DETAILS

Qualitätskontrolle 2.0:
„4 Ohren Test" Discovery

Autor:
Crazewire Redaktion
Köln, 06.07.2009

PLATTENKISTE

Qualitätskontrolle 2.0 - „4 Ohren Test" Discovery

Wenn man nach dem Musiktrend des erst 7 Monate alten Jahr 2009 fragt, dann kann man nur eins Antworten: Pop. Anders zu erklären sind die weichgespülten Mischungen aus 80s und Indie, die mehr und mehr auch im medialen Interesse ankommen, kaum zu erklären. La Roux, Little Boots und Passion Pit, von den verschrobenen Bässen und dreckigen Beats, die die letzten zwei Jahre von Paris aus zig DJs und Bands beeinflusst haben, ist kaum noch etwas zu hören. 

Discovery, eine Kollaboration aus Vampire Weekends Keyboarder Rostam Batmanglij und Ra Ra Riots Sänger Wes Miles, nehmen diese Welle locker auf, garnieren ihn jedoch mit einem Trend, der mit Snoop Dogg und Kanye West genauso schnell aufgetaucht ist, wie er auch wieder verschwunden ist: Auto Tune. Bei R’n’B-Künstlern wie T-Pain ist er jedoch schon seit mehreren Jahren Gang und Gäbe und genau diese scheinen auch überraschend Vorbild für Discoverys einfach als „LP“ betitelten Album gewesen zu sein. Darüber kann man geteilter Meinung sein, weshalb wir zwei unserer Redakteure auf die Platte losließen.

 

Discovery

Discovery

Man hätte so viel Gutes über dieses Album schreiben können. Allein die Konstellation gibt so viel her: Vampire-Weekend-Keyboarder Rostam Batmanglij und Wes Miles von Ra Ra Riot schließen sich zusammen und nehmen in ihrer spärlichen Freizeit unter dem Namen Discovery Songs auf. Klingt das nicht interessant, ist das nicht toll?

Doch kein Grund zur Vorfreude, ganz im Gegenteil. Das schlicht „LP“ betitelte Debütalbum ist ein wahrgewordener Alptraum aus halbgaren Beats und schmierig-matschigen Synthesizer-Sounds, die so malplatziert wirken wie ein Stripper zum Kindergeburtstag (obwohl sich dort wenigstens noch die Mutter darüber freuen würde). Der Opener „Orange Shirt“ hangelt sich an Hot-Chip-Versatzstücken entlang, möchte ungeheuer cool und sexy klingen und ist am Ende doch nicht mehr als billigste Beballerungsmucke für Kirmesfahrgeschäfte auf deiner Dorf-Fete. Kommen sie näher, das müssen sie sehen, das müssen sie hören.

Spätestens mit dem folgenden „Osaka Loop Line“ haben Discovery die komplett falsche Ausfahrt gewählt. Dümpelt der Song zunächst im selben Fahrwasser wie „Orange Shirt“ belang-, aber harmlos dahin, scheint ein verwirrter und unterbezahlter Studiotechniker aus Versehen für die letzte Minute des Songs den Auto-Tune-Knopf gedrückt zu haben, denn wie aus heiterem Himmel belästigt uns nun für den Rest der Scheibe dieser Gruseleffekt, der zwar zu Cher und Konsorten passen mag wie die Faust aufs Auge, in den Händen von Batmanglij und Miles aber denselben katastrophalen Effekt entfaltet wie die Aussicht auf freien Alokohol bei partywütigen Minderjährigen. Die Beiden kennen scheinbar ihre Grenzen nicht und kleistern über alles und jeden noch eine Auto-Tune-Spur in der Hoffnung, dass mehr = besser ist und daher ordentlicher knallt. Dass dies nicht unbedingt stimmt, muss an dieser Stelle nicht noch explizit erwähnt werden.

Darüber hinaus versuchen sich Discovery auch am chartsorientierten R'n'B der letzten Jahre, doch das hohle „Baby baby baby babe“-Gesülze (natürlich mit Auto-Tune) in „Can You Discover“ und das noch schlimmere „I Wanna Be Your Boyfriend“ würde man jedem amerikanischen R'n'B-Sänger, der nur ein wenig auf sich und seine Kunst hält, um die Ohren hauen. Sollte man es bei Discovery anders halten, nur weil es sich bei den beiden um kredible Indie-Künstler handelt? Ich meine nein, Euer Ehren!

