Interpret:
These New Puritans
Titel:
Geheime Zeichen im 7/4-Takt
Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 02.06.2008
Die Vorzeichen für das Interview stehen schlecht. Am Tag des Interviews noch schnell einen Interviewtermin bekommen, der jedoch nach hinten verschoben werden muss. Und selbst zu diesem nach hinten verschobenen Termin wird es zeitlich ziemlich eng. Eine Viertelstunde Gesprächszeit, kurz vor dem Konzert, wurde mir zugeteilt, da zählt also jede Minute. Genau da trifft einen dann eine alte Berliner Bauernweisheit: Die S-Bahnen fahren immer dann am langsamsten, wenn man den größten Zeitdruck hat. Nebenbei streiken noch die Batterien des Rekorders, also müssen noch schnell neue Batterien beschafft werden, um dann im Anschluss wie in „Lola rennt“ in den Berliner Magnet-Club zu hetzen, nur um dann festzustellen, dass die Band noch beim Essen im Hotel ist.Währenddessen hat man noch einmal Zeit, um die Gedanken zu sammeln und sich noch einmal näher mit „Beat Pyramid“ zu befassen, diesem wildgewordenen Haufen an Songs und Zitaten, die alle für sich schon erstaunlich genug wären, in ihrer Aneinanderreihung auf dem Album jedoch eine schiere Wucht entfalten, die bereits jetzt den Weg zum persönlichen Album des Jahres weisen. Wie hier mit Satzfetzen und teils stroboskopischen Beats eine klaustrophobisch-apokalyptische Stimmung erzeugt wird, lässt auf großes Selbstbewusstsein schließen.Und dann sitzt Jack Barnett, seines Zeichens Sänger der Band, still und verträumt vor einem und beantwortet unaufgeregt die Fragen. Ein wenig bedeckt, immer zurückhaltend und ruhig, während er mit seinen Händen ununterbrochen einen Rhythmus auf seinen Oberschenkeln trommelt. Keine Spur von überheblichem Größenwahn oder gar falscher Attitüde. Dabei hat die Band in diesem Jahr vor allem in ihrer Heimat schon für so manche Aufregung gesorgt.
Crazewire: Ihr wurdet im Januar vom britischen Q-Magazine unter anderem neben Vampire Weekend und Duffy zu einer der „10 Besten Newcomer des Jahres“ gekürt. Ist das jetzt im Nachhinein eine Ehre oder doch eher eine Bürde für euch?
Jack Barnett: Es ist schon ziemlich schön, aber es ist jetzt nichts, woran ich ständig denke. Auf der anderen Seite gibt es einem selbstverständlich auch eine Art von Bestätigung, die einem ein gutes Gefühl gibt.
Crazewire: In diesem Artikel habt ihr „schlechten Indiebands“ angeboten, einige eurer überzähligen Songs abzukaufen, damit sie auch einmal gute Songs haben. Hat sich auf euer Angebot schon eine Band gemeldet?
Jack Barnett: Ja, das ist etwas, woran ich derzeit wirklich arbeite. Ich habe schon mit einigen Plattenfirmen über dieses Anliegen gesprochen und es gibt wirklich ein paar Bands, die an unseren Songs interessiert sind und uns schon Angebote gemacht haben.
Crazewire: Berühmte Bands?
Jack Barnett: Ja, es sind ein paar bekanntere Bands darunter. Bands, von denen man schon gehört hat. Aber ich darf leider nicht verraten, wer diese Bands sind, damit ich nicht noch von diesen verklagt oder zusammengeschlagen werde (lacht, Anm. des Verf.).
Crazewire: Wenn ihr nun wiederum die Möglichkeit hättet, von einer bestimmten Band einen Song zu kaufen, für welche würdest du dich entscheiden?
Jack Barnett: Eine gute Frage, aber zur Zeit sehe ich da keinen Bedarf. Vielleicht irgendwann einmal in ferner Zukunft, wenn uns die Ideen ausgehen sollten, doch bislang ist es noch nicht so weit. Aber um diese Frage rein hypothetisch zu beantworten, dann würde ich mich wohl für einen Song der Einstürzenden Neubauten entscheiden.
Crazewire: Im Song „Numerology“ singst du: „Four is the number that runs through this music“. Was für eine Bedeutung hat die Zahl Vier für dich?
Jack Barnett: Es gibt auf dem Album eine Reihe numerologischer Themen. Dabei ist jedoch die Zahl Zwei noch wichtiger als Vier, da es auf dem Album sehr viele Doppelungen und Spiegelungen gibt. Es ist eine Form der Dualität. So ist beispielsweise auf dem Backcover zu unserem Album die Tracklist auch noch in arabischer Schrift aufgeführt, die man ja von rechts nach links liest, also genau spiegelverkehrt zu unserer westlichen Schrift. Durch das Nebeneinanderstellen der beiden Schriftzeichen entsteht ein Spiegeleffekt. Es gibt noch eine Menge weiterer Beispiele, Songs, die miteinander auf dem Album korrespondieren. Also die Zwei ist in der Tat die wichtigere Zahl.
Crazewire: Ein anderes wiederkehrendes Motiv auf eurem Album ist das Spiel mit der Unendlichkeit. Der letzte Song bildet mit dem ersten Song eine Einheit und Schleife. Was fasziniert dich daran?
