Interpret:
The Get Up Kids
Titel:
On With The Shows
Autor:
Jan Nicolai Kolorz
Köln, 21.06.2010
Nach 6 Jahren Studioabstinenz gibt es viel zu erzählen, mehr noch zu besingen. Dass die Get Up Kids in ihren zahlreichen Nebenprojekten nicht untergegangen, sondern motivierter als zuvor aufgetaucht sind, erfreut jeden, der vor über 10 Jahren Seitenscheitel und enge Sport-Shirts trug. Man nannte die Größe auch Emo-S. Keyboarder James Dewees tut es seinen Bandmates gleich und wütet wie ein Bekloppter in der amerikanischen Musikszene rum. In Köln hatte er Muße für ein Gespräch über Veränderungen, Fussball und das nostalgische Brautpaar Punkrock und Alter. Und, er hat aufgehört zu trinken.
Crazewire: Habt ihr die WM verfolgen können?
James Dewees: Ja, sicher, so gut es ging. Ich selber habe bislang nur gestern Abend Paraguay gegen Italien und natürlich England-USA gesehen. Aber ist die Vorrunde nicht schon so gut wie vorbei?
Crazewire: Nun, es geht. Die Vorrunde dauert schon noch etwas.
James Dewees: Ja, so gut kenne ich mich auch nicht aus (lacht, Anm. d. Verf.)
Crazewire: Das Spiel gegen England war meiner Meinung nach etwas zäh, aber mir hat gefallen, wie gut euer Stellungsspiel die Engländer ausgehebelt hat. Eure intensive Nachwuchsförderung hat sich bezahlt gemacht.
James: Es war wirklich überraschend. Ich muss sagen, dass wir tatsächlich ein talentiertes Land sind, was Fussball betrifft. Zwar nicht international, aber innerhalb der Staaten wird sehr viel Fussball gespielt. Und es war für uns gewissermaßen ein Schock, dass wir gegen England ein Unentschieden herausbekommen haben.
Crazewire: Ich war auf eurer Seite.
James: Ja, jeder hasst England! (lacht, Anm. d. Verf.) Ich habe das Gefühl, dass Fussball bei uns mit den Jahren immer beliebter wird. Natürlich ist American Football immer noch am populärsten, was wiederum mit wirtschaftlichen Einflüssen eng zusammenhängt. Ich selber finde American Football scheiße. Ich mochte als Kind diese ganzen dicken Schulterpolster nicht, also hab ich seit der Highschool immer internationalen Fussball gespielt.
Crazewire: Die Art und Weise, wie in Amerika Fussballförderung im Besonderen und sportliche Förderung im Allgemeinen betrieben wird, lässt auch Rückschlüsse auf die Mentalität zu, mit der kreative Potentiale in eurem Land schneller verwirklicht werden können. Ein DIY-Denken, dass institutionell hierzulande oft beschränkt wird. Wenn du als Jugendlicher eine Punkband in den Staaten hast, bekommst du an jeder Ecke die Möglichkeit aufzutreten, ohne direkt abgezockt zu werden.
James: Den Vergleich hab ich so noch nicht gesehen, du hast Recht. Ich denke, was die Musikszene betrifft, ist ein Grund für die Do-it-yourself-Attitüde, dass in Amerika die Radiosender eine ganz andere Haltung zur Subkultur haben als hier. Ich nehme an, dass die Radiosender hier sehr am Mainstream orientiert sind. Bei uns ist es so, dass der Mainstream im Radio sehr schnell langweilig wird. Jeder will ´alternative` sein, plötzlich wird das Label ´alternative` cool und schon gibt es Jugendliche, die darauf keinen Bock mehr haben und anders sein wollen. Und das geht dann so weiter. Mir ist schon irgendwie klar, dass es so eine Haltung auch hier in Deutschland gibt, aber es ist schwieriger zu finden. In den Staaten findest du dieses Phänomen überall an jeder Ecke, in den Städten, auf dem Dorf. Du hast keinen Bock, dich so zu kleiden wie jeder andere. Schieß dir nicht schon wieder eine Sicherheitsnadel durch die Augenbraue, mach was anderes! Das ist die Idee.
Crazewire: Ich würde gerne mir dir über Veränderungen reden. Zunächst erstmal habt ihr euch nach langer gemeinsamer Zeit dazu entschlossen, eine ausgedehnte Pause mit den Get Up Kids einzulegen. Das war nach der „Guilt Show“.
