The Wrens - All in the family
Extra für das Haldern Pop Festival aus Amerika angereist, waren The Wrens aus New Jersey so etwas wie die Überraschungsband des Festivals. Aller guten Kritiken zum Trotz ist die Band in Europa nicht mehr als ein Geheimtipp geblieben. Das sich dies jemals ändern würde, schloss Bassist und Sänger Kevin Whelan von vornherein auf der Bühne aus: „We are not rockstars and we probably never will be, but this gig is fucking amazing!“. Zwischen all der britischen Kühle vieler junger aufstrebender Bands auf dem Haldern Pop entpuppten sich diese nicht mehr allzu frischen Musikanten aus den Staaten als die wahren Sympathen des Festivals.
Diese Sympathien beruhen auf Gegenseitigkeit, wie Gitarrist Greg Whelan im Interview erklärt: „Dieses Festival ist großartig. Die Leute bei unserem Label hier in Deutschland haben uns immer davon vorgeschwärmt, dass wir unbedingt hier spielen sollten, es sei ihr Lieblingsfestival und habe eine unglaubliche, sehr entspannte Atmosphäre.“ Auf der Bühne bedankt man sich daher herzlich und überschwänglich. Den Vorwurf, lediglich nach Komplimenten zu angeln, kann die Band aber von sich weisen. „Okay, das Gerede über Mr. Bush können wir uns vielleicht sparen, aber wenn es ums Festival und die Leute geht, dann ist das unser vollkommener Ernst. Wir haben die USA fast zwanzig Jahre betourt und natürlich ist es jetzt, wo wir etwas bekannter sind, angenehmer, aber in 90% der Fälle sind die Veranstalter die größten Arschlöcher des Planeten. Sie behandeln die Bands wie Scheiße, bezahlen nicht und geben dir nichts zu essen. Wenn wir dann hierher kommen erhalten wir kompletten Service. Wir bekommen Essen vor dem Auftritt, man kümmert sich um die Bands und man bekommt eine Unterkunft. In den Staaten bist du froh, wenn sie dir nach dem Auftritt ne Pizza geben.“ Oder einen auf die Straße werfen, wie Whelan aus eigener Erfahrung zu erzählen weiß. „An einem Abend haben wir im Viper Club in LA gespielt, der zu der Zeit Johnny Depp gehört hat, und in dem River Phoenix damals seine Überdosis genommen hatte. Also kein unbekannter Laden! Direkt neben der Bühne war eine Tür und sobald das Set beendet war schmissen sie dich direkt vor die Tür und du stehst auf dem Sunset Boulevard.“
Und doch nehmen The Wrens die Strapazen immer wieder gerne auf sich und versuchen den Alltag mit dem Tourleben zu verbinden. „Als ‚The Meadowlands’ vor zwei Jahren in Amerika herausgekommen ist, sind wir für anderthalb Jahre jedes Wochenende getourt, am Anfang ein paar Wochen durchgehend die ganze Westküste entlang. Ansonsten meist nur von Donnerstag bis Samstag jedes Wochenende. Gerade die älteren Fans sind meist begeistert, dass wir im selben Alter noch so viel auftreten und eine gute Show bieten.“ Doch The Wrens sind mehr als Wochenendmusikanten, obgleich nur Gitarrist Charles Bissel Vollzeitmusiker ist. Hier erfüllt sich der Traum einer Band of Brothers. Neben dem Brüderpaar Whelan bestehen The Wrens aus langjährigen Freunden. „Unseren Gitarristen Charles kenne ich von der Highschool. Damals waren wir aber nicht befreundet, sondern sehr gegensätzliche Typen. Ich war Footballspieler und er Trompeter in einer Band. Unseren Schlagzeuger Jerry kennen wir, weil mein Bruder mit Jerrys Frau im Kindergarten befreundet war. Als wir dann einen Schlagzeuger brauchten sagte unsere Mutter: ‚Wie wäre es mit dem Freund dieses Mädchens? Er spielt Schlagzeug.’ Also kam er zur Probe und seitdem ist er unser Schlagzeuger.“ „All in the family“ könnte das Motto der Band lauten, von Bruderzwist keine Spur. "Wir sind nicht Oasis, The Kinks oder The Black Crowes. Wir kommen gut miteinander aus, ich muss nur darauf achten, dass er sich nicht umbringt wenn er auf die größten Boxen klettert und runterspringt. Ich muss immer nah genug dran stehen, um ihn eventuell zu fangen, weil meine Mutter mir nie vergeben würde, wenn ihm was passiert.“
