DETAILS

Interpret:
Sir Simon

Titel:
I've Been Trying All The Time To Keep Calm

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Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 13.05.2008

INTERVIEWS

Sir Simon - I've Been Trying All The Time To Keep Calm

Sir Simon - I've Been Trying All The Time To Keep Calm

Sir Simon Battle ist im Stress. Gerade eben erst ist er aus Hamburg eingetroffen, in einer Stunde hat er bereits seinen nächsten Auftritt im Berliner Schokoladen. Die Instrumente sind noch teilweise auf der Tanzfläche des kleinen und gemütlichen Clubs verstreut, auf der Bühne werden noch hektisch letzte Kabel verlegt, während der Tontechniker genervt und kopfschüttelnd Anweisungen an die Band verteilt. Es wäre bereits längst Zeit für den Soundcheck und so blickt auch schon die Vorband, Mexican Elvis, nervös auf die Uhr, die unerbittlich gegen sie tickt. In so einer Situation ist das Letzte, worauf man Lust hätte, ein Interview. Würde man meinen. Doch Sir Simon, der im wahren Leben Simon Frontzek heißt und in Berlin wohnt, winkt einen freundlich zu sich ins Chaos der Vorbereitungen. Ob man noch ein wenig Zeit hätte, das Interview würde sich leider nach hinten verschieben. Alles kein Problem, nur keine Hektik. So macht man es sich bequem und schaut dem regen Treiben auf der Bühne zu. Mit einem Mal ist die Hektik verflogen, die Band steht auf der Bühne und probt „Credit Cards And Trains“: „I´ve been trying all the time to keep calm“, singt Simon da, und es hat wirklich eine beruhigende Wirkung auf alle Beteiligten. Nach dem Soundcheck setzen wir uns in die Gästestube des Clubs, in dem Mexican Elvis übernachten sollen. Weitab von der Bühne ist nun von Hektik keine Spur mehr, als wir das Interview beginnen.

Crazewire: Eine Frage, die dir wohl schon des Öfteren gestellt wurde: Sir Simon oder Sir Simon Battle? Wie heißt es nun richtig?
 
Simon: Du kennst bestimmt den berühmten Dirigenten (der Berliner Philharmonie, Anm. d. Verf.) Sir Simon Rattle. Ich habe die Band Sir Simon Battle genannt, was als kleiner charmanter Scherz gedacht war. Als die Platte fertig war, kam vom Label die Frage auf, ob es da nicht Stress geben könnte mit Sir Simon Rattle. Dann habe ich tatsächlich über mehrere Ecken einen Kontakt zum Sohn von Sir Simon Rattle hergestellt, nur um die Bestätigung zu bekommen, dass das für ihn absolut OK ist, dass ich meine kleine Band so nenne. Sein Sohn hat ihn dann tatsächlich gefragt und er war nicht besonders amüsiert. So wenig Humor hätte ich ihm an der Stelle nicht zugetraut. Schade, ich hätte gerne mal mit ihm darüber gesprochen. Ich hatte auch schon mal bei der Berliner Philharmonie angerufen, ob man da mal was machen kann, dass ich ihm mal eine Platte von mir überreiche, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass er so ein humorloser Typ sein soll.

Crazewire: Hat er denn bis jetzt überhaupt einen Ton von dir gehört?

Simon: Ich glaube nicht.

Crazewire: Also ist es einfach eine generelle Abneigung gegen die Benutzung seines Namens?

Simon: Ja, das ist aber insofern verständlich, da er ja ein nicht unumstrittener Dirigent ist. Die britische Presse hat früher auch schon mal die Rattle – Battle-Wortspiele benutzt, da kann man sich gut vorstellen, dass er da allergisch darauf reagiert. Ich hätte aber trotzdem gerne mal 10 Minuten mit ihm gesprochen, nur um das aus der Welt zu schaffen. Leider hatte ich dazu bis jetzt nicht die Möglichkeit. Nun bringen wir die Platte halt unter dem Bandnamen Sir Simon raus, aber auf die Tourplakate und überall sonst schreiben wir immer noch Sir Simon Battle, mal gucken was da kommt. Außerdem habe ich noch eine schöne Idee für die Zukunft: Mein drittes Album, vollgepackt mit Streicherarrangements und dann ein Konzert in der Berliner Philharmonie. Künstler: Sir Simon Battle – Dirigent Sir Simon Rattle. Würde doch gut aussehen?

