Interpret:
The Most Serene Republic
Titel:
Alles anders im digitalen Zeitalter
Autor:
Crazewire Redaktion
Köln, 30.06.2008
Wer glaubt, dass man als Musikjournalist keinerlei Probleme hat und das Leben für einen immer auf der Sonnenseite stattfindet, der liegt deutlich daneben. Man schlägt sich mit denselben Themen, die wohl jeder schon mal irgendwie gehört oder erlebt hat, herum. Kein Geld, Stress mit der Versicherung und das permanente Einhalten von etlichen Terminen sind nur ein paar Beispiele dafür, dass nicht immer alles rosig ist. Zum Glück gibt es da aber immer die Musik, die es auf magische Weise versteht, einen wieder aufzubauen. Es gibt die Menschen, die diese Musik gemacht haben, aus anderen Ländern kommen und mit Sicherheit seit dem Beginn ihrer Karriere keinem dieser Probleme mehr begegnet sind. Aber ist das nicht genauso ein Irrglaube, eine verzerrte Sicht der Dinge, die daraus resultiert, dass man glaubt, dass in anderen Ländern alles besser ist als im eigenen, weil man lieber von den Ländern träumt als sie zu erfahren?
Adrian Jewett und Ryan Lenssen, die beiden Masterminds hinter der aus Kanada kommenden Post-Rock-Band The Most Serene Republic sitzen mit uns vor dem Gebäude 9 in Köln und rauchen die von uns selbstgedrehten Zigaretten. Mit tiefen Zügen genießen die beiden den legalen Rausch und wundern sich darüber, wie stark und gut der Tabak dieser Zigaretten im Vergleich zum kanadischen ist. „Oh, mein Gott, das ist eine Zigarette!“ äußert sich Adrian, als er verblüfft auf seine Zigarette schaut und Ryan fügt hinzu: „Ich liebe selbstgedrehte Zigaretten! Ich rauche eine und bin für den Rest des Abends bedient. Das sind drei Stück auf einmal.“ Gelächter bricht für einen Moment aus, bevor man sich wieder der gestellten Frage zuwendet.
Es hat sich viel geändert in ihren Leben seit der Veröffentlichung von „Underwater Cinematographer“, der „Phages EP“ und ihrem Anfang des Jahres erschienenen Album „Population“. „Wir haben Pressetermine und lernen eine Menge Leute, die von überall her kommen, kennen. Deine Familie wird größer und du hast einfach überall deine Freunde, die dir davon erzählen wollen, wie toll sie deine Musik finden“ sagt Ryan nachdenklich und fügt hinzu: „Wir versuchen, davon aber so viel Distanz zu bekommen wie möglich. Wenn man als Band unterwegs ist, dann sitzt man in schmalen Räumen zusammen, Stress entsteht und man muss sich mit sich selber auseinander setzen und versuchen, die Person zu werden, mit der man sich wohl fühlt.“
Dass das Leben aber auch viel einfacher ablaufen kann, als das von Ryan beschriebene, erzählt uns dann Adrian. „Wenn du in einem kleinen Dorf aufgewachsen bist und du dich entscheidest dort zu bleiben, dann kannst du deine Freude mit den dir dort gebotenen Möglichkeiten haben. Irgendwann stirbst du und das war es.“ Im Prinzip ist das eine Äußerung, wie man sie auch von jeder x-beliebigen Person hier in Deutschland hätte hören können, doch Ryan ergänzt das von Adrian gesagte und stilisiert wie aus dem Nichts Europa zum Ort der unbegrenzten Möglichkeiten: „Das Leben, in dem ihr in Deutschland im speziellen und in Europa im allgemeinen aufgewachsen seid, ist ein ganz anderes als das, was wir kennen. Ihr genießt hier eine große Freiheit an Möglichkeiten, die wir in Kanada nicht haben. Wir werden nicht vernünftig in Geschichte unterrichtet und wir werden nicht gelehrt, stolz auf unsere Herkunft zu sein. Nichts wird uns beigebracht. Wir wachsen auf, gehen in die Schule, dann zur Arbeit, heiraten, bezahlen unsere Kosten, bauen ein Haus, bekommen Kinder und werden zu nichts. Wir sind Kanadier und keine US-Amerikaner. Die Amerikaner sind etwas und wir nicht. Wir sitzen nur rum und machen nichts, außer dass wir die Friedenshüter der Welt sind. Kanada ist toll, aber auf eine internationale Party will man uns dann doch nicht einladen.“.
Mit dieser Äußerung sind wir mitten im Thema der verzerrten Sichtweisen angekommen und die Konstrukte Kanada und Europa nehmen fast unaufhaltsam Gestalt an. Ob das nicht auch der Grund sei, warum die Macher von South Park die Kanadier immer etwas seltsam darstellen und so ein vielleicht real existierendes Bild entsteht, fragen wir sie. „Nein, Kanada ist schon schön“ entgegnet Adrian, „aber bei uns ist es oftmals grau und die Sommer sind äußerst kurz. Vielleicht nur zwei oder drei Monate. In der Zeit musst du alles erledigen, denn danach wird es wieder kalt.“ „Kanada ist so etwas wie das nordamerikanische Dänemark“ fügt Ryan hinzu. Wir fragen weiter und konfrontieren sie mit der Aussage, dass es doch immer darauf ankommt, wo man in Kanada lebt und eben das auch entscheidend für den persönlichen Werdegang ist. „Wenn du nicht in Toronto oder Montreal lebst, dann geht nicht wirklich viel bei uns“ sagt Ryan, während Adrian ergänzt, dass man dann eher zu Hause bleibt, miteinander spricht, Bücher liest, kifft, sich Filme anguckt und die Welt beobachtet. Sollte dann noch etwas Zeit übrig sein, dann versucht man eben zu reisen.