James: Nach „Guilt Show“ tourten wir noch ein wenig durch die Gegend. Matt (Matt Pryor, Sänger und Gitarrist, Anm. d. Verf.) meinte, er bräuchte dringend eine Pause. Unsere Tour nach der Platte war deshalb auch sehr kurz. Wir waren zwar in Japan und Australien und haben danach noch wenige Konzerte in den Staaten gespielt. Das war es dann auch schon. Und dort auch nur die großen Städte wie New York, Boston oder L.A. Danach bin ich bei New Found Glory eingestiegen, Matt hat seine Solo-Sachen weitergemacht, Robbie (Rob Pop, Bassist, Anm. d. Verf.) war bei Spoon...
Crazewire: Und was war bei dir und Reggie And The Full Effect?
James: Oh ja,...das natürlich auch, sorry. Das wäre mir glatt entgangen.(lacht, Anm. d. Verf.)
Crazewire: Ich habe euch 2000 in Kansas City, eurer Heimatstadt gesehen, als ihr mit Weezer auf Tour gewesen seid. Das war kurz nachdem ihr die „Something To Write Home About“ rausgebracht habt.
James: Wow! Das ist echt was her. Das Konzert war der Hammer, es war sogar an meinem Geburtstag!
Crazewire: ... was mich zu der zweiten Frage nach Veränderungen bringt. Sicher hat sich vieles geändert. Wenn ihr die Zeiten auf Tour mit Weezer vergleicht und die aktuelle Tour, nachdem ihr nun wieder zusammen Songs schreibt. Was genau ist anders als vor 10 Jahren? Ich meine, ihr macht immer noch Musik.
James: Ehrlich gesagt, die Veränderungen kommen mit dem Alter. Wir sind alle sicherlich gereift, sowohl persönlich als auch musikalisch. Es wird gesagt, man verliert sein punk-edge mit den Jahren, aber in Wirklichkeit verliert man es nicht. Es wird zu etwas anderem. Wir sind nun mal keine Teens mehr, sondern erwachsene Männer in den Dreißigern - von unserer teen-angst, ist die angst immer noch geblieben. Man kann immernoch angepisst sein über bestimmte Ereignisse. Was die Musik betrifft, haben wir die Energie behalten. Wir sind ein wenig tighter geworden, einheitlicher, wir spielen besser zusammen. Diese Unterschiede gibt es auch im Songwriting. Wenn Teile geschrieben wurden, spielt nicht mehr jeder das, was er für richtig hält, sondern jeder ist auf den anderen abgestimmt. Keine Disharmonie mehr, wenn man so will. Was natürlich für einen Musiker sehr interessant wird und vieles auch einfacher macht. Wir nehmen Sachen im Studio auf, hören sie uns an und wenn wir merken, dass ein Part nicht stimmt, fragen wir uns gemeinsam: „Wie kommen wir hier wieder raus?“. Und dann versuchen wir uns gemeinsam dran zu setzen und auf einmal hat man aus diesen Ungereimtheiten einen völlig neuen Song kreiert.
Crazewire: Die teenage-angst, von der du gerade geredet hast, war sehr präsent bei euren ersten beiden Platten, verflog aber dann aber ein wenig bei „On A Wire“. Mit der EP kam meiner Meinung nach diese Haltung wieder ins Spiel.
James: Sicher. Wir hatten uns vorgenommen, mit „On A Wire“ etwas völlig Neues zu machen. Diese Aggressivität kam ein wenig mit „Guilt Show“ zurück. Dies war letztlich auch der Grund, warum wir eine Auszeit brauchten. Wir waren 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, das komplette Jahr über ständig unterwegs und mit unserer Musik beschäftigt. Dieser Horror hatte natürlich Auswirkungen auf die Stimmung innerhalb der Band. Alles wurde irgendwie monoton, der Spass an der Sache war verlorgengegangen und die Lauft war ebenso raus. Wenn du an so einem Punkt angekommen bist fragt sich notwendigerweise jeder, ob das alles noch Sinn macht. Also entschlossen wir uns, einen Gang runter zu fahren. Was einerseits traurig war, weil Musik einen Lebensmittelpunkt innerhalb der Bandmitglieder dargstellt hatte. Das war es, was wir immer machen wollten. Andererseits nützt es auch nichts, einer Frau hinterherzuweinen, die abgehauen ist, weil es nicht mehr läuft. Verstehst du, was ich meine? Nachdem wir alle die Auszeit genutzt hatten, um uns darüber klar zu werden, was wir wirklich wollten, haben wir uns wieder zusammengerissen und mit der Reunion kam auch unsere Haltung wieder.
