DETAILS

Inpterpret:
The Maccabees

Titel:
1:0 Maccabees

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Autor:
Kai Töpel
Dresden, 07.12.2009

INTERVIEWS

The Maccabees - 1:0 Maccabees

The Maccabees - 1:0 Maccabees

Nach mehreren Jahren Interviewerfahrung denkt man eigentlich auf jegliche Art von Setting vorbereitet zu sein. Wie schnell man sich da täuschen kann, erlebte ich Ende November mit The Maccabees, die zusammen mit Editors und Wintersleep durch Deutschland tourten. Statt im üblichen Aufenthaltsraum auf abgewetzten Sofas zu sitzen, wurde Sänger Orlando Weeks und mir stattdessen ein Raum mit Tischtennisplatte angeboten. Grund genug während einer Partie über die aktuelle Tour, das Album, aber auch ihre besondere Beziehung zu Barkeepern zu sprechen. Dabei zeigte sich Weeks überraschend selbstkritisch und ehrlich, ohne dabei seine neu gelernten Tischtennistricks zu verbergen.

Crazewire: Wie läuft eure Tour bis jetzt?

Orlando Weeks: Soweit ganz gut. Da wir auf Support-Tour mit den Editors sind, ist es uns möglich auch mal in Städte wie Dresden zu kommen. Das klappt normalerweise eher selten. Auch als Vorband hier zu sein, macht uns bis jetzt wirklich viel Spaß.

Crazewire: Wie kam es überhaupt dazu? Kanntet ihr die Editors schon vorher persönlich?

Orlando: Wir haben uns zum ersten Mal beim Summercase in Spanien kennengelernt. Da haben wir uns bereits sehr gut verstanden und sie haben uns gefragt, ob wir nicht einmal zusammen auf Tour gehen möchten. Zum Glück kam die Anfrage jetzt zum richtigen Zeitpunkt und alles hat gepasst.

Crazewire: Lass uns mal über euer neues Album sprechen, das jetzt seit Mai veröffentlicht ist. Wie fühlt es sich an nach dem ersten halben Jahr mit Tour und Festivals?

Orlando: Es fühlt sich gut an. Man muss dazu wissen, wir haben fast 3 Jahre lang mit dem alten Album Konzerte gespielt und jetzt die Möglichkeit zu haben, fast nur neue Songs zu spielen ist einfach großartig. Es ist ein Genuss, jetzt Songs zu spielen, bei denen man noch etwas nervös ist, wie sie ankommen und wo noch nicht alles automatisch abläuft. Die Konzentration ist eine ganz andere.

Crazewire: Von eurem ersten Album „Colour It In“ zu „Wall Of Arms“ war es musikalisch eine sehr großer Schritt. Eure Musik wirkt nicht mehr so verspielt, sondern anders und erwachsener.

Orlando: Es freut mich, dass du das Gefühl hast, es sei anders. Denn das war genau unser Ziel am Anfang, als wir anfingen an diesem Album zu arbeiten. Wir wollten etwas machen, dass uns mehr reizt, etwas, das uns mehr abverlangt.

Crazewire: Ihr habt dabei mit Markus Dravs gearbeitet, der unter anderen an „Neon Bible“ für Arcade Fire gearbeitet hat. Wie war die Arbeit mit ihm?

Orlando: Markus ist ein so unglaublicher Produzent, dass konnten wir uns nicht entgehen lassen. Er war einfach so gut darin, viel aus uns rauszuholen und uns gleichzeitig ein gutes Gefühl zu geben. Er ist dazu ein echter Gentleman. Ebenfalls positiv war, dass wir alles an einem Stück aufnehmen konnten. Wir haben nicht in verschiedenen Intervallen, sondern in ein paar Wochen alles aufgenommen. So hatten wir auch selbst mehr das Gefühl, ein ganzes Album zu machen, statt nur kleine Stücke.

Crazewire: Hattet ihr bei der Wahl des Produzenten freie Wahl oder wurde euch Markus vorgeschlagen?

Orlando: Wir haben unsere Demos zu ein paar Produzenten geschickt, mit denen wir uns vorstellen konnten zu arbeiten. Markus hat sich sehr schnell bei uns gemeldet und hatte richtig Lust mit uns zu arbeiten. Schau dir einfach nur mal an, mit wem er gearbeitet hat, da konnten wir gar nicht „Nein“ sagen.