Bei so einer engen Bande zwischen den Bandmitgliedern muss das Proben einem Familientreffen ähneln. Whelan verrät: „Wir proben nie. Aber das liegt auch daran, dass wir so oft live spielen und ein eingespieltes Set haben, dass wir seit langem spielen. Wir haben jedoch vor, einen Plan aufzustellen, um uns öfter zu treffen. Mein Bruder wohnt nur ein paar Häuser entfernt und wir wollen sein Haus zum Bandhaus umfunktionieren, um dort zu proben. Charles wohnt in Brooklyn, also auch nicht zu weit entfernt um vorbei zu kommen. Problematisch ist es nur mit Jerry, der in Philadelphia wohnt, also ein paar Stunden entfernt. Er wird einmal die Woche vorbeikommen.“ Und lachend fügt er hinzu: „Aber er ist ja auch nur der Schlagzeuger, da kann man auch einen Computer anschließen.“ Wenn der Gitarrist hier von Plan spricht, so ist klar, dass dieser keinen Marktmechanismen oder Charteroberungswünschen geschuldet ist. „Wir hatten in unserer Karriere viele Probleme mit Plattenfirmen und Leuten, die uns reinreden wollten, in welche Richtung es gehen sollte. Wir haben uns dann entschieden, dahin zurückzugehen, wo wir angefangen haben und um was es uns eigentlich geht, nämlich Songs zu schreiben, die wir mögen und nicht auf einen potentiellen Hit zu schielen. Jede Band kommt irgendwann in diese Konfliktsituation. Als wir wieder anfingen Musik nur zum Spaß zu machen, funktionierte es von ganz allein.“ Die Erfahrungen mit der Musikindustrie haben The Wrens in dem Stück „This Boy Is Exhausted“ aufbereitet. „Wir haben diesen Song über einen Typen geschrieben, mit dem wir zu der Zeit zusammengearbeitet haben. Den Song haben wir ihm sogar in seinem Büro vorgespielt aber er hat es nicht direkt verstanden. Seine Sekretärin, mit der wir gut befreundet sind, kam aber später auf uns zu und meinte: ‚Es geht um ihn oder?“.
Befreit von jedwedem Gefälligkeitsdruck haben The Wrens so mit ihrem letzten Album „The Meadowlands“ einen wirklich großen Wurf gelandet. Mehr als einmal konnte man in der Musikpresse lesen, es handele sich dabei um eines der wichtigsten Werke im Indie Rock unserer Tage. „Mir fehlt der nötige Abstand um unsere Musik zu bewerten. Wir sind nur vier Jungs aus New Jersey und das Album hat uns so viel Zeit gekostet. Wir mussten durch so viel Scheiße, um das Album fertig zu bekommen und dachten wir würden es nie beenden, oder nur 100 Leute würden es kaufen und nach ein paar Shows wäre es das dann gewesen. Daher war es sehr nett und hat uns geschmeichelt, dass die Platte vielen Leuten gefallen hat.“ kommentiert Whelan. Besonders hierzulande beginnt die Neugierde auf die Band nun zu wachsen, doch alte Alben sind leider nahezu unmöglich zu bekommen. „In Amerika ist es genauso schwierig an die alten Sachen zu kommen. Lustig, dass du danach fragst, weil wir gestern noch darüber gesprochen haben. Wir haben eine Firma in England die uns dabei hilft, die Sachen hier in Europa herauszubringen, und sie haben mit unserem alten Label geredet, weil sie wohl daran denken unseren alten Katalog neu aufzulegen. Für uns ist es eher lustig aber es kann gut sein, dass die Sachen neu aufgelegt werden. Ansonsten brennen wir unsere eigenen Exemplare, beziehungsweise haben sogar mit dem Gedanken gespielt, die Sachen neu einzuspielen um sie nochmals zu verbessern.“ Da heißt es in die Zukunft statt der Vergangenheit hinterher zu blicken. „Wir werden versuchen so schnell wie möglich ein neues Album an den Start zu bringen. Außerdem kommt jetzt noch eine EP von uns raus, die wir vorher nicht veröffentlicht haben, die aber einige sehr gute Songs enthält. Also warum nicht?“
Genau, warum nicht? Es bleibt zu hoffen, dass der umjubelte Auftritt beim Haldern der Band zur verdienten Aufmerksamkeit verhilft. Auf dass The Wrens mit dem nächsten Album, das voraussichtlich 2007 erscheinen soll, die Geheimtipp-Ecke endgültig verlassen.