Woog Riots - Minimalistische Direktheit
Im beschaulichen Darmstadt ist eine Band gereift, die gerade mit ihrem Debütalbum „Strangelove TV“ eindrucksvoll auf sich aufmerksam gemacht hat. Silvana Battisti und Marc Herbert lassen als Woog Riots ihrem musikalischen Spieltrieb freien Lauf und begrenzen ihre Ideen nur sehr ungern.
Crazewire ließ es sich nicht nehmen einige Fragen in den Süden zu schicken, die das Duo mit Freuden beantwortet hat.
Crazewire: Die erste Veröffentlichung der Woog Riots war eine Tribute – Compilation zu Ehren von Mark E. Smith und The Fall. Wie kam es zu der Idee, statt eines eigenen Debüts zunächst die eher gemeinnützige Aufgabe eines Samplers zu übernehmen?Woog Riots: Kurz nach Gründung der Woog Riots stellte sich im gemeinsamen Gespräch mit unserem Bassisten Mathias Hill (Rockformation Diskokugel) heraus, dass wir einige Bands persönlich kennen, die Songs über Mark E. Smith und "The Fall" geschrieben haben. Das waren Barbara Manning, I, Ludicrous und Tocotronic. Wir haben es als Auftrag gesehen, diese Fäden zusammen zu bringen und die Compilation "Perverted by Mark E. - A tribute to The Fall" war das Ergebnis. Wir waren von der positiven Resonanz der angefragten Bands selbst überrascht. So entstanden viele persönliche Kontakte, unter anderem zu Alfred Hilsberg (What`s So Funny About / Zick Zack), der dann schließlich auch das Woog Riots Debutalbum veröffentlicht hat.
Crazewire: Zwischen Gründung der Band und dem ersten Album „Strangelove TV“, das kürzlich erschienen ist, liegen einige Jahre. Könnt ihr beschreiben, wie sich die Woog Riots zur „Albumreife“ entwickelt haben?Woog Riots: Zu Beginn waren die Woog Riots eine feste 5er Besetzung, die sich einmal die Woche zum Proben traf. Eine zufällig zustande gekommene 2er Show (Marc und Silvana) im Vorprogramm von Jeffrey Lewis (der auch auf dem Fall-Sampler vertreten ist) machte uns so viel Spaß, dass wir ab diesem Zeitpunkt auch mit minimalistischeren Arrangements arbeiten wollten. Mit der Anschaffung eines Harddisk Recoders für Homerecording verlagerte sich ein Teil unseres kreativen Arbeitens in unser Wohnzimmer. Die Woog Riots sind seitdem im Kern ein Duo mit Unterstützung befreundeter Musiker. In dieser Konstellation entstanden dann die meisten Songs auf "Strangelove TV". Mit den aufgenommenen Spuren sind wir im August 2005 zu Tobias Levin nach Hamburg gefahren, der das Ganze abgemischt hat und noch einige schöne Ideen mit eingebracht hat.
Crazewire: Auf „Strangelove TV“ findet sich, angefangen vom Titel, eine Fülle von Popkulturreferenzen in den Texten, die von den Beatles über Jackie Chan bis zu G.G. Allin reicht. Wie war denn eure musikalische Sozialisation?Woog Riots: Die genannten Künstler spielen musikalisch gesehen für die Songs auf dem Album eigentlich keine Rolle. Das sind tatsächlich nur Bezüge auf textlicher Ebene. Wir arbeiten sehr gerne mit Themen aus dem weiten Feld der Popkultur. Unsere musikalische Sozialisation ist geprägt von Indiemusik der 80er Jahre. Vor allem Sachen aus dem Bereich DIY und LoFi von Jonathan Richman, Half Japanese, Daniel Johnston bis zu den Television Personalities und vielen anderen.
Crazewire: Fühlt ihr euch durch diese Künstler beeinflusst? Könnt ihr weitere Künstler nennen, die einen Eindruck in der Musik der Woog Riots hinterlassen haben?Woog Riots: Das gemeinsame Moment der oben genannten Bands ist so eine minimalistische Direktheit. Daraus konnten wir lernen, dass gute Popmusik auch mit einfachen Mitteln umgesetzt werden kann. Also das, was einem aufgrund der eigenen musikalischen Fähigkeiten zur Verfügung steht. Allerdings finden wir es auch spannend, die so entstandenen Songs dann von jemandem wie Tobias Levin weiter bearbeiten zu lassen. Ein Beispiel dafür ist der Song "Queen of Pop" auf unserer Platte. Das ist eigentlich ein ganz einfacher Song, der im Roughmix noch nach den Young Marble Giants klang. Tobias hat dann noch ein bißchen Elektro-Disco-Feeling hinzugefügt, was uns auch sehr gut gefällt. Wir sind da recht offen. Unser musikalischer Geschmack ist vielfältig, neben dem oben genannten Schrammelpop, hören wir auch Sachen wie Architecture in Helsinki, Fiery Furnaces, Chicks on Speed oder LCD Soundsystem.