Crazewire: Hat es einen Grund, dass eure Tour verhältnismäßig wenige Orte umfasst?
James: Der Grund für die wenigen Gigs ist zunächst erstmal, dass jeder von uns nach wie vor viel in anderen Bands und Projekten zu tun hat. Robbie ist bei Spoon, Matt macht die New Amsterdams, ich bin bei My Chemical Romance und New Found Glory. Dazu kommen die neuen Lebensentwürfe. Matt hat Kinder, Ryan hat einen Coffee Shop und eine Bar, Robbie ist kürzlich nach New York gezogen, ich ebenso. Wir haben uns alle sehr verteilt. Zum Proben kommen wir dadurch nur alle paar Monate. Und es kostet somit viel Zeit nur um zu Proben! Natürlich haben wir auch Rücksicht auf die Studioprozesse der Bandprojekte genommen. Spoon zum Beispiel hatte große Unterstützung von uns erhalten, als sie an ihrem neuen Album gearbeitet haben. Diese ganze Arbeit bringt sicher auch viel Motivation mit sich. Es muss immer weiter gehen. Wir brauchen totale Vollbeschäftigung (lacht, Anm. d. Verf.)
Crazewire: Das ist gut. Das steigert auch die Produktivität. Viel Input bringt viel Output.
James: So sieht es aus.
Crazewire: Ich habe mitbekommen, dass ihr eure Platte womöglich in drei einzelnen EPs rausbringen wollt. Wie Ben Folds, zum Beispiel. Was ist euer Grund dafür?
James: Wir haben uns, ehrlich gesagt, inzwischen dagegen entschieden. Die Idee war im Gespräch, aber nun gibt es eine EP und dann folgt ein Album. In den wöchentlichen Sessions haben wir mittlerweile 12 Songs geschrieben, die wir zusätzlich zu „Simple Science“ gerne veröffentlichen wollen. Wir müssen nur noch überlegen, welche Songs es nun definitiv auf die Platte schaffen. Ich seh es schon kommen, es wird eine haarige Angelegenheit, denn alle sind sehr froh, dass das Material eine hohe Qualität hat. Alles ist wieder ziemlich up-beat, und es erinnert stark an unsere frühen Sachen. Es wird also wieder sehr catchy.
Crazewire: The return of the punk-edge?
James: Ganz genau! Wir haben endlich die Möglichkeit, Dinge zu formen. Weisst du, wenn du 13 bist, und dich die Sachen um dich herum ankotzen, dann hast du zwar genug, worüber du schreiben kannst, dir fehlt aber die Fähigkeit, dich auszudrücken. Wenn du 19 bist, kannst du die ganze Wut, die du mit 13 hattest, sozusagen...kanalisieren. Jetzt mit 30 hast du eine Menge an Studio-, Bühnen- und Businesserfahrung. Du weisst, wie du das, worüber du wütend bist, musikalisch umsetzen kannst.
Crazewire: Also hat Gesellschaftskritik, im weitesten Sinne, doch einen Stellenwert in der Band?
James: Wenn du so willst, schon.
Crazewire: Aktueller Anlass besteht bei euch zu Hauf. Die Welt schaut zu, wie das Leck in der BP-Insel täglich literweise Öl ins Meer fließen lässt. Die Amerikaner scheinen überfordert.
James: Ja, ist das nicht verrückt? Ein Land mit so vielen kreativen Köpfen muss tatenlos zuschauen. Es ist absurd. Ich verstehe einerseits, dass jedes Land in irgendeiner Form militärische Institutionen benötigt, um sich zu verteidigen. Andererseits sind wir ein Land, dass sich in allen möglichen Bereichen finanziell völlig verausgabt. Warum wird das Geld nicht dahingehend investiert, dass gemeinsam ein Weg gefunden werden kann, um diesen Mist zu verhindern? Amerika scheint für sowas empfänglich zu sein. Erst der Exxon Valdez-Spill, dann dieser hier. Ich wohne in New York, nicht allzu weit vom Altantik entfernt. Schon jetzt haben sie die Preise für alles massiv angezogen, obwohl das Öl noch weit entfernt ist! Es ist lächerlich! Dazu kommt diese unfassbare Bürokratie. Als es darum ging, das Leck zu stopfen, haben tausende von Menschen Emails geschrieben und bei den Verantwortlichen an die Tür geklopft und gesagt „Hey, hier! Ich hab eine Idee, um das Problem zu lösen!“ Die Antwort die dieser Kreativität entgegengebracht wird ist „Ja, vielen Dank, auf Wiedersehen, du bist kein Wissenschaftler!“ Was ist das für ein bürokratischer Bullshit? Wer nicht vom MIT kommt (Massachussets Institute for Technology, Anm. d. Verf.), soll die Finger davon lassen.
