DETAILS

Interpret:
Wild Beasts

Titel:
Es gibt nicht immer einen Grund für die Dinge, so wie sie sind

Weiterführende Links:

Autor:
Michael Weber
Köln, 24.05.2010

INTERVIEWS

Wild Beasts - Es gibt nicht immer einen Grund für die Dinge, so wie sie sind

Wild Beasts - Es gibt nicht immer einen Grund für die Dinge, so wie sie sind

Betörend! Das wäre wohl die beste und gleichzeitig kürzeste Beschreibung der Musik der Wild Beasts. Ihr Klang und ihr zweites Album „Two Dancers“ haben im letzten Jahr Maßstäbe gesetzt, die hoffentlich für die nächsten Jahre aufrecht erhalten bleiben. Doch auch schon mit „Limbo Panto“ zeigten sie, dass sie zu einem Aushängeschild des guten Geschmacks von der Insel werden können. Der Stil, der Charme, der betörende Indie-Pop mit zwei Stimmen war 2008 schon da, nur war der Hype damals allerdings noch nicht so groß, dass sie es mit einer Tour nach Deutschland schafften. Zeit, dass sich in dieser Hinsicht etwas ändert. Wir trafen die handzahmen Biester während ihrer ersten Tour durch Deutschland.

Crazewire: Ihr seid aus dem Nordwesten von England. Eine Gegend, die dafür bekannt ist, dass die Musik, die von dort kommt, laut und sehr rockig ist. Ihr hingegen macht aber nicht solche Musik. Viel mehr seid ihr dafür bekannt intelligente Pop-Musik mit einem Touch Erotik zu machen. Wie hat das Publikum in schrofferen Gegenden aus England darauf reagiert? War es für euch schwierig Fuß zu fassen?

Tom Fleming: Nein, nicht wirklich. Obwohl, wir klingen nicht so wie die meisten Bands aus dieser Region. Von dort kommen aber doch viele Bands, die uns in gewisser Weise ähnlich sind. Zum Biespiel Joy Division oder Gang Of Four. Wir wollten immer unser eigenes Ding machen. Anders sein. Musik zu machen, war für uns immer ein Weg aus dem mondänen Leben. Wir sind immer etwas neben der Spur her gegangen. Dort Musik zu machen, ist immer eine Herausforderung.

Ben Little: Es war ja auch nie als Karriere angelegt. Für uns ist es zu einer Freundschaft geworden. Man macht dort nicht Musik, um es später als Job zu leben. Zuerst kommt immer die Uni. Als wir anfingen, gab es auch nicht wirklich große Bands von dort. Als wir dort aufwuchsen, mussten wir viel umherfahren, um überhaupt Live-Musik zu hören. Nach Manchester oder Liverpool. Wir waren also gezwungen unsere eigene Szene zu etablieren, uns selber treu zu bleiben und unserer Heimat beim Wachsen zu zu sehen.

Crazewire: Es ging also in erster Linie darum, sich selber treu zu bleiben?

Tom: Ja, so könnte man es sagen. Die Tatsache, dass wir uns alle schon so lange kennen, hat uns auch davon abgehalten in die Stadt zu ziehen, um jemand anderes zu werden und die eigene Herkunft gering zu schätzen. Du musst dich damit arrangieren, wer du bist und wo du her kommst, und dann solltest du so früh wie möglich damit beginnen, das Beste daraus zu machen. Ich will auch gar nicht zu psychologisch sein, weil ich mich damit auch gar nicht auskenne. Aber es ist schon sehr persönliche Musik, die zeigt, wer wir sind und wo wir herkommen.

Ben: Würden wir aus London kommen, dann würden wir auch viel anders klingen. Es ist schon bemerkenswert dort: Du spielst da nicht unter 14 oder 16 Konzerte am Stück. Und wenn du eine CD haben willst, musst du nicht weit fahren. Es gibt einfach genügend Möglichkeiten in London. Es ist sehr einfach dort in eine Szene zu gelangen.

