DETAILS

Interpret:
The Whitest Boy Alive

Titel:
Alleine oder mit 1500 imaginären Menschen

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Autor:
Kai Töpel
Dresden, 27.04.2009

INTERVIEWS

The Whitest Boy Alive - Alleine oder mit 1500 imaginären Menschen

The Whitest Boy Alive - Alleine oder mit 1500 imaginären Menschen

 The Whitest Boy Alive sind im Moment in aller Munde und das zu Recht. Ihr zweites Werk „Rules“ hat sich gut verkauft und es gibt selten noch Karten für ihre Konzerte. Vom Nebenprojekt von Erlend Øye spricht kaum noch jemand, sind die vier doch längst als Band zusammengewachsen und aus dem Erfolg von Kings Of Convenience entwachsen. Ob Bassist Marcin Öz und Keyboarder Daniel Nentwig von diesem Erfolg überrascht wurden und warum besonders Soundchecks so wichtig für ihre Band sind, erklärten sie uns in Jena vor ihrem Konzert im Kassablanca.


Crazewire: Euer Album ist jetzt seit gut zwei Monaten raus, wie ist euer Gefühl damit jetzt, mit ein wenig Abstand zu den Aufnahmen?

Marcin Öz: Das Gefühl ist erstmal froh zu sein, dass es fertig ist und die Platte im Laden steht. Das ist eine große Erleichterung. Wir haben diese Lieder so lange mit uns herumgetragen, da tut das richtig gut. Sonst arbeiten die Songs erstmal für sich und sie machen ihren Job gut.

Daniel Nentwig: Gestern war das erste Konzert in Deutschland seitdem das Album raus ist und die Leute kennen die Songs schon und singen mit. Wir spielen die Songs ja schon seit einiger Zeit, manche sogar von Beginn an, aber es ist jetzt einfach toll, dass die Leute diese jetzt auch von CD kennen. Das ist für uns jetzt ein ganz anderes Gefühl.

Crazewire: „Rules“ ist auch ziemlich erfolgreich in die Charts eingestiegen und ist fast in die Top 30 der Albumcharts gekommen, dazu habt ihr für viel Aufsehen in der Presse gesorgt und eure Konzerte sind fast alle restlos ausverkauft. Seid ihr denn überrascht worden vom Erfolg?

Marcin: Es ist erstmal ein verdammt gutes Gefühl. Ob wir dabei überrascht waren kann ich gar nicht so genau sagen, denn wir hatten dabei nie so direkte Vorstellungen oder Erwartungen gehabt, wie erfolgreich diese Platte werden könnte. Es freut einen einfach sehr, wenn es dann so ein Feedback gibt.

Daniel: Wir wussten schon, das wir Hallen mit 1000 bis 1500 Leuten füllen konnten, das konnten wir auch teilweise vor zwei Jahren, aber sicherlich nicht wie jetzt in fast jeder Stadt. Dabei gibt es aber keinen klaren Buisnessplan unsererseits nach dem Motto „Im ersten Quartal 2009 müssen wir folgende Dinge erreichen“.

Marcin: Unserer Meinung nach war es vor allem erstmal Zufall. Unser Promoter hat einen unglaublich guten Job gemacht und ihm ist es dann auch zu verdanken, dass wir so viel Feedback von der Presse bekommen haben.

Crazewire: Was war für euch persönlich denn die größte Veränderung bei der Arbeit und beim Ergebnis von „Rules“ zu „Dreams“?

Daniel: Ich war diesmal von Anfang an dabei, bei „Dreams“ habe ich nur am noch für zwei Lieder etwas eingespielt. Für „Dreams“ sind wir ja Ende 2006 nach Mexico gegangen, hatten zwei Monate für das Album. Das war eine sehr intensive Zeit, weil wir viel zusammen unternommen, Sport gemacht, gelebt und gearbeitet haben. Für „Rules" haben wir eigentlich über das komplette Jahr verteilt dran gearbeitet.

