Interpret:
Voltaire
Titel:
Der Mangel an Distanz
Autor:
Jesse Benjamin
Berlin, 16.06.2009
Herzlichen Dank an Marc Huth für Interviewfotos!
Über manche Bands und ihr Selbstverständnis wundert man sich immer wieder. Die Mal-Bonner-Jetzt-Kölner Band Voltaire ist dazu noch eine über die man gerne diskutiert, die Verstrickungen in die üblichen Streitpunkte deutschsprachige Texte und prätentiöse Bandnamen folgen schnell. Voltaire wurden 2006 zu einer der am meisten Erfolg versprechenden Ensembles von einem einflussreichen Musikmagazin gekürt. In der unter dem drückenden Gewicht der britischen Krone und dem Dschungel Brooklyns lastenden Szene sind das keine guten Vorraussetzungen. Warum das alles eingemachter Mumpitz ist, weiterhin alle gut beraten gewesen wären im Berliner Magnet Club vorbeigeschaut zu haben und in naher Zukunft sich auch die Vorband von The Notwist auf dem c/o Pop in Köln genauer anhören könnten, merkt man schnell in unserem Interview mit Marian Menge und Roland Meyer de Voltaire. Über manche Bands und ihr Selbstverständnis wundert man sich immer wieder gerne.
Crazewire: Hallo und willkommen in der Hauptstadt! Verratet uns doch bitte eure vollen Namen und eure Aufgaben in der Band.
Marian Menge: Marian Menge, Gitarre. Glockenspiel. Und manchmal Trommel. Und Klarinette neuerdings.
Roland Meyer de Voltaire: Roland Meyer de Voltaire, Sänger, Rhymusgitarre, Bassgitarre und Schabernack.
Crazewire: Wie läuft denn der Tourauftakt soweit?
Roland: Wir haben angefangen in Ilmenau, das war ein recht witziger Club, mitten auf einem Campus von einer technischen Uni mit einem heftigen Männerüberschuss. Den Laden gibt es irgendwie seit 40 Jahren, von daher ein ganz besonderes Ambiente, das hat Spaß gemacht.
Crazewire: Wie nehmt ihr euer Publikum wahr, was sind das für Leute für euch?
Marian: Das ist eigentlich sehr unterschiedlich, in Ilmenau waren es natürlich nur Studenten, inzwischen ist es aber total gemischt. In Oberhausen war schön dass ich wirklich feststellen konnte dass die Mädels auch ihre Jungs mitgeschleppt haben, ganz verschiedene Altersgruppen waren dabei.
Roland: Man muss ja auch sehn, wir sind als Band einerseits mit Madsen getourt und sind gut angekommen, aber andererseits auch mit John Watts auf Tour gewesen, der größtenteils Fans „vierzig plus“ hat und sind auch da gut angekommen. Ich glaube dass man bei unserer Art von Musik überrascht ist, dass jemand uns mag von dem man es gar nicht gedacht hätte, natürlich auch anders herum, klar. Generell denke ich dass eine Rubrik für uns schwer zu benennen ist.
Crazewire: Wie läuft es denn mit Enno Bunger bisher, der ist ja euer Tour- und Labelpartner?
Roland: Es war so dass Enno vorgeschlagen wurde, irgendwie über das Management und dass Philipp, unser Bassist, der auch bei Lichter spielt, gesagt hat „Hey das ist eine super Band, lass uns was mit denen machen“. Wir hatten sie uns auch dann im Stereo Wonderland in Köln angesehen und hatten sehr viel Spaß da gehabt, fanden es sehr schön und haben uns gedacht dass wir schöne Abende verbringen könnten.
Crazewire: Ist denn bisher auch schon etwas total schiefgelaufen?
Roland: Ich hab mich erkältet, deswegen hocke ich auch die ganze Zeit mit Schal hier.
Crazewire: Das könnte man natürlich auch selbst so auslegen dass die Stimme so beansprucht wird...
Roland: Das tatsächlich auch, ich hab mich da mal länger mit Sebastian (Sänger von Madsen, Anm. d. Verf.) unterhalten, der ist da ja noch etwas krasser als ich unterwegs. Die spielen ja nicht so lange [Konzert], weil das einfach ein anderes Intensitätsniveau ist als Popmusik, die sich in angenehmen Lagen bewegt und auch dafür geschrieben ist, das geht alles auf die Kondition.
Crazewire: Was macht ihr denn wenn die Tour vorbei ist?
Marian: Alle wieder in den Alltag einsteigen...