Crazewire: Auf alle Fälle. Das führt mich auch gleich zur nächsten Frage. Bei Künstlern, die ihren Bandnamen an eine andere reale Person anlehnen, ist die Gefahr doch ziemlich groß, öfter mal verwechselt zu werden. Ist dir in diese Richtung schon mal etwas passiert?

Simon: Ich hatte letztes Jahr im Rahmen der Bavarian Open ein Interview im Berliner ARD-Hauptstadtstudio, wo sie dann schon ein wenig verwirrt schauten, als sie mich sahen und ich ihnen erst einmal erklären musste, dass sie mir jetzt keinen roten Teppich ausrollen müssen. Die hatten sicherlich noch nie was von meiner Band gehört. Das fand ich schon ganz cool.

Crazewire: Du warst ja zu Beginn des Jahres mit British Sea Power auf Tour. Kannst du kurz erzählen, wie es dazu kam?

Simon: Unser Tourveranstalter hat von British Sea Power ein Angebot bekommen, dass sie jemanden suchen, der das Vorprogramm für sie machen könnte. Da die Show von denen jedoch ziemlich aufwendig sei und sie sehr viel Equipment dabei hätten, würden sie jemanden suchen, der nur mit der Gitarre das Vorprogramm bestreiten könne. Deswegen war die Bedingung, dass ich nicht meine komplette Band mitnehmen durfte. Ich kannte British Sea Power bis zu dem Zeitpunkt kaum, hab sie mir dann angehört und gedacht: super, das mach ich! Außerdem war für mich der Gedanke reizvoll, ganz alleine mit einem Smart für ein paar Tage unterwegs zu sein.

Crazewire: Mit einem Smart von Berlin nach München. Ist das bislang das Verrückteste, was du für die Musik getan hast?

Simon: Hm, das Verrückteste was ich für die Musik gemacht habe? Weiß ich nicht, aber das war schon ziemlich bescheuert, obwohl das auch schon praktische Gründe hatte. Es ist halt sehr billig, sich so einen Wagen zu mieten und das Budget ist klein. Ich dachte mir, das wird schon irgendwie funktionieren, aber es war schon echt ein unbequemes Auto.

Crazewire: Das ist ja auch nicht gerade das Auto, dass man sich als Künstler für eine Tour wünscht?

Simon: Definitiv nicht. Aber es hat dann im Nachhinein doch noch großen Spaß bereitet.

Crazewire: In deinen Songs geht es auch viel um´s Unterwegssein. Bist du ein sehr rastloser Mensch?

Simon: Kann durchaus sein. Das ist mir auch erst im Nachhinein aufgefallen, nachdem ich ein paar Songs hatte, dass diese Thematik immer wieder auftaucht. Es ist aber schon durchaus so, dass ich sehr gerne unterwegs bin, sehr gerne Auto fahre. Das beruhigt mich sehr. Ja, vielleicht bin ich ein rastloser Mensch, das ist schon zutreffend.

Crazewire: Schreibt du deine Songs alleine oder mit der Band?

Simon: Ich schreibe die Songs alleine.

Crazewire: Und in welchem Stadium des Songwritings kommt dann deine Band dazu?

Simon: Bis jetzt hatte ich einfach schon fertige Songs. Das Ganze war ja nie mit Band und als Liveprojekt geplant. Ich hab immer nur für mich aufgenommen. Deswegen waren die Songs eigentlich schon fertig. Erst danach habe ich das mal ein paar Leuten vorgespielt, die dann auf die Idee gekommen sind, dass man das auch mal live spielen könnte. Aber die Songs verändern sich live schon im Vergleich zu den Aufnahmen, einfach dadurch, dass da vier weitere Individuen dazukommen, die, zum Glück vielleicht, nicht so ticken wie ich.

Crazewire: Aber du bist dann schon der Banddiktator, der die Richtung vorgibt?

Simon: (lacht, Anm. d. Verf.) Ich versuche es, aber die Rebellion, die ich da zurückbekomme, ist immens und wird immer größer. Ich versuche da immer mit neuen Sachen anzukommen, aber ich kann ja keinen dazu zwingen, was die nicht machen wollen werden die auch nicht machen. Da kommt es schon mal zu Diskussionen. Definitiv ist es einfacher, sich alleine zu Hause hinzusetzen und aufzunehmen. Aber ich finde es auch mal ganz gut, ab und zu einen eingeschenkt zu bekommen von denen.