Crazewire: Stören euch die Vergleiche mit Arcade Fire?

Orlando: Ich sehe nicht wirklich die Parallelen zwischen uns und Arcade Fire. Ich glaube die Leute wären auch nicht darauf gekommen, wenn wir nicht mit Markus gearbeitet hätten. Ein wenig verstehen kann ich es ja, denn Markus hat an so vielen guten Sachen gearbeitet und Arcade Fire sind eine unglaublich wichtige Band. Ich glaube „Funeral“ und „Neon Bible“ sind für mich die besten Platten in meiner Sammlung.

Crazewire: Ganz von ungefähr kommen diese Vergleiche ja nicht. Schließlich habt ihr nun auch viel mit Bläsern und Chören herumprobiert.

Orlando: Meiner Meinung nach, und wenn wir mehr Geld gehabt hätten, hätten wir das Album noch größer und pompöser machen können. Markus und natürlich auch die restlichen Jungs haben mich davon aber zum Glück wieder abgebracht und es auf diesem Level gehalten. Trotzdem mussten wir uns keine Gedanken machen, wie wir diese Platte auf die Bühne bringen sollten. Ich hab grad vor kurzem Jamie T. live gesehen. Da gab es einen Unterschied zwischen seinen Songs von Platte oder auf der Bühne, obwohl es die selben Lieder sind. Ich finde, so sollte es auch sein. Markus hat uns bei den Aufnahmen dann dazu angehalten nicht zu großspurig zu werden, sondern uns wieder an unsere Konzerte zu erinnern und die Musik in Grenzen halten.

Crazewire: Lass uns ein wenig über die Texte reden. Nachdem ich „No Kind Words“ das erste Mal gehört habe, hab ich ein sehr dunkles Album erwartet. Auch in der Presse hört man viel davon, dass ihr ernster geworden seid. So sehr merkt man das jedoch auf dem ganzen Album nicht.

Orlando: „No Kind Words“ war einfach der beste Song den wir veröffentlichen konnten zu dieser Zeit. Aber wir nehmen uns kein bestimmtes Thema vor, sondern versuchen, jedem Song den Platz zu geben, den er benötigt. Wenn man die anderen Songs mit „No Kind Words“ vergleicht, muss das nicht von der gleichen Band sein. Das klingt ganz unterschiedlich. Wir nehmen uns dabei nicht vor, Songs für einen bestimmten Sound zu schreiben, sondern gucken wohin sie uns führen. So ist es auch mit den Texten, wenn es mir in der Zeit schlecht ging, hat das sicherlich auch einen Einfluss auf die Zeilen. Aber ich versuch dabei nicht, die passende Stimmung für die passende Mischung zu haben.

Crazewire: Ihr habt im Vorhinein oft erzählt, dass euer Name The Maccabees eher durch Zufall entstanden sei. Desto mehr war ich überrascht über „Wall Of Arms“, euren Titeltrack, der sich ganz klar und kritisch mit Religion auseinandersetzt.

Orlando: Ich bin ein Atheist, aber trotzdem ist das Thema sehr wichtig für mich. Ich beneide Menschen um ihren Glauben. Einfach darum, dass sie an etwas glauben können, dass nicht echt ist. Zumindest etwas, dass nicht physikalisch existiert. Ich respektiere das wirklich. Es ist nur einfach nichts für mich und widerspricht meiner Sicht das Leben auf eigene Faust zu verstehen. Ich kenne aber auch viele, die gläubig und dabei glücklich sind, aber es ist einfach nichts für mich.

Crazewire: War denn immerhin Arcade Fire in der Hinsicht ein Vorbild für euch, dass sie sich ebenfalls klar zum Atheismus bekennen?

Orlando: Nicht direkt, aber ich teile da ihre Meinung. Religionen sind einfach unglaublich in ihrem Auftreten. Sie haben tolle Kostüme, tolle Veranstaltungsorte, es riecht gut, sie haben echte Fans. Es ist schon eindrucksvoll und deswegen ist es so interessant für jegliche Art von Show.

