DETAILS

Interpret:
Various Artists

Titel:
Nur, wenn das Publikum zuhört...

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Autor:
Christopher Szwabczynski
Steinfeld, 23.11.2011

INTERVIEWS

Various Artists - Nur, wenn das Publikum zuhört...

Various Artists - Nur, wenn das Publikum zuhört...

Schreng Schreng & La La, Hello Piedpiper und Stargazer. Es ist die große kleine Ausnahme in der weiten Musiklandschaft. Das „The Cool Song“-Projekt gehört zu einer wahren Seltenheit im Musikbusiness. Dabei geht es gerade hier um nichts anderes als um Musik. Die Hommage an den Norweger St. Thomas ist ein „Produkt“ geworden, das viel mehr als ein Sich-Verbeugen ist. Die Zusammenarbeit des Duos Schreng Schreng & La La, dem Kölner Singer-Songwriter Hello Piedpiper und dem Wuppertaler Label Stargazer ist ein stiller Appell an das eigentlich Wichtige im Leben. Wir haben alle Beteiligten befragt und sind zu dem Schluss gekommen: Herzensangelegeheiten sind wichtige Angelegenheiten. „Mehr nicht…, aber ganz bestimmt auch nicht weniger.“

Crazewire: Initiator, Künstler und Label. Beschreibt Euer Projekt doch bitte kurz aus eigener Sicht.

Lasse Paulus (Schreng Schreng & La La): Freundschaft, Herzblut und viel Arbeit. Man muss doch recht viel beachten und ziemlich viele E-Mails verschicken. Schließlich müssen die Rechte national wie international geklärt werden. Die Erbengemeinschaft, sprich Familie Hansen, muss ihr Okay geben und man muss ein passendes Label finden. Da muss ich vor allem Isa danken, die sehr schnell Feuer und Flamme für das Projekt war. Im Endeffekt ein absoluter Glücksgriff, da Stargazer einen ganz tollen Job macht. Und man darf natürlich nicht vergessen, dass auch Fabio und Karsten, der das Cover gestaltet hat, einen großen Beitrag zur Verwirklichung dieser 7“ beigetragen haben. Da kommt dann auch die Freundschaft ins Spiel.

Fabio Bacchet (Hello Piedpiper): Die 7“ ist eine ganz tolle Form der Zusammenarbeit von verschiedensten Leuten. Jeder trägt seinen Teil dazu bei, seien es die Künstler, Grafiker, das Label... Und so entsteht im Teamwork eine super Sache, die eine noch bessere Sache unterstützt (St. Thomas-Minnefond). Und daher ermöglicht es uns allen, einen kleinen Teil dazu beizutragen, dass einige Sachen zumindest etwas besser werden können. Das ist, so meine ich, für alle Beteiligten eine große Motivation. Das „Mehr nicht…, aber ganz bestimmt auch nicht weniger“ aus unserer Info trifft es ziemlich genau, würde ich sagen.

Isa Parzich (Stargazer Records): Für mich ist dieses Projekt ein sehr intimes und das aus vielerlei Hinsicht. Zum einen, weil mich Thomas Hansen schon immer musikalisch berührt hat in einer Art und Weise wie es nur wenige schaffen. Mich hat sein Tod – genau wie der Elliott Smiths' – sehr bewegt. Zum anderen, weil ich mir wünsche, dass wir den Namen St. Thomas mehr Menschen zugänglich machen, an ihn erinnern und natürlich viel Geld für den St. Thomas Minnefond zusammen bekommen. Der positive Nebeneffekt wäre, dass wir Menschen mit psychischen Problemen oder Erkrankungen noch aufmerksamer gegenübertreten.

Crazewire: Auf dem Blog von Schreng Schreng & La La kann man lesen, wie Lasse während der diesjährigen Tour in Bayern vor einer Hauptschulklasse Rede und Antwort steht. Wie würdet Ihr einem Schüler das „The Cool Song“-Projekt erklären?

Lasse: Ganz schwierige Frage, da ich bei diesem Treffen zum Teil doch überfordert war. Die Jugendlichen hatten einige Textzeilen sehr persönlich genommen, obwohl Jörkk sie auf unserem Album „Berlusconi“ doch sehr allgemein gehalten hat. Die Differenzierung fehlte total. Das fand ich sehr spannend. Ich glaube, im Endeffekt würde ich den Kids die Emotionen beschreiben, die der Song in mir auslöst.

Crazewire: Ihr wisst ganz genau, dass es bei diesem Projekt weder um Geld noch um Ruhm geht. Triebfeder ist hier allein der Support für St. Thomas. Seht Ihr darin vielleicht einen Weg, das Musikbusiness auf den Kopf zu stellen?

Lasse: Nein. Ich glaube nämlich, dass wir zwar mit etwas Glück ein paar Euro an die St. Thomas-Stiftung überweisen können, aber großes Aufsehen werden wir mit dieser 7“ nicht erregen.

Isa: Das wird wohl nicht funktionieren. Und ich bleibe auch lieber im Mikrokosmos, als gegen Windmühlen zu kämpfen. Viel wichtiger ist es mir aber, Menschen da draußen glücklich zu machen und das mit einer Sache, die auch mir sehr am Herzen liegt. Ich habe in den letzten Tagen einige E-Mails bekommen von Menschen, die sich bedankten und mir ihre Freude mitteilten. Das ist toll und so viel mehr Wert als Geld oder Ruhm.