Crazewire: Du hast gerade erzählt, dass du die Songs im stillen Kämmerlein für dich geschrieben hast. Über welchen Zeitraum sind denn die Songs für das Album entstanden?

Simon: Ich habe überhaupt erst Ende 2004 angefangen, Sachen zu schreiben und aufzunehmen. Der letzte Song, der es aufs Album geschafft hat, ist dann erst Ende letzten Jahres geschrieben worden. Also es hat schon eine Weile gedauert. Aber als ich angefangen habe Sachen zu machen, war das ja kein zielgerichtetes Arbeiten für ein Album, sondern einfach nur ungezwungenes Schreiben für mich.

Crazewire: Kann man also sagen, dass das Songschreiben für dich eine Tagebuchfunktion hatte?

Simon: Ja, als Tagebuch in sehr groben Zeitabschnitten, also nicht, dass man jeden Tag etwas einträgt, sondern einfach nur um Sachen festzuhalten. Geschichten, Momente.

Crazewire: Kommen wir nochmal auf deine Band zu sprechen. Die ist ja in ganz Deutschland verstreut. Wie haltet ihr untereinander Kontakt, z.B. für Proben?

Simon: E-Mail schreiben ist einfacher als Proben (lacht, Anm. d. Verf.). Nein, wir treffen uns manchmal in den verschiedenen Städten. Das ist auch angenehmer im Vergleich zu so einem normalen Musikding nach dem Schema „Wir treffen uns jetzt jeden Mittwoch und üben dann im dreckigen Probenkeller“. Das wäre keine Arbeitsweise für keinen von uns. Bei den Liedern treffen wir bereits eine Vorauswahl, indem wir sie uns gegenseitig schicken. Und dann treffen wir uns halt in den verschiedenen Städten. Regensburg, Leipzig, Hamburg, Berlin. Dann sitzen wir für ein Wochenende dort zusammen und machen ein paar Sachen.

Crazewire: Du magst es also auch nicht, an einen Zeitplan gebunden zu sein.

Simon: Nein, das würde mit mir nicht hinhauen. (lacht, Anm. d. Verf.)

Crazewire: Im Refrain von „Credit Cards And Trains” singst du: “I`ve been trying all the time to keep calm”. Das klingt ziemlich paradox, weil du sehr ruhig und gelassen rüberkommst. Bist du an sich dann doch eher ein aufbrausender Typ?

Simon: Gut (überlegt, Anm. d. Verf.) Hm...ja...

In diesem Moment kommt Maxi Reichart, die Bassistin von Mexican Elvis, ins Zimmer. Saved By The Bell, könnte man sagen. Sie sucht die Getränkemarken, die noch irgendwo im Zimmer versteckt liegen müssten. Sir Simon ist sichtlich erleichtert, dass er nun noch einmal ein wenig Bedenkzeit erhält, um über die Frage nachzudenken. Doch nach einer kurzen Runde Smalltalk verlässt Reichart das Zimmer mit den Coupons wieder Richtung Club. Bedenkzeit abgelaufen, nun kommen die persönlichen Fragen.

Simon: Die Frage, ob ich ein aufbrausender Typ bin? Also, ich bin jetzt definitiv nicht die ganze Zeit ein entspannter Typ, aber das äußert sich nicht dadurch, dass ich rumschreie oder ausraste, aber da ist manchmal schon viel Verzweiflung dabei. Aber laut und aufbrausend bin ich eher nicht.

Crazewire: Wie äußert sich deine Verzweiflung?

Simon: Naja, so eine Textzeile wie „I`ve been trying all the time to keep calm”, als ich das geschrieben habe, war es halt wirklich eine komplett beschissene Zeit für mich. Man kennt das ja, dich ruft deine Freundin an und hat grad mit dir Schluss gemacht oder so was in der Art. Und in solchen Situationen ist man dann kurz davor durchzudrehen und weiß halt nicht mehr, was man machen soll. Und dann bringt man so bekloppte Aktionen, wie sich in einen Zug Richtung Hamburg zu setzen, nur um dann dort eine halbe Stunde durch die Stadt zu rennen. Das was mich dann beruhigt hat, war sich hinzusetzen, sich die Sachen aufzuschreiben und Musik zu machen.