Crazewire: Auch ihr achtet ganz besonders auf eure Show. 2007 habt ihr beim Haldern noch in hochgezogenen Hoodies und mit Stroboskoplicht eine dichte Atmosphäre erzeugt. Auch jetzt wirkt es noch so, als ob ihr eher geteilt im Rampenlicht steht, statt das sich alles auf dich fixiert.

Orlando: Ich war nie so etwas wie ein Frontman und wollte es auch nie sein. Es hat sich einfach in diese Richtung entwickelt und wenn ich es ändern könnte, würde ich es sofort tun. Deswegen nehmen mir Hugo und Felix (White, Brüder und Gitarristen, Anm. d. Verf.) so viel wie möglich von dieser Verantwortung ab. So können wir auch an Tagen, an denen ich mich nicht so selbstbewusst fühle, eine tolle Show auf die Bühne bringen.

Crazewire: Deiner Stimme auf „Wall Of Arms“ nach zu urteilen hast du jedoch einiges an Selbstbewusstsein dazu gewonnen in letzter Zeit. Die hat weitaus mehr Volumen und traut sich auch schwerere Melodien zu.

Orlando: Das kann ich schwer selbst beurteilen. Ich bin immer noch sehr schüchtern, wenn es ums Singen geht und mochte meine Gesangsstimme auch nie. Besonders schwer finde ich, mich singen zu höre und höre deswegen auch meist unsere Tracks nur instrumental. Ich denke aber je mehr ich mich daran gewöhnt habe, desto mehr konnte ich mich auch auf Veränderungen einstellen. Du kennst das bestimmt, wenn man seine Mailboxnachricht bespricht mit so einem Zeug wie „Hey, ich bin gerade nicht erreichbar, hinterlasst mir eine Nachricht“ und man es später anhört. Da fragt man sich auch „Warum kling ich wie so ein Idiot?“. Das Selbe Problem habe ich beim Singen.

Crazewire: Ihr habt mit Sam Doyle einen Wechsel am Schlagzeug vorgenommen, damit euer eigentlich Drummer Robert Dylan Thomas eine Reha machen konnte. Wie genau ist die Situation jetzt und wie lief die Arbeit mit Sam?

Orlando: Sam ist erst einmal unglaublich geduldig. Er muss wirklich mit viel Umgehen und meistert das mit einer beneidenswerten Ruhe. Du musst wissen, er kam damals in eine wirklich schwierige Situation hinein. Er war dabei aber sehr verständnisvoll und bedacht. Dazu kommt, dass er ein verdammt guter Drummer ist und wirklich sehr viele tolle Ideen in unsere Musik einbringt. Ich weiß nicht viel über das Drummen, aber Leute die es tun, haben mir erzählt, dass er wirklich schwere Teile spielt und das macht er jeden Abend.

Crazewire: Dabei hat er auch geschafft, so etwas wie einen wiedererkennbaren Maccabees-Sound zu erzeugen.

Orlando: Ja, das ist denke ich wirklich so. Das Schlagzeug, mit dieser Herangehensweise, sind die Maccabees. Ich denke das macht zusammen mit den treibenden Gitarren unseren Sound aus.

Crazewire: Ist Sam denn jetzt ein fester Teil der Band?

Orlando: Er ist ein Maccabee.

Crazewire: Und was wäre, wenn Robert zur Band zurückkehren will?

Orlando: Das ist eine wirklich schwere Frage. Das wird sich wohl irgendwann später klären. Genau kann ich das nicht jetzt nicht beantworten. Er ist cool und ihm geht es wieder gut. Er spielt jetzt in einer neuen Band namens The Agitator zusammen mit Derek Meins. Gefällt mir wirklich gut, was die Beiden da machen.

Crazewire: Ich hab mich im Sommer mit den Filthy Dukes unterhalten, mit denen du ihren Titeltrack zum Album „Nonsense In The Dark“ aufgenommen hast. Auf die Frage, ob sie wussten, dass du diese Zeile auch auf eurem aktuellen Album auf dem Track „William Powers“ singst, waren sie etwas verdutzt. Sie dachten eigentlich noch, dass du den Track nicht benutzen würdest.