Marcin: Ich denke, was wirklich neu an diesem Album ist, dass es nun mehr Whitest Boy Alive ist als noch der Vorgänger, weil wir als Band viel erlebt haben zwischen den Alben. Wir haben viel Zeit zusammen verbracht im Studio und auf der Bühne, während das erste Album ein reines Studioalbum war. Da waren wir noch gar nicht die Band, die wir jetzt sind. Wir hatten nur eine vage Vorstellung davon, wie es sein soll. Bei diesem Album war das schon viel klarer.

Crazewire: Wie wichtig war dabei das Tourleben nach den Aufnahmen von „Dreams“, um dorthin zu kommen?

Daniel: Die Band ist auch eigentlich eine Liveband. Wir haben über 150 Konzerte gespielt und es war immer klar: „Auf der Bühne stehen, das ist die Band“. Proben kommt bei uns nicht so oft vor und ein Album zu machen kommt fast gar nicht vor. Wir haben jetzt zwei Alben in drei Jahren gemacht. Für uns ist ein Album machen wie das erste Mal auf der Bühne stehen. Es ist wie in einem Haus wohnen, das macht man jeden Tag, aber ein Haus bauen, das macht man sehr selten.

Crazewire: Mich hat es persönlich sehr überrascht, bevor ich euer neues Album gehört habe, wie ihr die Lieder von „Dreams“ live umgesetzt habt, da ich das Album eher in ruhigeren Momenten gehört habe. Auf der Bühne seid ihr jedoch richtig tanzbar. War es euch wichtig bei „Rules“ genau diese Mischung nun zu treffen aus Tanzbarkeit und Verträumtheit?

Marcin: Es ist halt sehr schwer Musik wie unsere, die zum Tanzen  und zum live erleben gemacht ist, auf Platte rüber zubringen. Ich denke, die Platte wird von vielen Leuten missverstanden, denn du kannst nicht die 1500 Leute mit draufpacken, die dazu tanzen. Wenn wir uns einfach nur direkt aufnehmen klingt das irgendwie viel softer und nicht so energiegeladen. Ich denke ja immer, das Gute an dem Album ist, dass man es auf zwei verschiedenen Lautstärken unterschiedlich erleben kann. Man kann es ganz gut nebenher hören, aber man kann auch aufdrehen und dazu tanzen. Das liegt immer an der Stimmung.

Daniel: Der Hörer kann das immer selbst entscheiden, hört er unsere Musik alleine oder mit 1500 imaginären Menschen.

Crazewire: Habt ihr denn auch an der Produktion etwas verändert?

Daniel: Das ist eigentlich genau gleich geblieben Wir haben wieder an zwei verschiedenen Orten aufgenommen, einmal in Mexico und einmal in Berlin. Außerdem haben wir mit genau demselben Equipment gearbeitet. Obwohl ich jetzt keinen direkten Vergleich hatte, denke ich, das sich von der Soundqualität auch nicht mehr viel getan hat. Es ist halt, soweit man das schon sagen kann, der typische Whitest Boy Alive Sound geblieben.

Marcin: Vielleicht machen wir beim nächsten Album mal was Neues, nehmen mal auf Band auf, mit besserem oder schlechterem Equipment oder benutzen dann nur ein Mikrofon.

Daniel: Vielleicht arbeiten wir auch mal mit einem Tontechniker. Wir haben immer alles selbst aufgenommen und selbst aufs Knöpfchen gedrückt. Das war schon sehr viel Stress, wenn man auf so viele technische Details achten muss und etwas schief geht, obwohl man sich eigentlich voll auf das Spielen konzentrieren will. Marcin und ich haben uns immer um das technische gekümmert, Studiokram eingekauft und verkabelt. Ich glaub beim nächsten Mal würden wir den Job gerne abgeben.

Crazewire: Wie kam es gerade dazu, dass ihr in Mexico aufgenommen habt?