Roland: Es gibt auch für die Band viel zu tun, wir wollen keine so lange Pause haben wie zwischen den letzten beiden Alben (2006 und 2009, Anm. d. Verf.). Wir haben jetzt schon wieder angefangen zu schreiben und Festivals auf die wir vorbereitet seien müssen, zum Beispiel das c/o Pop in Köln. Das wird auch sehr interessant weil wir in der Philharmonie mit The Notwist spielen werden. Die Bookerin hatte uns wohl schon etwas länger im Auge und die Idee hat uns sehr gut gefallen.
Crazewire: Das glaube ich. Wie denkt ihr werden die Notwist-Anhänger auf euch reagieren?
Roland: Spannend. Wir haben ja ein relativ buntes, vielseitiges Repertoire. Bei einer Supportshow von etwa einer halben Stunde könnten wir sowohl ein ruhiges Set wie auch ein lautes Set machen, es ist ja blöd nur eine Seite von sich zu zeigen. Im Moment sind wir auch ein bisschen am herum spinnen, das Ganze etwas anders zu gestalten. Ich habe allerdings auch überhaupt keine Ahnung wer zu Konzerten von The Notwist geht, ich kenne viele Leute die sie mögen, aber ob da eher so intellektuelles 30-Aufwärts-Publikum ist...
Marian: Es ist auch die Frage, die Philharmonie ist ja auch ein Laden in der viele Leute Dauerkarten haben und sich die klassischen Konzerte angucken, ob dann auch alte Ehepaare da sitzen...
Roland: Fänd ich jetzt nicht so schlimm (lacht, Anm. d. Verf.)
Crazewire: Zurück zu dem Herumspinnen. Roland, du wirst ja meist als der kreative Kopf und Anführer aufgeführt, würdest du das so bestätigen?
Roland: Nein. Zum einen, sobald du deutschsprachige Musik machst - und zum Teil gefällt uns das gar nicht - gucken die Leute immer zuerst auf die Texte. Es geht da einfach nicht darum, dass ich oder wir es nicht gut finden wenn auf die Texte geachtet wird, aber es ist so dass die Musik meist ins Hintertreffen gerät. Die Musik ist, gerade bei der letzten Platte, sehr in der Gemeinschaft entstanden. Wir hatten diesmal eher Jams, aus denen wir Teile entnommen und daran weitergearbeitet haben, dann wiederum gab es manchmal Texte, da haben Marian und Heda (Hedayet Djeddikar, Mitbegründer, Anm. d. Verf.) Musik dazu gemacht, zum Beispiel bei „Ich verliers“ war das der Fall. Es gab sehr unterschiedliche Herangehensweisen, da bin ich eher Regisseur. Ich lasse viel kommen und versuche, das am Ende zu einem Bild zusammen zu fügen.
Crazewire: Also eher eine Darstellungssache? Wenn man sich das Tourposter mal ansieht bist du in Körpergröße darauf und guckst in die Kamera, während alle anderen mit schwarzen Balken über den Augen versehen sind...
Marian (lacht, Anm. d. Verf.): Aber wir lachen auch!
Roland: Es gibt gewisse Angelegenheiten, da gehört meiner Meinung nach ein Poster dazu, wenn es darum geht einen schnellen Zugang zu ermöglichen. Wir haben uns für dieses Motiv von Markus Wustmann entschieden, weil es zum einen diesen Fokus hat und zum anderen den Bruch, ich gucke ja als würde ich dem Fotograf gleich eine scheuern. Und weil die anderen auch lachen.
Marian: Es war eine ganz spontane Fotosession, in Hamburg, wir haben uns da hingestellt und gelacht und keine Ahnung warum er (Roland, Anm. d. Verf.) da gerade so ernst in die Kamera geguckt hat. Die schwarzen Balken hat der Fotograf dann selber reingesetzt, ich selbst habe es noch nie ohne gesehen...
Crazewire: Ihr führt Coldplay, Muse, Radiohead und Jeff Buckley als eure Einflüsse auf...wenn man gezielt darauf achtet hört man das nicht unbedingt raus. Inwiefern haben euch diese Künstler beeinflusst?
Roland: Dieser Myspace-Verweis ist rein funktional gedacht. Es ist schwer über Musik in dieser Form zu reden. Wir haben diese Rubrik entdeckt und Magazine gelesen, womit werden wir da überhaupt verglichen und so. Später haben wir es zusammengesetzt und darauf geachtet dass nicht alles in ein Horn bläst. Es sind auf jeden Fall relativ wenig deutsche Einflüsse.
Crazewire: Zum Stichwort Deutsch, glaubt ihr nicht dass ihr ein sehr viel größeres Publikum ansprechen könntet wenn ihr nicht auf Deutsch singen würdet?