Orlando: Es war erst auch wirklich nicht geplant, den Song auf das Album zu nehmen, da wir nicht genau wussten, was wir mit ihm anfangen sollten. Ich dachte, zumindest diese Zeilen sind es, die es Wert waren, erhalten zu bleiben. Die wollte ich nicht vergeuden. Ich habe vorher noch nie an einer Kollaboration mitgearbeitet und ich war dabei sehr nervös. Als wir dann „Wall Of Arms“ aufnehmen wollten, war „William Powers“ dann doch ausgearbeitet und besser als erwartet. Ich habe wirklich Wochen daran arbeiten müssen und dann fühlte es sich richtig an, ihn auch aufs Album zu packen. Die Zeile scheinen Filthy Dukes aber sehr gemocht zu haben, sonst hätten sie ihr Album nicht so genannt.

Crazewire: Wie ist es denn für euch an Orten wie diesem, in großen Hallen zu spielen?

Orlando: Ich denke wir können beides, in großen Hallen als auch in kleinen Venues spielen. Wir haben schon schlechte Shows in jeglicher Größe gespielt. Das liegt daran, dass man zwar in bestimmte Richtungen beeinflussen kann, aber die Stimmung und wie der Funke überspringt, liegt selten in unserer Hand. Besonders als Vorband ist das wirklich schwer.

Crazewire: In solch einer Situation könnt ihr in kleinen Clubs immerhin noch laut und dreckig spielen.

Orlando: Das stimmt natürlich. Das ist mir so noch gar nicht aufgefallen, aber wenn wir merken es klappt nicht, dann fangen wir meist an, hauptsächlich Spaß dabei zu haben und uns nicht zu ernst zu nehmen. Bei so einem Konzert macht man sich aber schnell Vorwürfe, dass man gerade die Zeit des Publikums als auch seine eigene vergeudet. Außerdem vergeudet man noch die Zeit von allen Leuten, die in dem Laden arbeiten. Das ist so eine Sache, die mir aufgefallen ist: ein Zeichen woran man merkt, ob man gerade ein gutes Konzert spielt, ist, ob die Barkeeper gerade uns beachten. Es scheint so, als ob die Barkeeper uns nur dann Aufmerksamkeit schenken, wenn wir richtig schlecht spielen. Deswegen schau ich auch immer rüber und denk mir „Okay, sie geben immer noch Getränke aus, alles ist gut.“ und wenn sie gucken denk ich „Ach verdammt, sie sehen zu uns rüber, wir müssen lauter spielen.“.

Crazewire: Vielleicht solltet ihr demnächst mit Barkeepern zusammenarbeiten für die nächste Platte.

Orlando: Ja, stimmt. Das sollte uns in neue Richtungen führen: „Barstaff – The New Album“.

Crazewire: Lass uns zum Schluss noch ein wenig über die Zukunft reden. Wie geht es für euch jetzt weiter?

Orlando: Nach dieser Tour und ein wenig Pause werden wir noch mal durch Europa touren und wieder ein paar Festivals mitnehmen. Natürlich ist dann später auch ein neues Album geplant, wobei noch nicht so klar ist in welche Richtung es gehen wird. Anders als sonst werden wir jetzt versuchen viel auf Tour zu schreiben. Wir sitzen meist zusammen, jeder an seinem Computer, und arbeiten an neuen Songs. Das engt uns nicht so ein wie im Proberaum und man fühlt sich nicht so klaustrophobisch. Wir wollen erst mit den Aufnahmen beginnen, wenn wir uns bereit fühlen und sich nicht alles so eingeengt anfühlt. Wir können uns aber nicht ein bestimmtes Thema setzen, wie genau das neue Album aussehen soll. Das klappt bei uns nicht. Unsere besten Lieder sind einfach so entstanden, ohne zu viel darüber nachzudenken.

Crazewire: Vielen Dank für das Interview.

Orlando: Bevor du gehst, muss ich dir noch meinen neuen Aufschlag zeigen! Das ist so ein angeschnittener, den üb ich schon den ganzen Tag. I’ll fuck it up anyway.

Haarscharf streifte der Ball noch die Ecke meiner Platte. 1:0 Maccabees, aber wir warten auf ein Rückspiel!

 

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