Inpterpret:
St.Vincent
Titel:
Ein Teil der Welt sein mit Frank Schätzing, Liebesbriefen und Disney
Autor:
Michael Weber
Köln, 14.12.2009
Die Multi-Instrumentalistin Annie Clark aka St. Vincent, scheint ein gemütlicher Mensch zu sein. Zumindest ist das der erste Eindruck, den sie auf mich macht, als sie mich vor der Kulturkirche in ihrem Schlabber-Pulli und aufgesetzter Baseball-Mütze, die die Lockenpracht verdeckt, begrüßt. Sie wäre gleich bei mir, sie müsse nur noch schnell etwas klären. Ich soll aber schon mal in den Aufenthaltsraum gehen, wo es warm ist, mir einen Tee nehmen und es mir zwischen Grizzly Bear bequem machen. Als sie reinkommt, nimmt sie sich einen Tee und schlägt vor das Interview in einem Leseraum der Kulturkirche zu machen. Dort finden sich neben der Stille und komfortablen Sofas Bücher über Bücher. Gemütlich halt. Nur der Kuchen hat noch gefehlt.
Crazewire: Es wurde berichtet, dass du und Grizzly Bear nach der Show in München in einen Busunfall verwickelt ward. Ich hoffe doch, dass es euch allen gut geht und nichts der Show im Wege steht.
St. Vincent: Ja, ich war mit ihnen im Bus. Der Anhänger wurde von einem Transporter getroffen, so dass sich der Rahmen der Anhängerkuplung in den Motor gebohrt und diesen kaputt gemacht hat. Ich bin aufgewacht als es passiert ist, aber nur weil ich dachte, wir würden zum Tanken anhalten oder uns sei ein Reifen geplatzt. Verletzt wurde aber glücklicherweise niemand.
Crazewire: Und euer Equipment? Hat es den Unfall überstanden oder ist da etwas kaputt gegangen?
St. Vincent: Nur ein paar Sachen waren ein bisschen kaputt. Chris Taylors Bass hat ein bisschen was abbekommen. Aber meine Sachen sind alle in Ordnung.
Crazewire: Als ich das Interview vorbereitet habe, bin ich über einen Artikel über den Insel-Staat St. Vincent & The Grandines gestolpert. Wäre es nicht eine schöne Idee dich gemeinsam mit deiner Band danach zu benennen?
St. Vincent: Hm, ich habe sie schon nach dem Namen meiner Ur-Ur-Großmutter benannt, aber ich bin mir sicher, dass dieser Ort bestimmt sehr schön ist.
Crazewire: Daraus entnehme ich, dass du bisher noch nicht da gewesen bist.
St. Vincent: Nein.
Crazewire: Der deutsche Schriftsteller Frank Schätzing, der das Buch „Der Schwarm“ geschrieben hat, hatte vor ein paar Wochen einen Auftritt bei einem Radio-Sender. Dort wurde er gefragt, ein paar seiner momentan liebsten Bands und Songs vorzustellen. Dabei sagte er, dass er deine Musik derzeit sehr mag und sie viel hört. Er sagte aber auch so etwas wie, dass du so süß aussehen würdest und dann so eine energetische Musik machst, dass es auf den ersten Blick nicht passen würde. Wird dir so etwas häufiger gesagt? Und magst du es überhaupt auf das Süßsein reduziert zu werden?
St. Vincent: Hat er die Musik süß genannt?
Crazewire: Nein, dich hat er so bezeichnet.
St. Vincent: Oh, toll! Ich würde gerne sein Buch lesen.
Crazewire: Es war ein Bestseller in Deutschland und es wurde auch ins Englische übersetzt.
St. Vincent: Wirklich? Würdest du mir seinen Namen aufschreiben? Ich würde es wirklich gerne lesen. Ich bin immer aufgeregt, wenn andere Künstler wie Schriftsteller oder Maler gerne meine Musik hören. Das liegt aber auch daran, weil ich selber nicht mehr wirklich viel Musik höre. Ich lese eben viel oder gucke Filme, um Musik zu schreiben. Allerdings habe ich keine Kontrolle darüber, wenn meine körperliche Erscheinung als „süß“ bezeichnet wird. Das ist aber schon in Ordnung. Es gibt Schlimmeres.
Crazewire: Frank Schätzing hat dich aber zusätzlich noch mit Björk in Verbindung gebracht. Für ihn bist du das US-amerikanische Pendant zu ihr. Wurdest du jemals mit ihr verglichen?