Marian: Möglich.
Roland: Keine Ahnung. Wir haben es noch nie versucht. Ich habe früher gedacht, dass mir der Gedanke in Englisch zu singen insofern nicht gefällt, als dass es das Ganze unpersönlicher macht. Bei einer Sprache, die man nicht im Alltag lebt, ist es einfacher irgendwelche Floskeln unterzubringen. Es ist, wie ich sagte, störend, dass manche so wenig auf die gesamte Musik achten, weil man sich an den Texten aufhängt. Ich habe keinen Bock, dass alles auf Texte reduziert wird. Vielleicht sollte man gerade deswegen mal etwas auf Englisch produzieren. Das Problem an der deutschen Sprache ist der Mangel an Distanz, jemand der deutsch hört kann das nicht von sich wegrücken, das springt einen an. Darauf muss man Bock haben, und wenn man das nicht hat und lieber Musik hört die man, auch im guten Sinne, auf Distanz halten kann, die einen nicht zu eindringlich erreicht, dann ist diese Musik nichts für den.
Crazewire: Würdet ihr denn mal ein Tokio-Hotel-Manöver abziehen und eure Hits einfach ins Englische übersetzen?
Marian: Als wir mal mit I Am Kloot zusammen gespielt haben vor drei Jahren waren auch deren Produzenten dabei und die waren total begeistert, ohne auch nur ein Wort zu verstehen. Da kam das schon mal zu Sprache. Tokio Hotel ist glaube ich die einzige Band, bei denen das geklappt hat. Wir Sind Helden hatten das ja auch schon mal versucht, aber... Muss nicht. Lieber neue Songs auf Englisch.
Crazewire: Inwiefern ist eure Musik also progressiv?
Roland: Sagen wir mal das Vokabular, das wir musikalisch benutzen, ist eigentlich traditionell. Im klanglichen Sinne. Was bei uns schon anders ist als bei vielen Bands ist dass wir unseren Kern nicht so sehr um eine bestimmte Soundästhetik bauen. Ich habe Leute gehört, die gesagt haben, dass sich nur in der Stimmung ein roter Faden durchzieht, weil musikalisch so viel passiert. Ich denke das macht schon den Unterschied bei uns.
Crazewire: Auf eurem Album sind die Songs sehr differenziert, es gibt subtiles Pianogeplänkel während alles eher stimmlich-harmonisch gehalten wird...ist das schwer live zu reproduzieren?
Marian: Die meisten Songs haben wir ja komplett live eingespielt, Roland hat ihnen dann das Gesamtkonzept verpasst...
Roland: Ja, dadurch fällt es leichter die Songs runter zu brechen. Live halten wir alles eher roher, vernachlässigen dann auch mal Details, ich denke das ist besser als auf Gedeih und Verderb zu versuchen ja genau alles wie auf dem Album zu spielen.
Crazewire: Auf eurem Album findet sich äußerst unterschiedliche Acts wieder, von Underworld zu den Editors, Soulwax, Too Many DJs, Mogwai, Dinosaur Jr. oder I Am Kloot. Wie wichtig war es genau dahin zu gelangen?
Roland: Wir haben einen Deal der uns freie Hand lässt, einen reinen Vertriebsdeal. Im Moment ist auch eine schöne Art und Weise auf unserem Label dem Zeitgeist zu trotzen mit Gisbert zu Knyphausen oder auch Enno Bunger. Sie geben uns Rat den wir auch gerne annehmen...
Crazewire: Erzählt uns doch mal etwas über die Anfänge der Band...
Marian: Als der Roland klein war hatte er ein Mikrofon und ein Gitarren-Effekt-Gerät, das hat er an seine Stereoanlage angeschlossen und seine Stimme dann so verändert, dass er am Telefon wahllos Leute anrufen konnte und sie damit erschreckte.
Roland: Ich hatte dann so ne Alienstimme. Das war das erste Mal, dass ich so einen Effekt gehört hatte und das klang ungefähr so Wiuwiuwiu...
Crazewire: Und das war dein künstlerischer Ansporn?
Roland: Das war der Anfang. Die nächste Platte wird wieder so klingen, da gehe ich zurück zu den Wurzeln.
Marian: Dann erschreckt er die Leute nicht mehr am Telefon sondern auf Platte...
Crazewire: Die Presse hat ja eher allgemein gut auf euer neues Album reagiert. Lieber gute Kritiken bei guter Musik oder Verkauf und dafür locker weiter musizieren?
