DETAILS

Interpret:
William Fitzsimmons

Titel:
„Ich möchte fühlen, was ich singe!“

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Autor:
Maximilian Burk
Köln, 03.08.2011

INTERVIEWS

William Fitzsimmons - „Ich möchte fühlen, was ich singe!“

William Fitzsimmons - „Ich möchte fühlen, was ich singe!“

William Fitzsimmons scheint die Hektik nicht zu kennen. Mit der Gelassenheit eines japanischen Yogis beantwortet der freundliche Mann mit dem Rauschebart unsere Fragen. Vor seiner Karriere als Musiker war er es, der die Fragen stellte: nach dem Psychologiestudium arbeitete er als Therapeut. Ein Gespräch über Bob Dylan, Authentizität und das Rasieren.

Crazewire: Bob Dylan ist dieses Jahr 70 geworden. Ein gutes Jahr für die Folkmusik?

William Fitzsimmons: Ich habe jedenfalls keinen Kuchen bekommen. (lacht, Anm. d. Verf.) Der Rolling Stone hat eine Sonderausgabe über die 50 besten Bob Dylan Songs gemacht und alle haben sich darüber gestritten, welche nun die besten Lieder sind. Dylan ist einfach cool, er ist immer noch was besonderes.

Crazewire: Dylans Wandel vom traditionellen Folk zum Rock spaltete seine Fans. Eine vergleichbare Entwicklung lässt sich bei deinem aktuellem Album „Gold In The Shadows" verzeichnen.

William Fitzsimmons: „Gold In The Shadows" ist jedenfalls nicht so gut geworden, wie Dylans „Bringing It All Home". (lacht, Anm. d. Verf.) Es ist aber ein Wandel, ich bewege mich in eine neue Phase. „Gold In The Shadows" ist eben eher ein Kollektiv-Album - nicht nur der traurige Barde mit Gitarre, wobei ich das auch sehr mag. Aber ich will eben nicht nur solche Musik machen. Deswegen geht es bei diesem Album um mehr Emotionen als nur um Traurigkeit und Depression. Ich versuche die ganze Bandbreite an Gefühlen rauszuholen.

Crazewire: Du beschreibst deine Musik oft als traurige Musik. Findest du sie traurig?

William Fitzsimmons: Es gibt zwei Typen von Musikhörern: die einen hören traurige Musik und werden noch trauriger, die anderen hören traurige Musik und sie finden ihren Frieden damit. Ich zähle mich eher zu der zweiten Fraktion. Im Endeffekt geht es um Ehrlichkeit: Wenn Du ehrlich mit deinen Emotionen umgehst, dann kannst Du einiges durchstehen.

Crazewire: Du meinst, es ist subjektiv, ob Musik traurig ist?

William Fitzsimmons: Musik ist eine Sprache der Emotionen. Es findet eine Konditionierung statt. Es gibt auch Melodien und Akkorde, die in der indianischen Popmusik gespielt werden, und für mich nicht von Bedeutung sind, und umgekehrt ist es vielleicht nicht anders. Es geht um Energien und manchmal kann man eben positive Energie aus der traurigen Schönheit ziehen.

Crazewire: Wie ist es für dich, auf Tour immer wieder mit der Traurigkeit aus deinen Songs und deinem Leben konfrontiert zu werden?

William Fitzsimmons: Nach „The Sparrow And The Crow" war ich ziemlich fertig. Ich bin damals zwei Jahre auf Tour gewesen und jeden Abend habe ich mich sehr von den Songs mitreißen lassen. Man merkt einfach, wenn ein Künstler es nur fürs Geld macht. Das ist eklig. Das ist wie Diebstahl. Ich möchte fühlen, was ich singe. Ich musste einen Weg finden, mich auf der Bühne im Song zu fühlen, aber das Gefühl auf der Bühne zu lassen und die Schublade nach der Show wieder zu zumachen.

Crazewire: Wie wichtig ist Authentizität in der Musik?

