DETAILS

Interpret:
So So Modern

Titel:
Meeting People Is Easy

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Autor:
Jan Nicolai Kolorz
Köln, 06.04.2010

INTERVIEWS

So So Modern - Meeting People Is Easy

So So Modern - Meeting People Is Easy

Langsam wird es unumgänglich. Wer kann diesen lauten Sturm aus Neuseeländ noch überhören? Seit knapp drei Jahren wütet das Quartett über das hölzerne Weltparkett, um die Agenda ihrer Musik zu verfolgen. So So Modern haben mit ihrer Debütplatte was zu sagen und finden den Dialog mit Menschen, die an ihrer ambitionierten Spielwut kollektiv teilhaben wollen. Meeting people is easy, heisst es doch so schön. Sänger und Gitarrist Grayson Gilmour erzählt, wie die Tour die Band beeinflusste, was es mit dem reizvollen Namen und den dystopischen Kostümen auf sich hat und warum Berlin mal wieder musikalischer Nährboden für Song-Inspirationen ist.

Crazewire: In den letzten drei Jahren habt ihr ununterbrochen gespielt und kürzlich eure Europa-Tour mit etwa einem Gig pro Tag beendet. Ist das der Preis, den man zahlt, um sich endlich vom Status des Geheimtipps loszusagen?

Grayson Gilmour: Wenn man von der anderen Seite der Welt kommt, haben so ausgedehnte und verdichtete Touren gute Gründe: zunächst wollen wir viele Orte kennenlernen und mit vielen Leuten zusammen spielen. Zweitens müssen wir unsere Kosten decken. Unsere bislang längste Tour dauerte 6 Monate. Wenn du so lange Zeit unterwegs bist, merkt man schnell, dass persönlicher Freiraum nicht länger existiert, was wiederum nicht unbedingt schlecht ist. Wir neigen dazu, eine bestimmte Form von Kameradschaft inmitten der Höhen und Tiefer dieser Tour zu entwickeln. Seit unserer letzten Tour, die uns sozusagen zum vierten Mal nach Übersee verschlug, sind wir nun ziemlich geübt darin, unser Privatleben zu Hause zu lassen und gleichzeitig auch wieder schnell in alte Jobs reinzukommen, sowie zerbrochene Beziehungen wieder flicken zu können.

Crazewire: Welche Spuren hat eure letzte Tour bei euch hinterlassen?

Grayson GIlmour: Unsere letzte Tour hieß „Tour of Discipline & Endurance“ - mit 31 Shows in 36 Tagen! Es war die kürzeste und dichteste Tour, die wir jemals hatten. Aus diesem Grund mussten wir uns besonders um uns selbst kümmern, so dass die eigene Stimme und der Körper diese Anforderungen aushalten konnten. Die Tour war auch sicherlich die unterhaltsamste, zumal das Publikum besonders großartig war. Natürlich war es eine tolle Gelegenheit, viele unserer europäischen Freunde zu treffen und wir hatten ja eine neue Platte, die wir mit allen teilen wollten.

Crazewire: Leider hattet ihr nur sehr wenige Shows in Deutschland, eine davon in Berlin. Ein wunderbarer Song eurer Platte ist nach unserer Hauptstadt benannt.

Grayson Gilmour: Wir haben „Berlin“ tatsächlich in Berlin geschrieben! Nachdem wir zwei Monate lang auf Tour waren, hatten wir in Berlin sozusagen eine Woche Urlaub. Um die Tour interessant zu halten, arbeiteten wir an neuen Songs zwischen den Konzerten. Zum Glück hatte eine Freundin von uns eine komplette Wohnung als Studio eingerichtet, welche für die Woche frei war. Also sind wir eingezogen und fingen an, Songs zu schreiben. Die Zimmer waren riesig, mit harten Betonwänden und somit extrem widerhallend, was man auf dem Song auch gut erkennen kann. Der Song reflektiert tatsächlich diese Mischung aus dieser Umgebung und den endlosen Kilometern, die wir auf den europäischen Autobahnen zurückgelegt hatten - anders als alles andere, was wir zuvor von Neuseeland kannten.

Crazewire: Ihr seid bei Transgressive Records seit eurer EP „Friendly Fires“. Neben einigen nennenswerten Labelmates scheint ihr euch musikalisch relativ gut dort einzureihen. Was waren die Gründe dafür, dass ihr letztlich so gut mit dem Label harmoniert?