Crazewire: War Yoko Ono Segen oder Fluch der Beatles?Woog Riots: Also da kennen wir uns nicht so aus. Sie war wohl ein Segen für John Lennon. Die Grundlage für unseren Song "John & Yoko In Bed" war dieses Foto, wo die beiden von Fotografen umringt im Bett liegen und etwas von der Revolution erzählen. Wir haben uns aber nicht näher mit der Geschichte der Beatles befasst.
Crazewire: John Lennon hat sich seinerzeit mit einem selbstbewussten Vergleich eine Menge Ärger eingehandelt. In „Commercial Suicide“ heißt es “Once I made a record I did it for you all/ like the man on the cross 2000 years ago“ und später “the difference between jesus and me is the money/ `cause the pope made a clever clever clever merchandise”. Gab es Bedenken, den Song zu veröffentlichen?Woog Riots: Da gab es keine Bedenken. Wir vergleichen uns da auch nicht selbst mit Jesus. Der Vergleich gilt vielmehr Alfred Hilsberg, der dankenswerter Weise seit 25 Jahren kommerziell aussichtslose Platten veröffentlicht. Wir finden es sehr beeindruckend, dass er immer wieder den Elan aufbringt, mit neuen unbekannten Bands zusammenzuarbeiten.
Crazewire: „Strangelove TV“ wird in Kritiken oft mit den Alben der Moldy Peaches verglichen. Seit ihr Freunde der New Yorker Anti Folk – Szene um Jeffrey Lewis und die Ex- Band von Adam Green?Woog Riots: Ja wir mögen diese Anti Folk - Szene sehr! Die Moldy Peaches haben ja auch direkt an die bereits erwähnte DIY Musik aus den 80er Jahren angeknüpft. Wir haben Leute wie Jeffrey & Jack Lewis, Kimya Dawson, Herman Düne und Schwervon auch schon persönlich kennengelernt. Wir sind in Darmstadt sehr gut mit Konzertveranstaltern befreundet, die solche Acts in die Stadt holen. Wir haben da dann gerne auch Mal mit Schlafplätzen ausgeholfen oder sind als Support mit aufgetreten.
Crazewire: Bands wie Velvet Underground oder eben auch die Moldy Peaches haben nie einen Hehl daraus gemacht, regelmäßig die verschiedensten bewusstseinserweiternden Substanzen zu sich zu nehmen. Auch auf „Strangelove TV“ findet man „Happy Pills“ und zahlreiche magische Pilze, oder trügt der Eindruck?Woog Riots: Tatsächlich werden in unseren Songs ab und an bewusstseinserweiternde Substanzen erwähnt. Das ist für uns so ein Bild, dass wir mit der Popkultur der 60er Jahre verbinden: Ausbruch aus Sachzwängen und Konventionen, Befreiung, Dagegensein...
Crazewire: Wie seht ihr generell die Rolle von Drogen in der Popmusik?Woog Riots: Wir kommen in unserer eigenen künstlerischen Arbeit gut ohne Drogen zu Recht. Da ist ausreichend Phantasie vorhanden, um sich die skurrilsten Sachen vorzustellen. Das Selbstexperiment eines LSD inspirierten Woog Riots Songs steht noch aus... Wenn wir an von uns geschätzte Songwriter wie Daniel Treacy von den Television Personalities oder Pete Doherty denken, kann das mit den Drogen in der Popmusik auch sehr tragisch sein.
Crazewire: Kann man euren Song „Mrs. Pharmacist“ als Antwort auf „Mother`s Little Helper“ von den Rolling Stones verstehen?Woog Riots: Oh, das kennen wir leider nicht. "Mrs Pharmacist" ist eigentlich die Antwort auf den Song "Mr Pharmacist" von The Other Half aus den 60ern. Das mit den Pillen kommt tatsächlich auch schon in der männlichen Version vor. Von dem Song gab es auch mal eine klasse Coverversion von The Fall. Die Forderung nach Gleichbehandlung der Geschlechter findet sich bei uns auch noch an anderen Stellen. Nachdem unsere erste Single "King of Pop" hieß, beginnt das Album jetzt mit dem Song "Queen of Pop"!
Crazewire: Das mitreißende Stück erschien mir beim ersten Hören, eine potentielle Single zu sein. Denkt ihr über solche Dinge, wie eine Single fürs Radio zu veröffentlichen überhaupt nach?Woog Riots: Das wäre eher eine Frage an unsere Plattenfirma. Es wäre auf jeden Fall schön "Mrs Pharmacist" im Radio zu hören. Die DJs der einschlägigen Spezialsendungen haben sich bislang für ganz unterschiedliche Songs entschieden. Scheinbar gibt es da mehrere potentielle Singles auf dem Album. Leider ist in den Programmen des Formatradios kein Platz für solche Musik.