Fabio: Ob wir das Musikbusiness damit auf den Kopf stellen werden oder sollten, weiß ich nicht. Und genau darum geht es ja bei diesem Projekt eben nicht. Es ist ja so, dass Musik sehr viel damit zu tun hat, Dinge zu tun, die man gerne macht. Sei es, seine eigenen Songs zu schreiben oder sei es, – wie in diesem sehr schönen Fall – Musik von anderen tollen Künstlern zu interpretieren. In jedem Falle denke ich, dass dieses Projekt einen sehr guten, nicht kommerziellen Ansatz mit sich bringt und das finde ich sehr wichtig. Es geht damit eben nicht darum, Geld oder Ruhm zu verdienen und genau aus diesem Grund wird diese 7" so besonders.

Crazewire: Mich interessiert bei diesem Projekt besonders der Gestus, der dahinter steckt. Ihr macht das aus reiner Überzeugung. Nur für Euch, St. Thomas und der damit vielleicht wachsenden Community. Ist das ein L‘art pour l‘art-Gestus? Oder geht das sogar über Kunst hinaus?

Lasse: Sehr schön: „Die Kunst um der Kunst willen“. Da habe ich ehrlich gesagt noch nie drüber nachgedacht. Ist es Kunst, ein Lied zu covern? Ich weiß, dass es ursprünglich nicht darum ging, den Song für eine gewisse Community zu spielen. Viel mehr wollte ich, dass Menschen den Song und den Namen von St. Thomas hören und sich den im Optimalfall auch merken. Hat geklappt.

Crazewire: Ich glaube im Fall dieser 7“ sollten wir „Herzensangelegenheit“ neu definieren. Ihr spielt Deine Version von „The Cool Song“ schon seit den Anfangstagen von Schreng Schreng & La La. Bei so gut wie jedem Konzert kommt der St. Thomas-Verweis. Was geht Euch da durch den Kopf?

Jörkk Mechenbier (Schreng Schreng & La La): Da ich ja nur einen ganz kleinen Part selbst singe und Lasse den Text vorträgt, hänge ich ihm oft während des Songs an den Lippen. Ich denke an all seine „Lobhudeleien“ bezüglich des Künstlers St. Thomas, aber auch an den Menschen Thomas Hansen (und seinen viel zu frühen Tod), den Lasse mir über die letzten Jahre näher gebracht hat. Jedes mal sehe ich an seiner Körperhaltung und noch mehr an seiner Mimik, dass ihm das Ganze eine „Herzensangelegenheit“ ist. Und das nicht lediglich direkt während des Vortrags.

Lasse: Ganz ehrlich gesagt, wenn ich den Song singe, gehen mir viele verschiedene Dinge durch den Kopf. Vor allem aber denke ich an meine Freunde, die bereits verstorben sind. Das klingt jetzt vielleicht etwas abgedroschen, aber gerade das Thema Tod ist für mich dabei extrem präsent. Deshalb spiele ich den Song auch nur, wenn das Publikum zuhört und nicht an der Theke steht und über die Fußballergebnisse quatscht. Ich glaube außerdem, dass Thomas ziemlich glücklich wäre, wenn er uns sehen könnte. Und das macht mich wiederum ziemlich glücklich. Schließlich kenne ich Menschen, die auf Grund meiner Version, St. Thomas CDs gekauft haben. Und das finde ich ganz schön toll.

Crazewire: Fabio, Du kanntest Thomas Hansen gar nicht, bevor Du von Lasse gefragt wurdest, ob Du eine Version beisteuern möchtest. War das ein Vor- oder Nachteil bei der Entstehung Deiner Version? Was hat Dich an diesem Projekt gereizt?

Fabio: Ja, das stimmt, muss ich ehrlich sagen. Ich hab mich dann aber gleich hingesetzt und mir die Biographie von Thomas Hansen durchgelesen und muss sagen, dass ich es ziemlich ergreifend und spannend fand. Anschließend hab ich mir dann den Song ein- oder zweimal angehört und die Akkorde dafür rausgesucht. Ich wollte in jedem Falle die Struktur des Songs nicht verändern. Das war von Anfang an klar. Ich habe mich aber dazu entschieden, die Originalversion nicht mehr anzuhören, damit meine Version dann tatsächlich das wird, was in dem Moment aus mir rauskommt, wenn diese Akkorde zusammen mit dem Text vor mir liegen. Die Gesangsmelodie war zum Glück so eingängig, dass ich sie mir fast unmittelbar merken konnte. Was dann passiert ist, war eine ganz tolle und spannende Erfahrung für mich. Eine andere, neue Form von Kreativität. Ich habe dann einfach den Song fließen lassen, ihn immer wieder gespielt und überlegt, was man noch ändern oder hinzufügen könnte. So kam dann noch die Slide-Guitar und die Melodica – zwei Instrumente die ich immer gerne benutze –  mit ins Spiel und ich war dann mit dem Endprodukt ziemlich zufrieden. Ob das ein Vor- oder Nachteil ist, kann ich so nicht beantworten. Ich habe versucht die Stimmung, die ich vorher beim Anhören gespürt habe, in die neue Version zu transportieren. Der Song wurde auf jeden Fall ziemlich verändert und ich hoffe, dass mir das niemand übel nimmt.

Crazewire: Isa, mit Stargazer hast Du ein kleines stilsicheres Label. Musstest Du lange überlegen, die 7“ zu veröffentlichen?

Isa: Ratio vor Emotio jedoch nicht Ratio ohne Emotio. Auf der einen Seite war ich sofort Feuer und Flamme und hätte am liebsten direkt begonnen. Auf der anderen Seite bin ich mir aber immer auch der Schwierigkeit bewusst, dass die 7“ ein schwieriges Format ist – und das ja nicht mehr nur in Deutschland. Nichtsdestotrotz glaube ich an die Menschen da draußen, die sich so sehr wie ich über diese kleine Scheibe freuen und deren Herz beim Hören und In-der-Hand-halten ein kleines bisschen schneller schlägt.

Crazewire: Vielen Dank für Eure Antworten!

Stream: „St. Thomas live“


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