Interpret:
Rachel Unthank & The Winterset
Titel:
Zwischen Tradition und Mercury Prize
Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 01.12.2008
Was für ein Jahr für Rachel Unthank & The Winterset. Zu Jahresbeginn nur eingefleischten Kennern der englischen Folkszene und den Lesern des Mojo-Magazins - das Debütalbum „Cruel Sister“ wurde 2005 von der Redaktion zum Folkalbum des Jahres gewählt - ein Begriff, sind die vier Engländerinnen um die Geschwister Rachel und Becky Unthank nun in aller Munde. Die Nominierung zum diesjährigen Mercury Prize für ihr Album „The Bairns“ sei Dank. Seitdem werden Rachel Unthank & The Winterset in einem Atemzug mit Joanna Newsom und Antony & The Johnsons genannt. Der große Robert Wyatt hat „The Bairns“ zu seinem persönlichen Album des Jahres gewählt und gilt seitdem als prominentester Fan.
Crazewire traf Rachel Unthank vor ihrem Auftritt im Vorprogramm von Ben Folds in Berlin.
Crazewire: Das erste, was mir an eurer Musik auffiel, war der Text in „Felton Lonnin“: „The kye’s come yem, but I see not me hinny“. Was bedeutet das? Für mich klingt es beinahe so fremd wie isländisch.
Rachel: Der Text ist in Geordie geschrieben worden, der Akzent meiner Gegend. Ich stamme aus dem Nordosten Englands, genauer gesagt Northumberland. Dort haben die Menschen einen sehr speziellen Dialekt, der schwer zu verstehen ist. Du bist also nicht der Einzige. Wenn wir auf Tour sind muss unsere Violinistin, die ursprünglich aus London stammt, bei jedem Konzert den Zuhörern erklären, worum es in den Songs geht. Sonst verstehen sie es auch nicht. „The kye’s come yem, but I see not me hinny“ bedeutet übersetzt soviel wie: „Die Kühe kommen heim, doch kann ich meinen Liebling nicht sehen.“ Es ist lustig, dass der Text für dich isländisch klingt, da wir in diesem Sommer von einem norwegischen Journalisten darauf aufmerksam gemacht wurden, dass ihn unser Dialekt sehr stark an norwegisch erinnert. Der Dialekt scheint also noch ein Andenken zu sein an die Zeit, als die Wikinger in unserer Region plünderten und sich dort niederließen. Ihre Sprache muss unsere sehr stark beeinflusst haben. Das war mir davor so nicht bewusst.
Crazewire: „Felton Lonnin“ ist ein altes englisches Traditional, so wie viele andere auf dem Album. Wo hast du diesen Song gefunden?
Rachel: Ich habe „Felton Lonnin“ in einem Buch gefunden. Es heißt „The Northumbrian Minstrelsy“. Der erste Teil des Songs ist das originale Traditional, der zweite Teil ist von einem Folksänger aus unserer Gegend, Johnny Handle, der zu der ursprünglichen ersten Strophe noch eine zusätzliche hinzufügte.
Crazewire: Es scheint, dass diese Traditionals in eurer Gegend sehr weit verbreitet sind. Wann bist du das erste Mal auf sie gestoßen?
Rachel: Meine Eltern lieben Folkmusik. In den Sechzigern hörten sie sehr viel amerikanischen Folk und begannen sich daraufhin für die eigenen heimischen Ursprünge zu interessieren. So entdeckten sie Namen wie Martin Carthy und The Watersons. So war es auch nichts Ungewöhnliches, dass unsere Eltern meine Schwester Becky, meinen Bruder Matthew und mich jeden Sommer auf Folkfestivals mitnahmen. Wir waren auch oft in Folkclubs, wo es so genannte „Singarounds“ gab: Hier wurden reihum von jedem Songs gesungen. Becky und ich liebten diese „Singarounds“, vor allem wegen der Geschichten, die in den Songs erzählt wurden. Die Geschichten fesseln uns noch immer sehr an einem Song. Man kann sagen, dass wir schon früh von unseren Eltern mit englischem Folk indoktriniert wurden (lacht, Anm. d. Verf.).
Crazewire: Ihr seid also eine sehr musikalische Familie?
Rachel: Meine Eltern lieben es, zu singen, besonders mein Vater. Er singt eigentlich andauernd und ohne Unterbrechung. Dazu kann er noch Akkordeon spielen. Mein Bruder Matthew spielt Geige und Gitarre. Wir lebten also in einem sehr lauten Haus.