Tom: Ja, es ist dort wesentlich einfacher zu konsumieren als zu produzieren. Du musst halt in der jeweiligen Region schauen, was du machen willst, was du zu sagen hast. Und mit vielen Einflüssen um dich herum, ist es nicht unbedingt einfacher.

Crazewire: Würdet ihr denn sagen, dass es ihr es in anderen Ländern einfacher hattet mit eurer Musik anzukommen?

Tom: Was uns wirklich zu gute kam, ist die britische Szene selbst. Andere Länder schauen nun mal gerne nach Großbritannien und sehen dort diese hageren Bands im Leder-Outfit, die sie dann auch gleich verschlingen. Zumindest war es dort eine Zeit lang so. Die Labels sehen das und wollen das dann unter Vertrag nehmen. Unser Vorteil war, dass wir nicht so klingen wie diese Bands. Ich hoffe doch, dass wir es nicht versauen und genauso werden oder, wenn wir es machen, dann sollte es nur graduell passieren.

Ben: Ja, eine Rezession ist womöglich eines der schlechtesten Dinge, was der Musik passieren kann. Ich habe das Gefühl, dass wir davon eher weniger betroffen sind. Denn die Bands, die neu raus kommen, müssen wirklich gut sein.

Crazewire: Eure Musik ist ja sehr extravagant und verspielt. Trotzdem ist absolut zugänglich. Was treibt euch an einen schwierigen Weg zu gehen, anstatt den einfachen einzuschlagen? Habt ihr da irgendwelche Vorbilder, die euch inspirieren?

Tom: Die Sache ist, dass wir einfach Musik mögen. Wir fühlen uns schrecklich, wenn wir wegen anderen auf vieles verzichten müssen, was wir gerne machen würden. Musik ist kein Wettbewerb, aber wir machen einfach Alben, die wir selber gerne hören würden. Ich denke, dass ist die beste Art es zu beschreiben. Du machst Alben, von denen du ausgehst, dass du sie sonst niemals hören würdest. Es ist natürlich schön, wenn andere Menschen sie dann auch noch mögen. Wenn du drüber nachdenkst, was die Leute hören wollen, dann denke ich, dass es schief geht. Und das hat man einfach nicht verdient. Man verdient es als einmalig angesehen zu werden.

Crazewire: Ihr geht also auch hier euren ganz eigenen Weg?

Tom: Ja, darum geht es. Natürlich hoffen wir, dass es den Leuten gefällt, aber du musst auch nachsichtig mit dir sein, um etwas vital und gut zu machen. Es geht niemals darum, dass wir es nur für unser eigenes Vergnügen machen, aber wir machen es immer mit der Vorsicht, dass wir uns darüber einig sind, wie es sein sollte.

Crazewire: Mit „Limbo Panto“ habt ihr eindrucksvoll gezeigt, dass ihr eben euer Ding macht, ohne auch nur nach Links und Rechts zu gucken. Fans und Kritiker haben euch dafür geliebt. Mit „Two Dancers“ geht ihr diesen Weg beharrlich weiter. Allerdings geht ihr ihn jetzt viel reifer. Das Resultat ist, dass „Two Dancers“ als eines der besten Alben von 2009 gehandelt wird. Wie fühlt es sich an als eine der innovativsten Bands aus England bezeichnet zu werden und Anerkennung von überall zu bekommen?

Tom: (lacht, Anm. d. Verf.) Oh, vielen Dank das ist gut. Ich wurde noch nie in diese Ecke gedrängt.

Ben: (lacht, Anm. d. Verf.) Danke. Es ist schön auf dieselbe Art anerkannt zu werden, wie die Bands, die du auch magst. Wir dürfen jetzt mit vielen Bands spielen, die wir respektieren. Und da ist es gut auf dem selben Level wie sie zu sein.