Jack Barnett: Es ist eine Idee, die ich während der Arbeiten am Album bekam und die ich einfach umsetzen musste. Mir gefiel der Gedanke, den Menschen noch etwas zusätzlich zur Musik mitzugeben. Etwas, worüber man nachdenken kann. Mir gefällt der Gedanke an ein unendliches Album, das man sich ewig und für immer anhören muss. Das Album wird dann zu einer Art „mindtrap“, einer Falle für das Bewusstsein.
Crazewire: Auf eurem Album finden sich so viele markante Sätze, die wie Slogans oder Statements wirken und die auch nach dem Hören der Musik noch im Kopf herumschwirren. Ist das wirklich so beabsichtigt oder ein schöner Nebeneffekt?
Jack Barnett: Das ist schon richtig, viele meiner Texte entspringen einer einzelnen Zeile, von der alles ausgeht. Außerdem mag ich den Aspekt in der Popmusik, dass sich ein Satz, ein Slogan, im Kopf festsetzt, den man nicht mehr vergisst. Das hat mich schon immer fasziniert. Meistens habe ich ein paar Sätze, die ich schon länger mit mir herumtrage und die ich dann einfach verbinde. Bei „Swords Of Truth“ saß ich einfach mit einem Mikrofon in der Hand und sagte viele verschiedene Sätze vor mich hin. Danach schnitten wir die Sätze so zusammen, dass sie einen möglichen Sinn ergaben und ich sang die Lyrics noch einmal neu ein. Es ist beinahe wie in der Biologie, wo sich Zellen teilen und sich so vermehren. Exponentielle Entfaltung.
Crazewire: Ihr habt neben der Numerologie noch viele weitere Hinweise und Anspielungen auf eurem Album versteckt. Gibt es neben der Musik noch die Möglichkeit, das Album auf einer höheren Ebene zu verstehen?
Jack Barnett: Hoffentlich, ja. Die Ideen funktionieren jedoch auf beiden Ebenen, da die Songs sehr direkt sind. Aber auf eine Weise müsste man dank dieser Anspielungen die Musik nicht hören, um die Idee des Albums zu verstehen.
Crazewire: Für eine Band, deren Musik so ungehört, so fortschrittlich klingt, wie wichtig sind für euch die neuen Möglichkeiten und Techniken, die sich einem bei der Aufnahme bieten?
Jack Barnett: Ich finde es sehr wichtig. Ich bin mit elektronischer Musik aufgewachsen, das ist sozusagen die Grundlage meines musikalischen Schaffens.
Crazewire: Du kamst also aus der Elektronik und bist demnach nun beim, sagen wir, Postpunk gelandet?
Jack Barnett: Ja, doch im Vergleich zu anderen Bands, die ähnliche Musik machen, interessieren wir uns nicht so sehr für Gitarren, sondern dafür, gewohnte Dinge neu zusammenzusetzen. Das unterscheidet uns dann doch grundlegend. Es geht uns mehr um den Sound als um die Instrumente, die diesen Sound erschaffen. Ich habe einen natürlichen Drang, Dinge zu verkomplizieren. Während der Aufnahmen zum Album hatte ich Versionen der Songs auf meinem Laptop, so dass ich die Songs noch weiter bearbeiten konnte.
Crazewire: Könntest du dir also auch vorstellen, ein Soloalbum aufzunehmen, nur mit elektronischer Musik?
Jack Barnett: Ich habe in der Tat damit angefangen, ein Album im Geheimen aufzunehmen. Es wird in ein paar Monaten veröffentlicht werden, jedoch nicht unter meinem richtigen Namen. Noch mehr Geheimnisse. Mal sehen, ob die Leute erraten können, dass die Musik von mir stammt.
Crazewire: Wird uns dann dein Soloalbum vielleicht weitere Antworten geben, wer oder was These New Puritans genau sind?
Jack Barnett: Es ist das genaue Gegenteil, ein Umkehrbild, dessen, was wir mit These New Puritans machen. Hier kann ich mich komplett musikalisch ausleben, ohne Kompromisse eingehen zu müssen. Es wird auf alle Fälle interessant.
Crazewire: „Beat Pyramid“ war als Album eine kompakte, für sich stehende Einheit, die verschiedenste Fragen aufwarf und somit größer als die Musik wurde. Wie geht ihr damit für euer Nachfolgealbum um? Werdet ihr auf den aufgeworfenen Fragen und Themen weiterarbeiten oder etwas komplett anderes wagen?
Jack Barnett: Das letztere ist eher zutreffend. Das nächste Album wird musikalisch anders werden. Ich glaube nur an Bands die sich musikalisch weiterentwickeln, die eine Sache machen und sich dann einer anderen Sache widmen. Alles andere macht keinen Sinn. Für das nächste Album werden wir die Dinge weniger kompliziert angehen, ich möchte direktere Texte schreiben.
Crazewire: Also können wir die erste Ballade erwarten?
Jack Barnett: Ja (lacht, Anm. d. Verf.). Im Ernst, ich möchte Texte mit einer narrativen Handlung schreiben.
Crazewire: Während des Interviews hast du ständig verschiedenste Rhythmen auf deinen Beinen geklopft. Es scheint, dass du immer mit Musik konfrontiert sein musst?
Jack Barnett: Ja, ich kann dagegen nichts wirklich machen. Ich habe diese Angewohnheit, immer 7/4-Takte zu klopfen, das ist dann wohl meine Prog-Seite, die das veranlasst. Der Beat, den ich eben geklopft habe wird der Beat zum zweiten Song des neuen Albums. Hier hast du also schon einmal den ersten kleinen Hinweis für das kommende Album.