Und gereist sind The Most Serene Republic in den letzten Jahren sehr viel. Sie haben die Möglichkeit bekommen, dem Trübsal in ihrem eigenen Land zu entkommen und mit Musikern wie Broken Social Scene, Stars, Modest Mouse oder The Strokes andere Länder und andere Menschen zu erfahren, was sie deutlich von der Mehrheit ihrer Landsleute unterscheidet. Ihr Glück dürfte wohl darin begründet liegen, dass sie ihren Platten-Vertrag beim Traum von einem Indie-Label unterschrieben haben, Arts & Crafts. Doch dass dies auch nur eine verträumte Sichtweise unsererseits bezüglich dieses Label ist, verdeutlicht uns Ryan: „Wir haben nicht viel Ahnung von Geschäften und es gab auch eine Menge andere Labels, die uns unter Vertrag nehmen wollten. Du vertraust deinem Label so gut du kannst, aber zum Schluss sind Labels eben nur Labels.“ Trotz dieser objektiven Sichtweise ergänzt Adrian Ryans Äußerung damit, dass Arts & Crafts ihnen den Freiraum geben, den sie benötigen und nach wie vor an ihnen als Musiker festhalten und an sie glauben. „Das ist das Beste, was uns passieren konnte.“
Der Glaube eines Labels an einen Künstler lässt sich wegen der Krise der Musikindustrie in heutiger Zeit wohl auch daran messen, dass das Label den Interpreten weiterhin unter Vertrag hält, obwohl die Verkaufszahlen nicht die höchsten sind. Inwieweit sehen sich The Most Serene Republic von illegalen Downloads beeinflusst und sehen sie darin eher ein Risiko oder auch die Chance, als Indie-Musiker erfolgreich zu sein, wollten wir wissen. „Als unsere Eltern damals noch Musik kauften,“ sagt Ryan, „arbeiteten sie eine Woche und bekamen einen gewissen Betrag ausgezahlt. Das Geld wurde für Essen, die Miete und alles Mögliche ausgegeben. Und erst dann kauften sie Musik. Aber das, was sie sich kauften, liebten sie für Jahre. Sie kannten ihre Platten in und auswendig. Wenn du heute etwas hören möchtest, dann lädst du es dir kostenlos runter. Kein Kosten-Nutzen-Verhältnis. Wenn du dir also ein ganzes Album runterladen kannst, warum sollte man es nicht auch gleich mit dem Daumen auf der „Next“-Taste schnell durchhören. Es wird einfacher, Bands zu vergessen. Einfacher, sich nicht mehr an ihre Arbeit zu erinnern. Das ist schon traurig. Für uns heißt das aber auch, dass wir nur durch das Illegale in Deutschland gehört werden. Vielleicht würden wir ein besseres Leben führen, wenn es das nicht geben würde, aber ich glaube nicht, dass wir dann das erreicht hätten, was wir momentan dadurch und durch intensives Touren erreicht haben.“ Adrian bringt sich ein und führt fort: „Wir sind keine Band, die Singles schreibt und wie zum Beispiel James Blunt vom Label dazu genötigt wird, ins Studio zu gehen, um dort so schnell es geht die nächste Single zu produzieren. Wir haben die Freiheit, mit unserer Arbeit zu beginnen wann wir wollen und so lange zu arbeiten wie wir wollen.“
Doch dann kam die MP3 und wenig später der iPod. Der Wechsel vom Analogen zum Digitalen war, wie Ryan sagt „ein Schuss in den Ofen, der nicht weiter kommentiert werden muss, da wir nicht sagen können, wie es anders hätte besser laufen können.“ Außerdem ist er der Meinung, dass es in Amerika mehr der sogenannten iPod People gibt, deren Gerät randvoll ist und die trotzdem nichts darauf kennen. „Hier in Europa scheint es mir, dass die Leute generell mehr an unserer Musik interessiert sind. Es ist irgendwie anders“.
Anders haben sich wohl nach diesem Gespräch beide Parteien gefühlt. Aber wirklich anders als in Amerika scheint das Leben in Europa und umgekehrt dann doch nicht zu sein. Es kommt auf die Position an, von der man die Musik oder das Geschehen in einem anderen Land konsumiert. Das, was außerhalb liegt und scheinbar nichts mit der eigenen Kultur zu tun hat, wird mystifiziert und in etwas Besseres und manchmal in etwas Schlechteres verwandelt. Dass das Internet und die darin bestehenden Möglichkeiten des globalen Konsums und der Kommunikation uns alle verändern, aber letztendlich enger zusammenrücken lassen, darüber ist man sich dann aber doch einig. Wir drehen den beiden jeweils noch eine Zigarette, bevor sie die Bühne betreten müssen und gehen ins Gebäude 9. Unsere Probleme des alltäglichen Lebens sind nach wie vor noch vorhanden, nur wissen wir und Adrian und Ryan jetzt, dass wir trotz anderer Länder jeden Tag auf´s neue mit den typischen Umständen der westlichen Welt konfrontiert werden, und dass uns das alle im selben Boot sitzen lässt. Kanadier wie Deutsche, Europäer wie Nord-Amerikaner und Musiker wie Journalisten.
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