Grayson Gilmour: Transgressive ist großartig, nicht zuletzt, weil sie glücklich sind, mit uns auf einer unabhängigen, von uns selbst gelenkten Ebene zu arbeiten. Überraschenderweise ist das eine Sache, die viele andere Labels nicht mitmachen wollen. Als Band sind wir der Meinung, dass es wichtig ist zu wissen und zu verstehen, was mit unserer Musik passiert, da die Musikindustrie sehr trügerisch sein kann, wenn die Künstler nicht vorsichtig sind. Also, klar, als Label und als Freunde sind sie wirklich großartig.

Crazewire: Euer Bandname scheint ein wenig polemisch zu sein, oder zumindest zweideutig. Warum ist Modernismus für euch von Belang?

Grayson Gilmour: Von Beginn an waren wir fasziniert von der Zukunft; optimistische Vorraussagen, apokalyptische Warnungen und die Bedingungen des modernen Menschseins: Langeweile, Neugier, Fortschritt und Konsum. In bestimmter Weise, und sicher auch mit einer Neigung zum trockenen Humor, wollten wir genau das ansprechen und thematisieren und gleichzeitig die Frage nach Modernität stellen... auf der anderen Seite ist es auch noch eine geschickter Verweis auf einen Roman von Douglas Coupland - „Shampoo Planet“.

Crazewire: Also seid ihr so so modern?

Grayson Gilmour: Ja. (lacht, Anm. d. Verf.)

Crazewire: Der Name eurer neuen Platte ist angelehnt an die aktuelle Ausstellung des neuseeländischen Fotografen John Lake, mit dem ihr zusammen gearbeitet habt. Das sehr ergreifende Cover-Artwork wird supplementiert oder ergänzt durch Lakes Bilder. Hat die Überschreitung von realistischen zu surrealistischen Bildern, die seine Fotografien kennzeichnen, eure Musik auf eine bestimmte Art beinflusst? Oder war es sogar umgekehrt?

Grayson Gilmour: Wir haben im Vorfeld mehrmals mit John an verschiedenen Projekten und Foto-Shootings gearbeitet. Mit der Zeit wurde „Crude Futures“ Teil gemeinsamen Interesses. Die eigenen Projekte wuchsen mit der Zeit von einander unabhängigen Anfängen zusammen, bis sich schließlich Gemeinsamkeiten ergaben. An dieser Stelle schien es uns wie eine fast göttliche Vorsehung. Während wir auf Tour waren - zur selben Zeit, als die weltweite Wirtschaftskrise ausbrach, hatte John in Neuseeland eine Region entdeckt, die allem Anschein nach eine missglückte Utopie repräsentiert. Diese düsteren und trostlosen Umwelten, die wir beide erlebten, haben unsere Kollaboration dingfest gemacht!

Crazewire: Wenn man auf die Musikgeschichte zurückblickt, sind Maskeraden nicht unbedingt eine Innovation. Meistens benutzen Künstler sie, um den Wiedererkennungswert zu steigern. In eurem Fall, im Kontext eurer vitalen, experimentellen Live-Ästhetik scheint es ganz und gar nicht äußerlich oder aufgesetzt. Welche Idee steckt hinter diesem Rollenspiel?

Grayson Gilmour: Ursprünglich sind unsere super-extrovertierten Shows von dem Verlangen motiviert, das Publikum zu involvieren. Die Leute sollen nicht einfach stehen und zuschauen, sondern an der Show teilhaben. Sie sollen an die Musik und ihre unglaubliche Kraft glauben, die es schafft, Menschenmassen zu verbinden und aus ihnen abgedrehte Irre zu machen! Unser Anspruch ist es, einer Show einen bestimmten Wert zu geben, etwas, dass man nicht jedes Wochenende zu sehen bekommt. Was sich in den letzten Jahren geändert hat, war, dass wir nicht nur jedes Wochenende, sondern jeden Tag spielten! Wir haben schnell dieses dystopische Element in unseren ursprünglich utopischen Looks erkannt. Mittlerweile spielen wir jedoch nicht durchweg kostümiert.

Crazewire: Gibt es eine Band, die ihr gerne mal begleiten würdet?

Grayson Gilmour: Wir lieben es, unsere Freunde zu supporten und neue Freunde zu finden.

Crazewire: Was steht als nächstes an?

Grayson Gilmour: Die Apokalypse.

Crazewire: Gut, dann vielen Dank für das Interview.

Grayson GIlmour: Sehr gerne.


 

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