Crazewire: Nur die Eliten sind kompetent. Das untergräbt natürlich einen ernstzunehmenden Pool von Wissen und Ideen, der ebenso gute Lösungen birgt.
James: So ist es. Vertrau den Klügeren. Warum wird nicht alles erdenkliche versucht, warum werden nicht jegliche kreative Ideen ernst genommen? Aber nein, wir haben jetzt Methode A. Die kostet 20 Milliarden Dollar, und damit finanzieren wir einen großen Schuhkarton, den wir über die Insel stülpen. Fuck that!
Crazewire: Ich frage also nochmal. Hat Politik ein Bedeutung in der Band.
James: Gut, nicht direkt. Wir versuchen uns so gut es geht, da raus zu halten. Aber es stimmt, dass es Dinge gibt, die jeden betreffen. Jedem steht das Recht zu, eine Meinung zu vertreten. Was uns ein wenig übel aufstößt, ist der Eindrück, wir würden predigen. Etwa „Das ist unsere Meinung, glaub uns gefälligst!“ Aus dem Grund sind wir als Band nicht politisch, nein. Sogar innerhalb der Get Up Kids gibt es politische Meinungsverschiedenheiten. Und das ist auch gut so. Unterschiedliche Haltungen werden respektiert, jeder macht sein Ding, aber wenn es schließlich um die Musik geht, ziehen wir alle an einem Strang. Ich denke, so funktioniert die Welt. Jeder glaubt an das, was er für richtig hält, hier ist Deutschland, hier die USA, usw...jeder kocht sein eigenes Süppchen, sozusagen. Wenn es aber um Verständigung geht, sollte man immer soweit sein, gemeinsam klar zu kommen, und sagen zu können „Come on, let´s hang out“.
Crazewire: Ich habe hier eine kleine Aufmerksamkeit für Euch. Ich will euch nicht zu nahe treten, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass ihr eine Band seid, die sehr gerne mal einen über den Durst trinkt. Hier ist ein kleiner Beitrag zur Völkerverständigung.
Ich hole zwei mittelgroße Flaschen Jägermeister aus meiner Tasche und überreiche sie James. Seine Augen funkeln, wie bei einem Kind während der Bescherung.
James: Wow, cool! Vielen Dank! (lacht, Anm. d. Verf. ) Ich muss dir allerdings sagen, dass ich der Einzige bin, der vor kurzem aufgehört hat zu trinken. Aber Matt, Robbie, Jim und Ryan sind tatsächlich große Schlucker! Cool. Ist das der echte?
Crazewire: Das ist der echte Jägermeister. Es ist tatsächlich ein sehr amerikanisiertes Getränk, wie ich von meinen Freunden aus Amerika weiss. Aber ihn hier zu trinken ist somit doppelt authentisch! Tut mir leid, dass es gerade dich erwischt hat. Verteile ihn doch einfach in der Band!
James: Garantiert. Ich sorge dafür, dass er getrunken wird. Mach` dir da keine Sorgen.
Crazewire: ...und bei wohldosierter Menge, sollte man auch keine Kopfschmerzen haben. Schließlich ist es keine Kopie. Ich weiss wovon ich rede. Mit Schnapps wird es für die nächsten Jahre bei mir vorbei sein, weil ich zusammen mit einem Freund vor einiger Zeit auf eine billige Kopie gesetzt habe.
James: Oh, das tut mir leid (lacht, Anm. d. Verf.). Meine Frau und ich haben kürzlich gemeinsam die Entscheidung getroffen, Drogen und Alkohol aufzugeben. Seitdem bleibe ich bei Cola und Zigarretten. Es ist schon unglaublich, wie man die Umwelt und auch seinen Körper neu erlebt. Ich spiele und singe sogar besser!
Crazewire: Dann viel Erfolg und herzlichen Dank für das Gespräch!
James: Gerne! Vielen Spass bei der Show. Es ist cool, nach langer Zeit wieder in Köln zu sein.