Crazewire: Unrühmliche Beispiele wie die TV Total – „Entdeckung“ Grup Tekkan belegen, dass es heute einfacher denn je scheint, mit selbstaufgenommenen Tracks in die Öffentlichkeit zu kommen. Seht ihr das ähnlich?Woog Riots: Also wir wüßten jetzt nicht, wie wir zu TV Total kommen könnten. Der Typ von der Sendung, wie heißt der? Der ist doch viel zu arrogant.
Crazewire: Welche Rolle spielt das Internet in diesem Zusammenhang?Woog Riots: Unser Projekt mit dem Fall-Sampler wäre ohne Internet so nicht möglich gewesen. Die ganzen Bandkontakte kamen über dieses Medium zustande. Über die inoffizielle Fall-Homepage verkaufte sich die CD dann quer über den Globus von Tasmanien bis Europa. Im Moment sind wir sehr begeistert von Myspace (www.myspace.com/woogriots). Wir können jetzt Songs schreiben, sofort aufnehmen und noch am selben Tag einer musikinteressierten Community zu Gehör bringen. Das Feedback ist sehr interessant: Uns schreiben oft 16-18-Jährige aus den USA, für die wir scheinbar sehr exotisch klingen.
Crazewire: Hat sich der D.I.Y. – Gedanke im Vergleich zu früheren Jahrzehnten gewandelt? Welche neuen Trends könnt ihr erkennen?Woog Riots: In der Anti Folk Szene versuchen viele Leute erst gar nicht, ihre Sachen an Plattenfirmen zu bringen. Die verkaufen dann eben selbstgebrannte CDs bei Konzerten. Wobei uns schon klar ist, dass für den Erfolg der Moldy Peaches die Londoner Plattenfirma Rough Trade, die zur gleichen Zeit auch die erste Platte der Strokes veröffentlichte, ganz wichtig war. Auf der technischen Seite sind die Möglichkeiten des Homerecordings in den letzten Jahren immer besser und kostengünstiger geworden. Viele Sache aus dem Elektrobereich sind ja im Grunde auch Homerecording Produktionen. Und das wir einen Song sofort nach der Aufnahme nur noch in ein mp3 umwandeln müssen, um ihn dann weltweit verfügbar machen zu können, ist natürlich toll. Dass daraus aber Erfolgsgeschichten entstehen wie bei den Arctic Monkeys, halten wir für unwahrscheinlich. Das klang für uns eher wie eine gute Promostory: "Aus dem Internet in die Charts" wie es dann in den Tagesthemen verkündet wurde.
Crazewire: Das Artwork der CD und das Video zu „Frankenstein Tattoo“, die sich in Sachen Bildersprache und Stil perfekt entsprechen sind doch bestimmt auch in Eigenregie entstanden? Könnt ihr bitte etwas dazu erzählen?Woog Riots: Silvana ist mit dem Maler Bill Gridley „The Unknown Artist“ befreundet, der seine unglaublich skurrilen Bilder in seinem Haus in San Francisco stapelt, ohne sie der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Netterweise hat er uns gestattet, sein gesamtes Portfolio zu verwenden. Unsere Single „King of Pop“ ist bereits mit 2 seiner Bilder ausgestattet. Da wir unsere Cover immer selbst gestalten, sind wir sehr froh, auf solches Material zurückgreifen zu können. Sein Stil passt perfekt zu unseren bildhaften Songs. Bei „Strangelove TV“ haben wir eine Trilogie, die auch wieder in unserem Video zu „Frankenstein Tattoo“ auftaucht. Das Video wurde von Markus Hofmann, einem guten Freund und Promoter/Booker aus Darmstadt, gemacht. Er hat unseren Text eins zu eins in Bilder übersetzt, indem er Aufnahmen von uns eben mit Bildern von Bill unterlegt hat.
Crazewire: Stimmt ihr zu, dass wenn man etwas Gutes haben möchte, man es selbst machen muss?Woog Riots: Man kann es selbst machen, wie zum Beispiel eigene Musik, Konzerte veranstalten, politische oder andere kulturelle Aktivitäten. Wenn man gute Musik entdecken möchte, sollte man unbedingt beachten, was es jenseits der monatlichen Magazinhypes noch so gibt. Wir finden zum Beispiel eine großartige Band wie Herman Düne in der hiesigen Musikpresse völlig unterbewertet.
Crazewire: Abschließend bitte ich euch noch um eure Top 3 der besten Kinderlieder.Woog Riots: Augsburger Puppenkiste: "Bill Bo und seine Bande"
Sesamstraße: „Wer Wie Was“
Titelsong von Wicki