Crazewire: Dann hat die Musik neben der Tagebuchfunktion auch noch eine Therapiewirkung für dich?

Simon: Das kann man so sagen. Obwohl, so einfach ist es nun auch wieder nicht, denn es ist so: Dir geht’s scheiße, du schreibst einen Song. Dann geht es dir eigentlich immer noch scheiße, aber du hast wenigstens einen Song geschrieben.

Crazewire: Die meisten Songs schreibst du also, wenn es dir schlecht geht. Kannst du auch Songs schreiben, wenn es dir gut geht?

Simon: Ich weiß nicht, ob ich das in gut oder schlecht einteilen könnte. Grundsätzlich ist es schon so, dass ich eher schreibe, wenn mich Sachen beschäftigen, meistens wenn es ins Negative abdriftet, wenn mir etwas den Kopf zermürbt.

Crazewire: Du benutzt also eigene persönliche Erfahrungen und Erlebnisse, die du verarbeitest?

Simon: Ich weiß nicht, ob es ein Verarbeiten ist, es ist eher ein Festhalten, um sich erlebte Situationen, merkwürdige und traurige Situationen, zu merken, diese noch mal aufzuschreiben in all ihren Details.

Crazewire: Ist es dann nicht ein komisches Gefühl, wenn du einen Song, ein paar Jahre nachdem du ihn geschrieben hast, noch mal spielst und dich dann wieder in diese Situation versetzen musst, bzw. der Song dich automatisch in diese Situation versetzt?

Simon: Hm… (überlegt, Anm. d. Verf.) Ich denke während des Spielens nicht viel darüber nach. Aber ich weiß schon, was ich da singe, ich sing das nicht nur so nebenher.

Crazewire: Du schreibst über sehr persönliche Sachen und Dinge, die dir passiert sind. Hast du manchmal Angst, dass du zuviel von dir selbst preisgibst?

Simon: Es gibt vielleicht zwei, drei Leute, die zu hundert Prozent wissen, was mit den Songs gemeint ist. Das finde ich jedoch schon irgendwie merkwürdig, doch bekomme ich von denen kein Feedback darauf. Ich habe definitiv immer Bedenken, wenn jemand anderes meine Musik hört, aber es macht mit keine Angst. Es ist halt eine Beschreibung einer Situation, die für andere Leute vielleicht gar nicht diesen Zusammenhang ergibt, deswegen habe ich da keine großen Berührungsängste.

Crazewire: Du meinst also, dass die Songs durchaus für andere eine ganz andere Bedeutung bekommen können?

Simon: Ja, es gibt auch durchaus Songs, die dann eine durchlaufende Handlung haben, so dass man das auch als eine allgemeine Geschichte sehen könnte.

Crazewire: Hat dein Album an sich eine Geschichte, die man vom ersten bis zum letzten Song erzählen könnte?

Simon: Da habe ich letztens schon mal drüber nachgedacht. Es ließe sich definitiv eine chronologische Reihenfolge herstellen, die jedoch nicht mit der Anordnung auf der Platte übereinstimmt. Da passiert das in dem Song, und das wird dann in einem anderen Song wieder aufgegriffen und weitergeführt. Aber das wäre eine ziemlich lange Geschichte.

Langsam wird es Zeit für Sir Simon, sich auf sein Konzert vorzubereiten. Die lange Geschichte muss er sich für ein anderes Mal aufheben. Als wir unten im Club ankommen, ist dieser bereits zum Bersten gefüllt. Überall richten sich erwartungsfrohe Augen auf Simon, der überall Hände schüttelt, Menschen umarmt und sich mit ihnen unterhält. Er lässt sich auch nicht nehmen, Mexican Elvis persönlich anzukündigen, was sie ihm mit einem fulminanten Konzert zurückzahlen.

Das Konzert von Sir Simon Battle steht dann wiederum unter keinem guten Stern. Bereits nach dem ersten Song gibt das Keyboard seinen Geist auf und es muss wieder hektisch umgebaut werden. Passenderweise spielt Simon direkt im Anschluss „Credit Cards And Trains“. Wieder einmal. „I´ve been trying all the time to keep calm“ singt er. Und langsam kann man ihn verstehen.


 

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