Marcin: Wir haben da im April 2007 eine Tour gespielt und die war sehr gut und wir hatten viel Spaß. Deswegen wollten wir da noch mal hin. Außerdem hat Erlend (Øye, Anm. d. Verf.) einen Freund in Mexico, bei dem er viel Zeit verbracht hat. Die beiden hatten immer mal geplant dort ein Studio zu eröffnen und wir haben dann einfach gesagt: "Lass uns das doch mal machen."

Daniel: Dieser Freund hat dann die alte Garage ausbauen lassen und wir haben die Technik reingestellt. Wir haben ihn praktisch dazu überredet und waren dann der Grund, warum es umgesetzt wurde. Das Studio gibt es auch immer noch und wir warten darauf, wieder dort hinzufahren und etwas aufzunehmen.
Wer dort aufnehmen möchte in Mexico kann sich gerne bei uns melden, wir können das gerne weitervermitteln.

Crazewire: Auf der Bühne seid ihr bekannt dafür, dass ihr Dance-Lieder, meist aus den 90ern, covert. Wie kam es dazu?

Marcin: Das sind einfach Songs die wir lieben und gerne zusammen spielen. Am Anfang hatten wir nicht genug Lieder, um anderthalb Stunden zu spielen, also haben wir zum Spaß ein paar Cover gespielt, die wir auf unsere Art interpretiert haben. Jetzt können wir 20 oder mehr eigene Songs spielen, aber covern trotzdem noch gerne das ein oder andere Lied, wenn es bei den Leuten gut ankommt. Es ist aber nichts, was uns besonders ausmacht oder prägen würde. Das macht glaube ich jede Band mal.

Crazewire: Der Grund warum ich frage ist eher der, dass ihr ja auch „Harder, Better, Faster“ von Daft Punk in eurem Repertoire hattet. Beim Hören von „1517" auf eurem neuen Album sind mir da zumindest was den Synthesizer und das Ridebecken angeht ein paar Parallelen aufgefallen. Ist das eine bewusste Hommage?

Marcin: Das ist sicherlich eine Hommage, obwohl man dazu wissen muss, das das Stück auf Daft Punks Album „Discovery“ drauf war, auf dem sie Platten und Stücke entdeckt haben und sie in ihrer Art und Weise gecovert haben. Das Original ist ja von Edwin Birdsong und wir spielen es genauso wie Daft Punk es genommen und einfach eins zu eins gesampelt haben. Tanzmusik war schon immer angelegt an Sachen, die es bereits gab durch das Sampling. In dieser Tradition verstehen wir uns auch und wir arbeiten mit den Mitteln der modernen Tanzmusik, wie dem Sampling. Der Unterschied ist nur, dass wir nicht sampeln, sondern es selbst spielen. Es ist vielleicht eine Hommage, aber vielmehr ist es eine Verbeugung vor dem Song, weiß aber nicht gegenüber wem mehr: Daft Punk oder Edwin Birdsong.

Daniel: Für mich spielt das keine Rolle, wir kennen den Song über Daft Punk. Der Unterschied zu Daft Punk ist, dass sie das Lied genommen haben, einen echt guten Beat drunter gelegt haben und diese coole Interpretation dabei entstanden ist. Wir hatten jedoch den Song, uns fehlte aber der Groove und irgendwie hat es zusammengepasst. Wir wussten, dass es ein wenig nach Daft Punk klingt, aber gedacht, es ist halb so wild, weil es nicht von ihnen geklaut ist, sondern inspiriert.

Marcin: Dazu spielt Sebastian (Maschat, Drummer; Anm. d. Verf.) dieses Becken, damit alle erst recht an Daft Punk erinnert werden und darüber lachen können.

Daniel: Wir haben dabei einen ganz neuen Song daraus gemacht, der von Daft Punk aus noch weitergeht. Deswegen haben wir auch kein Problem damit, dass man sie mit uns verbindet.

Crazewire: Ich wollte noch ein wenig darüber reden, wie ihr eure Songs schreibt. Ihr habt eben schon angedeutet, dass es immer ziemlich schwierig ist euch zusammenzufinden. Wir kriegt ihr das trotzdem hin?