St. Vincent: Es ist immer ein Kompliment, wenn man mit ihr verglichen wird. Ich hab es schon ein paar mal gehört, aber ich denke nicht, dass ich in irgendeiner Weise wie Björk klinge. Sie hat eine wahnsinnige Stimme, was aber ein ganz anderes Thema ist. Ich denke, was die Leute an ihr so fasziniert ist, dass sie viele, ungleiche Genres miteinander verbindet und dann alles in ihrem identifizierbaren aber noch immer entwickelnden Stil vorträgt. Und genau das würde ich auch gerne machen: Nicht so klingen wie jeder andere. Es ist schon ein großes Kompliment von ihm, das ich sehr schätze.
Crazewire: Das ist nicht dein erster Auftritt in einer Kirche. Du hast auch schon bei Pitchforks „Cemetery Gates“ in einer Kirche gespielt. Fühlst du dich da wohl?
St. Vincent: Es macht für mich eigentlich keinen Unterschied, ob ich in einer Kirche, einer Konzerthalle oder einer Galerie spiele. Alles ist irgendwie gleich gut. Jeder Ort ist aber anders, und ich mag es in Kirchen zu spielen. Es ist halt kein typischer Rock-Club mit Stickern an den Wänden, Dreck und dem Geruch von Rauch. Ein solcher Ort hat eine makellose Umgebung. Und wenn die Leute sich ein Konzert in einem solchen Ort oder in Theatern anschauen, dann ist da so eine Art von vorgefertigter Refernz im Publikum. Der Ort ist dienlich um zu zu hören und leise zu sein. Man hört eben richtig zu, was wirklich schön ist für eine Show.
Crazewire: Dann schätze ich mal, dass jetzt die Standard-Frage kommt: Bist du religiös? Du nennst dich selber St. Vincent, dein erstes Album heißt „Marry Me“ und einen deiner Songs hast du „Jesus Saves, I Spend“ genannt, was für mich schon sehr ironisch klingt.
St. Vincent: (lacht, Anm. d. Verf.) Es ist ironisch! Mein Name rührt nicht notwendigerweise von einer religiösen Konnotation her. Aber die Mythologie der westlichen Welt ist nun mal verwurzelt in der des Christentums. Die Griechen hatten Götter, die Römer auch. Und jeder kennt die Geschichten, so dass es etwas ziemlich fruchtbares ist, um darum herum etwas aufzubauen. Wenn du eine Illusion erzeugst, ist es egal, ob jemand jetzt religiös ist oder eben nicht, man kennt die Geschichten, über die du sprechen willst. Es kann den Prozess des Schreibens erleichtern, da du Elemente der eigenen Kultur damit benutzt.
Crazewire: Das letzte Mal als ich dich in Köln gesehen habe war 2006 während Sufjan Stevens Tour. Du warst die Vorgruppe und bist zusätzlich noch in seiner Band aufgetreten. Während seines Konzerts hast du Piano gespielt und als einer seiner Songs angespielt wurde, ist etwas schief gelaufen. Mit Ausnahme von dir hörte die ganze Band plötzlich auf zu spielen. Als du es bemerkt hattest, hast du aufgeschaut und sahst vollkommen verlegen aus. Sind dir solche Momente unangenehm?
St. Vincent: Ich kann mich daran gar nicht erinnern. Ich weiß aber noch, dass wir während dieser Tour sehr früh in Köln gespielt haben. Es muss wohl das vierte Konzert gewesen sein. Und während dieser Tour habe ich viele verschiedene Instrumente gespielt. Piano, Cello, Gitarre. Ich wollte während dieser Tour alles perfekt haben. An dieses eine Missgeschick kann ich mich aber nicht erinnern, ich würde mich aber nicht darüber wundern, wenn mir eines unterlaufen ist. Es sah wohl so aus, als ob mir in diesem Moment ein „Oh, shit“ durch den Kopf gegangen ist (lacht, Anm. d. Verf.).
Crazewire: Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, aber das war einer der Momente in denen du schon sehr süß ausgesehen hast. Alles was dir über die Lippen kam, war ein verlegenes „Sorry“. Und fast das gesamte Publikum antwortete mit einem „Awww“.
St. Vincent: (lacht, Anm. d. Verf.) Das bezweifele ich nicht. Überhaupt nicht. Sein Publikum ist immer total süß. Sie vergeben einem so etwas.
Crazewire: Ebenfalls während dieser Tour hast du davon gesprochen, dass du irgendwo in Köln einen Liebesbrief für die Stadt versteckt hast. Auf deiner Twitter-Seite habe ich gelesen, dass du Berlin, Wien und Amsterdam sehr magst. Kursieren dieses Mal auch ein paar Liebesbriefe in den anderen Städten und wird wieder einen für Köln geben?
