Interpret:
The Blue Van
Titel:
Über Demokratie, Möchtegerns und Marketingstrategien
Autor:
Lisa Bertram
Köln, 20.04.2011
Backstage im Studio 672. Der Duft von Essen liegt in der Luft, die Kellnerin hat der Crew von The Blue Van ihre Verpflegung gebracht. Ob das okay ist, wenn wir beim Essen das Interview machen, fragt Steffen Westmark. Kein Problem. Und so ergab sich bei Geschnetzeltem mit Reis ein etwas anderes Gespräch nicht nur über Musik, sondern über die Situation der Plattenfirmen, Möchtegerns und die Macht der Werbung.
Crazewire: Warum habt ihr euch nach dem blauen Van benannt, der in Dänemark psychisch Kranke Menschen einsammelt?
Steffen: (isst noch, Anm. d. Verf.) Wir mochten das ganze Thema „Verrückt sein”. Es ist nur ein schmaler Grat zwischen Genie und Wahnsinn, das mochten wir.
Soren: Und wir sind total verrückt.
Crazewire: Hier ist also euer neues Album „Love Shot”. Nette Cover Art, was hat es mit der blauen Lippe auf sich?
Steffen: Wir haben die Grafik schon ausgewählt, bevor wir das Album „Love Shot” genannt haben, es ist ein starkes Bild. Wenn du an einem Plattenladen vorbeigehst und dieses wunderschöne Bild im Schaufenster siehst, bist du interessiert und möchtest es dir vielleicht anhören, obwohl du noch nie von der Band gehört haben könntest. Natürlich spielt da auch ein sexueller Unterton eine Rolle. Es ist eben so: sex sells. Es ist schon ziemlich sexy. Es soll aber nicht billig sein. Es ist einfach ein schönes Bild.
Crazewire: Ihr habt die 13 neuen Songs aus 30 ausgewählt. Warum haben es gerade diese Tracks aufs Album geschafft?
Allan: (trocken, Anm. d. Verf.): Weil die anderen Songs scheiße waren.
Steffen: Es war eine demokratische Abstimmung. Jeder hatte eine CD mit einigen Liedern und dann haben wir gewählt. Es gab ca. sechs Tracks mit denen jeder auf Anhieb einverstanden war, aber den Rest mussten wir wählen. Ein Lied kann sich auch verändern und die ganze Platte muss stimmen. Ein Song, den du erst nicht so gut fandest, könnte sich zu einem richtig guten Song entwickeln, wenn er in das Gesamte passt. Es geht mehr darum, die perfekte Setlist für ein Konzert zu kreieren. Die Vielfalt zählt: erst ein Rocksong, dann ein ruhiger Song und so weiter.
Crazewire: Gibt es für euch auf der neuen Platte einen Favoriten?
Allan: Das kann man nicht so einfach sagen. Es gibt einige Songs, die du laut spielen willst und einige, die du einfach nur auf der CD anhören möchtest. Es kommt drauf an.
Steffen: Ich würde sagen „Mama’s Boy” ist ein großartiger Song, vor allem für Live-Auftritte. Es ist ein geradliniger Rocksong.
Crazewire: Da ist diese Zeile „You think Ramones is a T-Shirt maker”. Worauf bezieht sich diese Kritik?
Soren: Ein Freund von uns ging in Bars und fragte Menschen, die Ramones-T-Shirts trugen, nach ihren Top Five-Ramones-Songs. Die meisten von ihnen hörten nicht mal die Ramones, sie trugen die Shirts nur, weil andere sie auch trugen.
Allan: Kannst du mir deine Top Five von den White Lies geben?
Soren: Ja, kann ich!
Allan: Also hast du seit dem letzten Mal geübt! (lacht, Anm. d. Verf.)
Steffen: Band-Shirts sind sowas wie Mode geworden. Wenn du wirklich an einer Band interessiert bist, gehst du in spezielle Läden oder auf die Konzerte und kaufst die Shirts da. Andererseits ist das mit den Shirts auch Super-Marketing.
Crazewire: Einige eurer Songs wurden in TV-Serien oder in der Apple-Werbung gespielt. Ist das eine gute Chance, um mehr Publikum zu erreichen oder verkauft man damit seine Seele?
Steffen: Man verkauft seine Seele… nein (lacht, Anm. d. Verf.). In der heutigen Zeit müssen Plattenfirmen an Geld kommen. Die Leute kaufen immer weniger CDs, deswegen ist es eine gute Idee, Musik in der Werbung zu spielen. Durch das Produkt gelangt die Musik an viele Menschen. Keiner schaut gerne Werbung, aber wenn ein cooler Song unterlegt ist, gefällt es dir besser. Es ist eine gute Marketing-Strategie.
Crazewire: Gibt es ein Produkt, für das ihr nie Werbung machen würdet?
Soren: Wir machen Rockmusik, also würden wir nie für Frauenartikel werben.
Allan: Tampons!
Per: Ja, und Tena Lady, das brauchst du, wenn du Probleme mit der Inkontinenz hast…
Steffen: Und McDonald’s. Und die Armee. Egal, ob für die dänische oder die amerikanische Armee. Wir machen keine Badass-Werbung wie „Oh yeah, komm zur Army”. Nein.
Allan: Wir haben nichts mit Politik und solchem Zeug zu tun.
Crazewire: Ihr habt die Tage in Berlin und Hamburg gespielt. In welcher Stadt war mehr Leben?
Allan: Hamburg!
Steffen: Ja, Hamburg!
Allan: Berlin ist eine große Stadt von Hipsters. In Hamburg ist die working class, die sind natürlicher.
Steffen: In Berlin gibt es so viele Clubs und scheißviele Konzerte jeden Tag. Da ist es egal, wo du hingehst.
Allan: Aber wir lieben trotzdem den Sound jeder Stadt.