Interpret:
We Were Promised Jetpacks
Titel:
Düsenantrieb auf Sparflamme
Autor:
Michael Weber
Köln, 10.08.2009
Man kennt es: Das Bedürfnis, Bands mit Stempeln zu versehen, die wie ein Stigmata an ihnen haften sollen, ist ein alter Hut. Da müssen manchmal sogar ganze Nationen herhalten, um einer Band den Klang, den Stil, das Image oder das Kollektiv zu geben. Das wohl bekannteste Beispiel für eine derartige Auslegung dürfte wohl Island mit all seinen Interpreten sein. Als Band ist man dieser Willkür scheinbar hilflos ausgeliefert und sieht sich bemüht die Konstrukte so schnell wie möglich wieder einzureißen, bevor man für den Rest der Karriere die Farbe nicht mehr abgewaschen bekommt.
Es stimmt zwar, dass die Karriere der aus Edinburgh kommenden We Were Promised Jetpacks auf deren MySpace-Seite und Frightened Rabbit zurückzuführen ist, aber auch gemeinsam mit The Twilight Sad will man sich nicht als neues, magisches Dreieck aus Schottland verstehen. „Es ist schon merkwürdig“, sagt Adam Thompson, Sänger und Gitarrist von We Were Promised Jatpacks, „Es fühlt sich nicht wirklich wie eine Szene an, aber viele Leute sehen es so.“ Dass sich die Jetpacks aber ihrer Befangenheit innerhalb der angeblichen Szene bewusst sind, stellt er trotzdem fest: „Ich glaube aber, wenn man ein Teil davon ist, fällt es einem nicht so sehr auf.“ Viel wichtiger als eine Band mit prägendem Klang einer Bewegung aus Schottland zu sein, scheint ihm aber die Verbundenheit zur eigenen Band. „Unser Album besteht eigentlich nur aus uns vieren in einem Raum. Nicht mehr und nicht weniger. Eher zufällig wird es mit solchen Kategorien verknüpft, aber schlussendlich klingt es nur nach uns.“
So ist es kaum verwunderlich, dass sich We Were Promised Jetpacks als Kollektiv sehen, dem nicht nur daran gelegen ist, die eigene Unabhängigkeit zu untermauern, sondern auch festzustellen, dass niemand der Band eine gesonderte Rolle einnimmt. Getreu dem Motto „Einer für alle. Alle für einen“. Alles was für sie zu zählen scheint, sind die eigenen „These Four Walls“. Dennoch gibt es sie, die offensichtlichen Verbindungen und Querverweise, die ihnen aufgrund ihrer Herkunft in den letzten Monaten nachgesagt wurden. „Sehr sogar“, sagen sie, als sie auf die musikalische Einflussnahme besagter Bands angesprochen werden. „Es waren diese zwei Bands, die uns zu dem gebracht haben, was wir jetzt sind. Inspiration mag vielleicht ein sentimentales Wort sein, aber es fällt uns kein besseres ein.“
Aber auch die kommende US-Tour gemeinsam mit Frightened Rabbit und The Twilight Sad gibt genug Anlass, zumindest von einer neuen schottischen Offensive zu sprechen. Eine Offensive, die, wie sollte es auch anders sein, auch noch in ihrer geballten Form bei FatCat unter Vertrag steht. Für die vier Freunde ist es jedenfalls ein Segen: „Wir waren und wir sind große Fans des Labels. Dass sie uns an uns Interesse hatten, war schon ziemlich aufregend.“ Aber auch, wenn es für die noch junge Band aufregend war, zeigen sie an diesem Punkt ein gesundes Selbstvertrauen und bleiben sich der Vorzüge ihrer Zeit bewusst: „Wir glauben, dass sie uns in einer anderen Zeit vielleicht gefragt hätten, ob sie Demo-Material von uns haben können. Aber das mussten sie so nicht, es war ja alles bereits auf MySpace.“
Jetzt, wo sie unter Vertrag stehen, verschmelzen aber auch für We Were Promised Jetpacks süße sowie bittere Inhalte der neuen Aufgaben. Eine klar zu verspürende Begeisterung für all das Neue existiert, ein bisschen skeptisch bleiben sie aber dennoch: „Wir mussten in New York spielen, was irgendwie radikal war, denn ein paar Leute kannten uns bereits. Wir haben nur ein paar Konzerte gegeben, doch die Leute sangen unsere Lieder mit. Es hat alles gerade erst begonnen, gewöhnt haben wir uns aber noch nicht daran.“ Und auch angesprochen auf die Reaktionen auf ihr erstes Album, neigen sie nicht zur Überschwänglichkeit: „Die Reaktionen waren eindeutig besser, als wir erwartet hätten. Wir dachten, dass es so 50/50 sein wird, aber es sah viel besser aus. Sie waren nicht massiv, dafür aber cool.“
Erwähnt man aber „These Four Walls“, so nennt man auch in einem Atemzug ein weiteres Beispiel einer Band, die alles dafür gegeben hätte, dass ihr Album nicht vor der Veröffentlichung im Netz kursierte. „Um ehrlich zu sein, waren wir ziemlich enttäuscht. Es war kaum fertig gestellt, da stand es schon im Netz. Viele unserer Freunde hatten es bis dahin noch nicht mal gehört. Wir wollten es den Leuten vorspielen. Des Weiteren wäre es schön gewesen, das fertige Album für ein paar Wochen nur für uns zu haben. Es war sehr anstrengend, das Album so klingen zu lassen, wie wir wollten und dann, als es fertig war, passiert so etwas.“ Aber von dieser persönlichen Einschätzung abgesehen, gehen sie nicht davon aus, dass ihnen dieses Ärgernis geschadet hat.
Ob nun mit einer neuen, schottischen Szene stigmatisiert oder nicht, und auch wenn die neuen Pfade aufregend und enttäuschend zugleich sein können, am Ende bleibt ein stürmisches Debüt einer jungen Band, die von Sturm und Drang noch nichts gehört haben will. „Es ist einfach nur Musik, die wir mögen. Wir mögen Bands, die ordentlich Krach machen, also haben wir versucht es ähnlich zu machen.“ Dass dabei das Gefühl eines Live-Auftritts im Vordergrund stand, war für die Produktion von „These Four Walls“ entscheidend. So ergänzen sie: „Wir wollten es wie ein Album, aber mit der Energie einer Performance klingen lassen. Es war nicht unsere Absicht, Songs zu schreiben, die später auf einem Album sind. Wir wollten Live-Material.“
Und das haben sie jetzt vorerst wohl genug, denn die nächsten Monate werden auch weiterhin nicht an Tempo verlieren. „Wir werden in der nächsten Zeit gehörig auf Tour gehen“, sagen sie, „Wir spielen in Europa und auch nach Deutschland werden wir kommen. Danach steht noch eine US-Tour und zum Schluss eine große England-Tour an.“ Doch damit nicht genug, We Were Promised Jetpacks denken schon jetzt daran, nach der Tour wieder neue Lieder zu schreiben. Eines ist jedenfalls klar: Die Ambitionen haben sie, jetzt sollten sie ihre Jetpacks so zünden lassen, wie sie es in den eigenen vier Wänden bereits getan haben.