Tom: Es ist nett, sehr nett. Aber das darfst du auch nicht in den falschen Hals bekommen und dich als das Beste bezeichnen. Die Leute werden dich dafür hassen. Es ist eine doppelseitige Angelegenheit. Auf der einen Seite musst du zusehen, dass du dich auf das fokussierst, was du gerade machst. Und auf der anderen musst du Komplimente akzeptieren. Ich bin sehr stolz darauf, dass „Two Dancers“ so genossen und akzeptiert wird. Es fühlt sich gut an. Du denkst natürlich immer, dass du gut bist, aber es ist wirklich schön zu hören, dass andere Menschen das auch so sehen. Mehr kann ich auch fast schon nicht dazu sagen, außer dass ich den Leuten dafür danke, dass sie uns zuhören.

Crazewire: Für „Two Dancers“ habt ihr für fast ein Jahr geprobt, und geprobt und geprobt. Ihr habt es so lange gemacht, bis ihr euer Spiel perfektioniert hattet. Das Resultat ist ein atemberaubendes Album geworden, dem man all das gar nicht anhört. Es klingt lebhaft und authentisch. Gab es denn Momente in denen ihr fast das Handtuch geschmissen hättet?

Tom: Ja, die gab es schon. „Limbo Panto“ war beispielsweise ein viel teureres Album als „Two Dancers“. Das liegt daran, dass es damals, als wir den Vertrag unterschrieben, einen Boom gab, in dem man noch nicht so sehr auf Produktionskosten geschaut hat wie heute. „Two Dancers“ ist da eindeutig billiger geworden. Wir haben viel geprobt, viel Zeit miteinander verbracht während und zwischen Tourneen, so dass wir als Band und einzelne Mitglieder besser wurden. Auf diese Weise haben wir es geschafft, dass Album innerhalb von vier Wochen zu schreiben. Es war für uns zeitgemäß und es stellte sich so nicht die Frage, was wir wohl als nächstes machen würden. Wir haben so viel Energie gesammelt und als wir ins Studio gingen, war noch gar nicht alles fertig. Ich glaube, dass das uns geholfen hat: Das Festhalten an dem Aufregenden, was uns während des Schreibens widerfahren ist.Wenn du ein Album produzierst, bist du die erste Zeit im Dunklen. Du fängst mit nichts an und musst dahin gelangen, wo am Ende etwas steht. Es gibt also immer diese Momente, in denen du dich blind fühlst. Das ist schon nett so und du fühlst dich auch dafür verantwortlich. Das hat uns sehr geholfen.

Crazewire: Neben eurem eleganten Stil Musik zu machen, sind eure zwei Gesangstimmen wohl das auffälligste an eurer Musik. Tom, du singst im Bariton und Hayden im Fallset. Besonders Hayden sticht mit seiner Stimme sehr hervor. Ist es nicht ärgerlich jedes Mal gesagt zu bekommen, dass seine Stimme das besondere Element eurer Musik ist?

Tom: Oh nein, das ist es nicht. Es gibt so viele Bands mit zwei Sängern und jeder ist anders. Aber es ist natürlich das erste, was dir auffällt, weil es jemand ist, der da zu dir spricht. Ich denke schon, dass es ein wichtiges Element unserer Musik ist, schließlich hören die Leute es ja. Aber es ist längst nicht das einzige Element. Das ist cool so.

Crazewire: „Two Dancers“ ist für mich wie ein Konzeptalbum geworden, das viele Facetten über Beziehungen aufweist. Würdet ihr, bezogen auf eure zwei Gesangstimmen, sagen, dass ihr die „Two Dancers“ seid, die die zwei Seiten einer Beziehung dadurch widerspiegeln?

Tom: Das war so mit dem Titel nicht intendiert. Es war einfach da. Wir waren uns aber darüber im klaren, dass unsere beiden Stimmen immer etwas anderes machen und unsere Lyrics auch immer unterschiedlich sind. Haydens Stimme ist beispielsweise viel direkter, wohin gegen meine eher trauriger ist. Bezogen auf das Album gibt es da diese Glückseligkeit, den Genuss aber auch den Absturz und die Frage danach, was passiert wohl als nächstes. Quasi wie ein Pendel, das über dem Album schwingt und immer wieder eine andere Position einnimmt.

