label: Digital Hardcore Recordings / Rough Trade
Lasse Paulus, Düsseldorf
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Offizielle Homepage
Offizielle Homepage des Labels