William Fitzsimmons: Musik ist sehr zirkulär. Damals gab es diesen Plastik-Pop, dann kam die Grungebewegung. Und es pendelt immer hin und her. Es gibt aber Menschen, die sind sehr dahinter her, dass etwas authentisch ist. Sie wollen etwas dahinter fühlen. Es gibt Künstler wie Bon Iver, Fleet Foxes, Sufjan Stevens - diese Leute machen sehr ehrliche und interessante Musik. Wenn man dagegen das Radio anmacht merkt man, dass man bei diesen Leuten richtig was fühlt.

Crazewire: Früher hast Du Menschen therapiert. Deine eigene Therapiesitzung ist sehr öffentlich.

William Fitzsimmons: Es ist eine mobile Therapiesitzung. Wir laden unsere Instrumente ein, spielen vor 3000 Menschen und machen Gruppentherapie. Es ist natürlich anders, aber doch vergleichbar. Man hat eben keine Face-to-Face Kommunikation, aber manchmal sieht man doch einzelne Menschen im Publikum, die etwas fühlen. Das ist schön und das ist, was ich in der Musik suche. Ich denke schon, dass Musik therapieren kann.

Crazewire: Was kann dich auf der Bühne verärgern?

William Fitzsimmons: Ich habe großes Glück mit meinem Publikum. Was mich allerdings ärgern kann, sind Störungen von betrunkenen Menschen im Publikum. Es sollten keine Ablenkungen stattfinden, damit man sich richtig fallen lassen kann. Aber was soll's. Es ist selten und die Leute haben Geld bezahlt, ich muss damit leben. Mein Publikum denkt jedenfalls nicht von mir, ich sei ein Terrorist.

Crazewire: Apropos Terrorist: hast du damit oft Probleme, wegen deinem Bart?

William Fitzsimmons:Ich glaube schon, dass ich wegen dem Bart mehr kontrolliert werde. Aus irgendeinem Grund habe ich besonders in London mit Sicherheitskräften zu tun. Da kommt es vor, dass ich für eine Stunde festgehalten werde oder so. Die mögen meinen Bart in London einfach nicht. Kinder mögen meinen Bart, aber leider arbeiten Kinder eher selten an Flughäfen.

Crazewire: Gibt es einen Grund für deinen großen Bart?

William Fitzsimmons: Faulheit. Ist eine Familiensache, die Männer haben alle Bärte. Wir haben uns aber nie abgesprochen: „Komm, wir lassen uns alle Bärte wachsen!“ (lacht, Anm. d. Verf.) Als ich als Therapeut anfing, sah ich durch den Bart älter und klüger aus. Aber heute ist es eben nur Faulheit. Ich hasse es, mich zu rasieren und es fühlt sich wie ein Teil von mir an.

Crazewire: Würdest du Probleme mit deinen Fans bekommen, solltest du den Bart abrasieren?

William Fitzsimmons: Es schreiben mir tatsächlich Menschen, ich solle meinen Bart niemals abschneiden. Manchmal nervt es auch, wenn ich zu Hause bin und keine Suppe mehr essen kann. Wenn ich mir jemals gewünscht hätte, glattrasiert zu sein, dann hätte ich das schon getan. Ich denke, dass die Leute mich hauptsächlich wegen der Musik und nicht wegen dem Bart hören. Aber vielleicht vertue ich mich da auch. (lacht, Anm. d. Verf.)

Crazewire: Wie sieht dein Alltag aus, wenn die Tour vorbei ist?

William Fitzsimmons: Ich gehe fischen. Ich wohne in einem kleinen Dorf in Illinois, da kann man nicht sonderlich viel mehr machen als fischen gehen. Entweder spiele ich Gitarre, geh schlafen oder fischen. Und lesen. Touren ist sehr aufregend, daher suche ich zu Hause nicht mehr das große Abenteuer.

Crazewire: Was liest du denn gerade?

William Fitzsimmons: Ich lese „Der Prozess" von Franz Kafka. Ich mag Kafka sehr. Ich habe auf der letzten Tour versucht, „Moby Dick" zu lesen, aber das war dann doch zu dick.


 

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