Roland: Gute Kritiken von Leuten auf deren Meinung man wert legt sind ja erst mal schön. Aber auf der anderen Seite muss ich sagen, dass wir keine Musik machen für ein paar - und so fühlt sich vieles vom Musikjournalismus an - elitäre, spitzfindige und sicherlich aber auch durchblickende Leute vom Fach, sondern Musik die in irgendeiner Form die Menschen berührt, den Leuten auch etwas gibt. Ich finde das eher ein zweischneidiges Schwert, klar geht’s uns nicht um den Megaseller um auf Gedeih und Verderb Ruhm zu erlangen, aber prinzipiell machen wir die Musik für Zuhörer. Ich gehöre zu der Sorte Musiker, die nicht nur für sich selber Musik machen. Man hört mich nicht in meinem Zimmer singen oder Gitarre spielen, es sei denn ich nehme auf oder schreibe einen Song.
Marian: In der Fragestellung tauchte ja auch das „locker weitermachen“ auf, ich denke das so Leute wie wir die Musik spielen die nicht ganz einfach ist, nicht ganz unemotional, dass es nie locker ist. Es ist auch immer Kampf und Anstrengung. Dann sind natürlich auch schöne Kritiken wirklich gut wenn man vorher gekämpft hat.
Crazewire: Heute morgen war euer Album auf Platz 7269 in den deutschen Amazoncharts. Was haltet ihr von solchen Zahlen?
Roland: Äh, keine Ahnung. Das sind Zahlen. Den Wert von Kunst in Zahlen zu messen ist ja in einem kapitalistischen System irgendwie gegeben, aber das hat ja nichts mit der Substanz der Sache selbst zu tun, das was da drin oder nicht drin steckt...
Crazewire: Siehste hab ich doch noch Politik reingekriegt...
(Gelächter, Anm. d. Verf.)
Crazewire: Also, warum Voltaire, klar, auch wegen Rolands Nachnamen, aber warum ausgerechnet dieser Bandname? Wollt ihr möglichst viele Studenten abfangen, oder...?
Marian: Ich glaube ja mit so einem Bandnamen verschreckt man eher die Studenten. Entweder sie studieren nichts in der Richtung oder es sind Leute die den Stoff kennen und sich denken „Oh nee...“
Roland: Also, man hört das schon raus, man erlebt den Bandnamen eher als Fluch denn als Segen, weil sich die Leute da was weiß ich vorstellen. Auch da unsere Musik nun mal sehr emotional ist, also kein, wie soll ich sagen, reines Hirngewichse ist. Es nervt manchmal tierisch, aber wir haben den Namen sehr naiv angenommen, haben darüber diskutiert, ob wir uns anders nennen können und nichts gefunden. Da haben wir uns gedacht „klingt doch schön“. Ich finde nach wie vor, dass das Wort einen schönen Klang hat. Es nervt, was sich Leute darunter vorstellen, man kriegt das direkt am Merch-Stand mit. „Oh, puh, da ist einer der nennt sich Voltaire, der ist aber hier...“ (imitiert Luftpumpe, Anm. d. Verf.) Es kommt bei unserer Musik noch dazu, dass Understatement nicht so unser Ding ist. Wir wollen uns auf keinen Fall als die darstellen, die die Weisheit mit Löffeln gefressen haben. Ich bin nicht so philosophisch bewandert wie man es vielleicht vom Kopf einer Band erwartet die Voltaire heißt und auch noch so mit Nachnamen heißt.
Crazewire: Habt ihr dennoch eine Bandphilosophie?
Marian: Es gab mal so eine Zeit da haben Fußballtrainer das gerne benutzt, gerne eine Philosophie hinter dem ganzen haben. Ich finde das Wort klingt seitdem so nach Poesiealbum, Motto des Tages. Ich glaube für die jetzige Konstellation wird sich eine Philosophie heraus kristallisieren wenn wir länger zusammen gearbeitet haben, gerade mit zwei Neuen in der Band.
Roland: Wir sind jetzt keine Band die - wir sind halt nicht Arcade Fire. Ich find die großartig, aber da merkt man dass ein Konzept ausgedacht wurde, und jeder der da hereinkommt kriegt diese Kappe aufgesetzt und dann wird das Programm durchgezogen, so läuft das bei uns ja nicht. Jetzt war die Situation die: wir haben eine Platte aufgenommen, ein neuer Schlagzeuger war dabei, den musste man neu einarbeiten, aber prinzipiell stehen wir wieder am Anfang, eben weil wir kein anfängliches Konzept oder Konstrukt haben sondern sich alles so entwickelt. [Eine Philosophie] ist halt etwas was sich nur über einen längeren Zeitraum entwickeln kann, und dafür ist es jetzt einfach zu früh.
Crazewire: Vielen Dank für das Interview!