St. Vincent: Ja, das stimmt. So etwas habe ich viel gemacht. Als ich damit angefangen habe, bin ich vorher in einem alten Bücherladen gewesen. Dort habe ich ganz viele, alte Briefe, Postkarten und unterschiedliche Sachen gefunden die sich die Leute geschickt haben. Eine der Postkarten, die ich fand, war auf 1936 datiert. Ich dachte nur „wow“, das ist schon etwas besonderes. Briefe von jemanden, der auf ein College ging und jede Woche einen Brief an seine Mutter, die in Illionis lebte, verfasste. Man bekommt dadurch ein ziemlich klares Bild oder zumindest einen kleinen Eindruck darüber, wie die Dinge damals waren. Sehr ländliche, süße Dinge. Ich dachte mir, dass es schön wäre, wenn ich auch ein Teil von so etwas werde und selber einen Liebesbrief finden würde. Ich sollte wieder damit anfangen. Nein, dieses Mal habe ich es nicht gemacht.
Crazewire: Du machst viele Videos für deinen Blog, in denen man dich backstage sehen kann und du viel Spaß mit deinen Bandmitgliedern hast. Besteht wirklich noch die Zeit für solche Sachen, während du auf Tour bist? Ist noch etwas Zeit übrig, um sich die Städte anzugucken, in denen du gerade bist?
St. Vincent: Nein, nicht wirklich. Wir haben ein paar Sachen von der Andrew-Bird-Tour, die wirklich lustig war, online gestellt. Videos vom städtischen Museum in St. Louis oder das Tour-Video von „Marrow“. Das war schon alles sehr verrückt und cool. Aber nein, sonst haben wir außer an den Tagen, wo du dem Trubel entkommen kannst, für das Erkunden einer Stadt keine Zeit. Du musst aber gucken, dass du während deiner freien Zeit etwas pathetisch bleibst und dir die Stadt anguckst. Und auch wenn es etwas kleines ist, wenn du meinetwegen in einem Café sitzt und ein Buch liest, fühlt es sich so an als wäre man ein Teil der Welt.
Crazewire: Du hast acht Geschwister: Vier Schwestern und vier Brüder. Zusätzlich hast du in Sufjan Stevens Band gespielt und warst Mitglied von The Polyphonic Spree. Jetzt hast du deine eigene Band und man kann dich mit ihr in euren Tour-Videos sehen, was sehr familiär wirkt. Brauchst du Menschen um dich herum, die dir das Gefühl von Familie und Geborgenheit geben? Menschen auf die du dich verlassen kannst.
St. Vincent: Es ist schön, so etwas zu haben. Wirklich. Besonders in einem Band-Kontext, in dem ich die Führungsperson bin. Ein paar Jungs aus meiner Band sind sehr, sehr gute Freunde von mir, die ich schon seit Jahren kenne. Ganz besonders Daniel Hart, der Violine spielt, ist wohl für immer einer meiner besten Freunde. Es macht einen großen Unterschied, auf Tour zu sein und jemanden zu haben, der dich kennt. Jemand der sehen kann, ob es dir gerade nicht gut geht. Man hört sich dann gegenseitig zu. Daniel und ich haben da eine sehr gute Beziehung untereinander, wir gehen uns nicht gegenseitig auf die Nerven.
Crazewire: Lass uns noch über dein neues Album reden. Auf dem Waschzettel zu diesem Album stand, dass du eine „eigenartige Art“ entwickelt hast, um das Album zu schreiben. Du bist eingetaucht in einige deiner liebsten Filme. Darunter war auch „Badlands“, „Periot Le Fou“, „The Wizard Of Oz“, „Stardust Memory“ und „Sleeping Beauty“. Danach hast du dann angefangen so etwas wie einen geheimen Soundtrack für diese Filme zu schreiben. Das klingt nach einem massiven Genre-Mashup.
St. Vincent: Ja, das ist es. Begonnen hat es damit, dass ich mich von mir selber ablenken wollte. Ich habe mich unter Druck gefühlt, und der kam nicht von außerhalb, sondern war von mir selbst gemacht. Ich habe es aber gemacht, um etwas wirklich gutes zu machen. Wirklich seriöse Musik, in der ich wie eine Komponistin bin, und nicht so entrückt und putzig, wie auf meinem ersten Album. Dazu habe ich mir dann einige meiner Lieblingsfilme angeguckt und war sehr inspiriert von dem Disney-Aspekt einiger dieser Filme. Ich höre mir die Musik dieser Filme immer gerne aus Spaß an.
Crazewire: Ja, aber sind Disney-Filme und die Musik der Filme nicht total süß? Und im Gegensatz dazu klingt deine Musik, obwohl sie wunderschön ist, an vielen stellen doch brutal oder zumindest grausam. Ganz anders als jeder Disney-Film.