Selbst die unerträgliche Künstlichkeit einer Lady Gaga wirkt im Gegensatz zur konstruierten Wichtigkeit Discoverys wie die beste Erfindung seit Popcorn. Wenn hier wenigstens noch ein ironisches Augenzwinkern, ein „Haha - ertappt!“ auf einen lauern würde, könnte man diesen Blödsinn noch als Lausbubenstreich abtun und ganz schnell vergessen. Aber so? Was soll man noch Positives über eine Platte sagen, die „I Want You Back“ von den Jackson 5 so schändlich verhackstückelt (natürlich mit Auto-Tune und einem billigen Euro-Trash-Groove), dass man nur hoffen kann, der gute Michael möge diese Version nicht mehr gehört haben. Kann man überhaupt irgend etwas Positives über diese Platte sagen? Ja, man kann: Das Cover ist ausgesprochen hübsch geworden. Nein, ehrlich jetzt.

Punkte: 2.0 von 10

Label: XL / Beggars / Indigo

Dominik Knauf, Kropp

Weiterführende Links:
Offizielle Homepage
Offizielle Homepage des Labels

Discovery

Discovery

Anfangs ist erstmal wichtig: Zu ernst darf man dieses Projekt sicherlich nicht nehmen, zu abgedreht scheint diese Mischung aus R’n’B, süßen Synthiemelodien und verschrobenen Beats. Bereits das erste Lied „Orange Shirt“ erinnert vom Gesang eher an Bone Thugs-N-Harmonies „Tha Crossroads“, als an die Indiehits der letzten zwei Jahre. Das hinter den Synthiegeklimper aber auch gute Lieder stecken können, zeigt sich im Folgenden.

Bestes Beispiel ist „So Insane“, das wie ein einfacher Pop-Song mit vielen Hi-Hat-Schlägen beginnt. Dann fängt der Beat plötzlich an langsamer zu werden, fast mechanisch, als ob jemand aus Versehen die Slow-Motion-Taste gedrückt hätte. Scheinbar fällt das Missgeschick schnell auf, der Song zieht wieder an, die Melodie passt sich wieder an, um im nächsten Refrain wieder die Bremse zu ziehen. Ein wahre Achterbahnfahrt beginnt, in der Miles und Batmanglij im harmonischen Einklang schmächtig eine Party-Bekanntschaft besingen.
Dabei sind die Texte kaum wichtig, sondern scheinen eher nur Mittel zum Zweck zu sein, um ihrem melodischen Chaos in den Liedern ein wenig Ordnung zu verschaffen. 

Schon früh geisterte „Osaka Loop Line“ durch hiesige Musikblogs und sorgte dort für viel Aufsehen. Das Lied ist ein abgedrehter Postal-Service-Song, endet eigentlich schon fast nach zwei Minuten, fängt sich aber wieder und dreht dann mit vielen Handclaps und Auto-Tune in der Stimme wieder auf. Der Auto-Tune-Effekt ist wohl genau die Stelle, an der sich die Geister scheiden werden, denn wem der Sound des winselnden Kanye West nicht gefallen hat in „Heartless“ oder Snoop Doggs „Sexual Seduction“ auf den Nerv ging, wird mit Discovery erst recht nichts anfangen können. Erste Auto-Tune-Versuche in der Pop-Musik versuchten übrigens Daft Punk auf ihrem Album, große Überraschung, „Discovery“. So zieht sich Auto-Tune konsequent durchs Album, indem sich die beiden auch als Remixer versuchen. Aus dem mit Geigen versehenen „Can You Tell“ von Ra Ra Riot wird im Discovery Remix „Can You Discover“, indem sich Miles Stimme nicht mehr den Streichern, sondern der Stimmenkorrektur-Software anschmiegt. 

Auch Vampire Weekends Sänger Ezra Koenig schaute den beiden über die Schulter und sang den Song „Carby“ ein, der als einer der wenigen Songs direkt mit stetigen Beat und klirrenden Becken nach vorne geht. Fast wie ein DJ drehen die beiden dem Song in der Mitte die Höhen ab, lassen die Vocals von Carby im Loop drehen und lassen sie wieder in den Song übergehen.

Grenzwertig ist sicherlich das Jackson 5 Cover „I Want You Back“, das ebenfalls mit Auto-Tune versehen wurde. Zumindest kann man ihnen kein schlechtes Timing vorwerfen, denn Michael Jacksons Ableben konnten sie zur Zeit der Aufnahmen nicht ahnen.

Schon nach 9 Liedern und 30 Minuten ist Reise mit Discovery aber auch schon vorbei, die wohl auch die letzte bleiben wird. Bei Pitchfork verrieten die beiden bereits, eine Tour wird es nicht geben.

Punkte: 6.5 von 10

Label: XL / Beggars / Indigo

Kai Töpel, Dresden

Weiterführende Links:
Offizielle Homepage
Offizielle Homepage des Labels

 

Freunde

 
 
 

Wir Präsentieren:

 
 
 
 

Prunkstücke