Crazewire: Was hat euch eigentlich inspiriert ein so bewegendes Album, wie „Two Dancers“ zu schreiben? Es klingt für mich, als hättet ihr viel Literatur über die nicht ganz so angenehmen Seiten von Liebe und Beziehungen gelesen. Es ist an vielen Stellen einfach sehr poetisch.

Tom: Oh! Ekstase ist oftmals sehr nah am Schmerz. In der Literatur findet man es sehr häufig. Bei Jean Baudrillard oder der englischen Schriftstellerin Angela Carter ist das oft der Fall. Sie spielen mit dieser Mischung aus Genuss und Horror, und der Schwierigkeit und Verwirrung der Sexualität. Es ist eine Art des Geschichtenerzählens, in die wir immer involviert sind. Allerdings ist es ein Erzählen aus der Distanz. Auch wenn es Haydens und meine Stimme ist, die man dort hört, sind es aber nicht wir beide. Wir sind nur beteiligt, wissen aber immer, was die Person, über die wir da gerade singen fühlt. Wir nehmen ihre Perspektive ein. Es soll immer eine Ansicht sein, niemals die Wahrheit. Nicht wie die Dinge sind, soll gesagt werden, sondern wie sie erfahren werden.

Crazewire: Hayden sagte mal in einem Interview, dass „Two Dancers" ein hedonistisches Album geworden ist. Was darf ich mir darunter vorstellen? Auf mich macht es eher einen brutalen Eindruck. Gerade „Hooting & Howling", „All The King's Men" oder „Two Dancers (I)" klingen für mich an vielen stellen bitterböse. Ihr singt zum Beispiel von Frauen, dass sie „birthing machines" sind. Ist „Two Dancers" also doch eher ein wahnsinniger Abgesang auf die Liebe, die eigenen Hoffnungen und Sehnsüchte?

Tom: Ich denke, dass das was Hayden gesagt hat, schon stimmt. Auf „Two Dancers“ geht es um das Verlangen nach Dingen, sie zu haben und was du dann damit machst. Ich finde, dass man das im Klang der Stücke schon gut hören kann. Alles ist so vertieft und sauber auf dem Album. Aber, wie ich schon sagte, es geht immer um die Erfahrung, nicht darum, wie es ist. Es ist immer die Sichtweise und das Gefühl einer Person, die wir besingen. Da gibt es auch nichts moralisches dran zu finden. Also das, was es jetzt wirklich bedeutet. Darum geht es ja auch im Leben: Es gibt nicht immer einen Grund für die Dinge, so wie sie sind. Du kannst immer mehrere Perspektiven der Betrachtung einnehmen.

Crazewire: Wisst ihr schon, was ihr als nächstes machen wollt? Gibt es schon Pläne für ein neues Album?

Ben: Nach dieser Tour kommen erst einmal die Festivals. Dann wird weitergetourt und in der Zwischenzeit werden wir auch weitere Proben haben. Ein neues Album sollte es dann so schnell wie möglich geben.

Crazewire: Und was macht euch zu wilden Bestien?

Ben: Normalerweise sind wir es nicht, aber wenn wir gemeinsam im Tourbus sind, kann es schon mal passieren, dass wir zu Bestien werden. Besonders dann, wenn einer auf dem anderen einschläft.

Tom: Oder wenn wir nicht schlafen oder an Orten aufwachen, wo wir noch nie zuvor waren. Das macht jeden von uns zu einer Bestie (lacht, Anm. d. Verf.)

Ben: Eigentlich sind wir aber ganz nette Kerle (lacht, Anm. d. Verf.). Sobald wir aber aufeinander treffen ändert sich alles.

Crazewire: Danke für das Interview.

Video: „We Still Got The Taste Dancin' On Our Tongues“

Wild Beasts - We Still Got The Taste Dancin


 

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