Marcin: Unsere Songs werden komplett auf Tour gemacht. Gestern zum Beispiel hatten wir beim Soundcheck zwei Stellen, die hab ich mir gemerkt und die Probieren wir gleich noch einmal aus. Vielleicht ergibt sich dann übermorgen daraus ein neuer Song.

Daniel: Ich hoffe auch, dass wir heute beim Soundcheck noch einen unserer Songs ein wenig anders spielen und vielleicht an einem neuen Cover arbeiten.

Marcin: Wir remixen uns dann auch einfach gerne, spielen einen Song vom Album in einer neuen Version, weil es Spaß macht und weil es so gut klappt. Klar denke ich, dass die Leute viele Songs so hören wollen, wie sie sie von Platte kennen, aber da könnten sie enttäuscht werden.

Daniel: Die Stücke von der neuen Platte haben wir eigentlich so aufgenommen, wie wir sie auf der Bühne vorher gespielt haben. Jetzt wird es Zeit für uns die Stücke auseinander zunehmen und neu zu interpretieren.

Crazewire: Ist das für euch vor allem wichtig, damit es nicht langweilig wird?

Marcin und Daniel: (gleichzeitig, Anm. d. Verf.) Auf jeden Fall!

Marcin: Viele Dinge, die wir machen, sind auch vor allem ein Kampf gegen die Langeweile. Es muss immer viel Abwechslung da sein, sonst macht es einfach keinen Spaß. Deswegen versuchen wir auch jede Show anders zu machen, nicht nur damit das Publikum auch immer wieder überrascht wird, sondern auch damit wir immer wieder einen neuen Ansporn haben.

Crazewire: Wie sieht jetzt der Plan für die Zukunft für euch aus? Ist noch eine große Tour am Ende des Jahres geplant?

Marcin: Dieses Jahr spielen wir gar nicht so viel. Nach dieser Tour beginnt noch die Festivalsaison und danach soll es ein neues Kings Of Convenience Album geben, weshalb wir erstmal zeitlich beschränkt sind. Ich denke aber, wenn die ihre Tour gemacht haben, werden wir noch mal eine lange, lange Tour spielen und erstmal nicht ein neues Album aufnehmen. Zumindest nicht bis wieder genug Songs da sind, bis wieder so eine Momentaufnahme möglich ist wie nun zu „Rules".

Daniel: Ich würde mir persönlich wünschen, wenn wir Sachen wie die Infrastruktur besser hinkriegen, vielleicht ein eigenes Studio in Berlin zu eröffnen und früher als in drei Jahren ein neues Album rauszubringen.

Marcin: Kommt einfach drauf an, wie viel wir spielen, denn wenn wir viel spielen kommt auch viel bei rum.

Daniel: Ne, es kommt eher drauf an, wie viel Zeit wir bei den Soundchecks haben. Denn bei den Soundchecks haben wir, wenn alles richtig läuft und wir nicht spät dran sind, dann mal die Möglichkeit eine halbe Stunde rumzuprobieren.

Crazewire: Viele andere Bands hält ja gerade das Touren davon ab, neue Songs zu schreiben. Das ist bei euch scheinbar genau andersrum.

Daniel: Wir proben halt nicht, weil wir dazu keine Zeit haben, deswegen müssen wir diese wenige Zeit auf Tour nutzen. Aber das ist auch eine große Motivation, weil es jedem freigestellt ist, während des Konzertes mal etwas Neues zu probieren. Dadurch, dass wir die Songs live ineinander mischen, bleibt die Möglichkeit auch mal Sachen anzuspielen, was wir vorher noch nie gespielt haben. Dadurch ist der Druck da, etwas Neues zu machen und man hat auch gleich die Reaktion des Publikums. Wenn man merkt, der Part funktioniert, weil den Leuten es gefällt und man noch ein paar Takte mehr spielen kann, dann war das wohl ein guter Part. Wenn nicht, dann vergisst man es halt.

Crazewire: Vielen Dank für dieses Interview.


 

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