St. Vincent: In diesen Filmen gibt es immer diesen Hauch von Unschuld, den ich einfangen und in meiner Musik unterbringen wollte. Zusätzlich ist da aber auch noch etwas Subversives. Und meine Art des Subversiven ist es, nicht zu schreien und zu rufen, aber um ganz leise etwas kaputtes zu äußern. Ich gehe davon aus, dass Menschen nicht immer gute Dinge machen oder gute Entscheidungen treffen. Ich wollte etwas machen, dass näher am Leben ist und nicht eine romantisierte Version des Lebens schaffen.
Crazewire: Für dein zweites Video zu „Actor“ hast du mit dem Bay-Area-Regie-Duo Terri Timely zusammen gearbeitet. Ein Journalist schrieb dazu, dass das Video zu „Marrow“ wie ein sureales „Lost Highway“-Abenteuer sei, in dem du von Zuschauern am Straßenrand verfolgt wirst, während du die Straße runter gehst. Und jedes Mal, wenn du dich umdrehst bleiben sie stehen und frieren ein. Zusätzlich fühlt sich die Musik ruhig und suchend sowie angsteinflößend und geschüttelt an - besonders im Refrain, in dem du „Help me“ singst. Ist dieses Video von einem Lynch-Film inspiriert?
St. Vincent: Um genaueres zu erfahren musst du wohl die Regisseure fragen, aber ich denke, dass David Lynch immer ein Einfluss für alles ist. Er ist so wundervoll. Aber ja, der Songs ist irgendwie depressiv und gruselig. Und anstatt etwas zu machen, dass mich begrenzt, wollten die beiden wohl etwas machen, das mehr Fragen aufwirft als es beantwortet. Es hat sich ein bisschen so angefühlt wie ein Horror-Film oder eine Ungewissheit. Ich mochte ihre Art mit mir zusammen zu arbeiten und persönlich mag ich die beiden auch. Wir haben ebenfalls das erste Video zu „Actor Out Of Work“ gemeinsam gemacht. Ich wusste, dass sie mit diesem Konzept einen guten Job machen werden.
Crazewire: Ist es war, dass du für die Aufnahmen zu „Actor“ lediglich das Apple-Programm Garage Band benutzt hast? Das klingt so als wolltest du nicht so viel Zeit im Studio verbringen, es für dich selber machen und einen raueren Klang haben.
St. Vincent: Nein. Ich habe es mit Garage Band und Logic geschrieben. Aufgenommen habe ich es aber mit Pro Tools HD. Ich wollte nicht so viel Zeit im Studio verbringen, um dort zu schreiben. Ich hatte den Großteil schon fertig arrangiert bevor ich ins Studio ging für die Aufnahmen. John Congleton hat es aufgenommen und das Engineering übernommen. Ich habe so etwas auch gemacht, aber es waren eher kleinere Teile. So musste ich nicht so viel Zeit im Studio verbringen, um dort immer und immer wieder über unterschiedliche Teile zu diskutieren.
Crazewire: Was hat sich noch verändert im Vergleich zum Aufnahmeprozess zu deinem ersten Album?
St. Vincent: Ich finde es immer gut, wenn man mit seinen Gewohnheiten des Aufnehmens bricht . Je mehr du damit brichst, desto mehr wird das Endprodukt anders sein. Das regt mich an. Ich will mich nicht einfach in einer langweiligen Art wiederholen. Ich glaube, dass es so etwas wie einen Stil gibt, aber für mich ist eine Freude, mich auszuprobieren. Du lernst mit jedem neuen Album, das du aufnimmst, natürlich auch Zeit und Geld zu sparen. Zum Beispiel mit den richtigen Leuten zusammen zu arbeiten, die du nicht kennst, anstatt Zeit zu verschwenden und Wege zu beschreiten, die dich nirgendwohin führen. Ich kenne jetzt viel mehr Musiker, verfüge über mehr Ressourcen und weiß viel schneller, was ich überhaupt machen will. Mit John Congelton werde ich wohl auch mein nächstes Album aufnehmen.
Crazewire: Würdest du sagen, dass dein Album ein Konzept-Album geworden ist? Für mich klingt es so dramatisch wie ein Film oder ein Theaterstück.
St. Vincent: Ja, es ist schon ein Konzept-Album geworden, aber in der Weise, dass ich alle spezifischen Dinge, die ich dafür mache, forme. Ich bin ein großer Fan von...(macht eine längere Pause, Anm. d. Verf.). Du bist deutsch, du verstehst das: Pragmatismus! (lacht, Anm. d. Verf.). Ich habe versucht es wie bei einem Theaterstück oder einen Film zu arrangieren. Du hast einen Charakter, den du gestaltest und sich entwickeln lässt. Das hat vor allem den Prozess der Lyrics vorangetrieben. Ich habe es so gehandhabt, als würde ich für die Elemente des Albums ein Casting machen.
Crazewire: Vielen Dank für das nette Gespräch.