Crazewire: Nach welchen Kriterien sucht ihr euch die Traditionals aus, die ihr singt? Haben sie etwas gemeinsam?
Rachel: Ja, definitiv. Wir suchen immer nach Songs mit einer tollen Geschichte. Das ist auch der Grund, warum wir vor allem Folkmusik und Traditionals so gerne mögen: Ihre Geschichten sind nie geradlinig, sondern komplex und meistens sehr düster und mysteriös. Und sie handeln von richtigen Menschen mit ihren Bedürfnissen. Ich denke, das ist der Grund, warum die Songs trotz allem so zeitlos sind. Sie behandeln die großen Themen Liebe, Leben und Tod, die Menschen auch heutzutage noch beschäftigen und berühren.
Crazewire: Meistens haben diese Geschichten aber ein trauriges Ende.
Rachel: Ich denke, die meisten Folksongs haben traurige Geschichten. Es ist schwer, lustige Folksongs zu finden. Vielleicht, weil die traurigen Geschichten einfach interessanter sind. Mein Vater sagt andauernd zu uns: „Vielleicht solltet ihr fröhlichere Lieder singen“. Doch wir hören nicht auf ihn, wir mögen die schwermütigen Lieder lieber.
Crazewire: Wenn ihr mit einem Song arbeitet, habt ihr zunächst ja nur die traditionelle Melodie. Wie genau erarbeitet ihr dann das Arrangement?
Rachel: Becky und ich kommen meistens mit den Songvorschlägen. Gemeinsam mit Adrian (McNally, Anm. d. Verf.), unserem Manager und kreativem Ratgeber reden wir dann über die Geschichte und wie wir es fertig bringen, die Geschichte über die Musik am besten zu erzählen. Danach sprechen wir mit der Band und erarbeiten gemeinsam das Arrangement. Es ist aber von Mal zu Mal unterschiedlich. Zu „Felton Lonnin“ beispielsweise schrieb Adrian den Klavier- und Streicherpart. Bei „Blue Bleezin Blind Drunk“ hingegen war es wirklich anstrengend, da Becky und ich den Song in verschiedener Weise singen wollten, wir aber nicht wussten, wie wir das in einem Song verbinden sollten. Eines Abends tranken wir dann Wein in unserer Küche, alberten ein wenig herum und versuchten uns noch mal an dem Song und auf einmal funktionierte es.
Crazewire: So in etwa müssen dann auch die Aufnahmen zu eurem Album stattgefunden haben. Wenn man eurer Homepage glauben darf, habt ihr „The Bairns“ in zwei Wochen aufgenommen, durchgängig und ohne Unterbrechung.
Rachel: Tatsächlich dauerten die Aufnahmen länger. Zunächst mieteten wir ein Cottage in Northumberlund über Neujahr 2007 und arbeiteten dort eine Weile. Dann unterbrachen wir die Aufnahmen, da wir eine neue Geigenspielerin suchen mussten. Wir kamen also in Zeitnot und nahmen den Rest in unserem Haus auf. Alles recht provisorisch, unter der Treppe war zum Beispiel die Gesangskabine. Adrian war beinahe die ganze Zeit über wach, während der Rest in Schichten schlafen ging. Wir haben ein miserables Zeitmanagement, wir hätten es besser planen sollen (lacht, Anm. d. Verf.).
Crazewire: Ein Teil der Aufnahmen fand demnach in einem alten Cottage statt. Hat sich das auf eure Musik ausgewirkt?
Rachel: Ich denke schon. Sowohl das Cottage wie auch unser Haus sind sehr typisch für Northumberland. Sehr groß, gewaltig, leer und voller Geschichte. Es kann sehr dunkel aber gleichzeitig auch sehr spannend sein. Gerade diese Grundstimmung kommt auch in unseren Songs zum Tragen.
Crazewire: Könntest du dir für die Zukunft vorstellen, euren Sound für neue Einflüsse zu öffnen? Irgendwelche verrückten Ideen?
Rachel: Wir haben gerade mit den Arbeiten zum neuen Album begonnen und sind dabei, die Songs auszuwählen. Wir werden sicherlich unseren Sound ändern, nicht zuletzt, weil wir eine neue Klavierspielerin haben. Belinda (O’Hooley, ehemalige Pianistin, Anm. d. Verf.) trug sehr zu unserem Stil bei, so dass wir dies nun als Gelegenheit nehmen, mehr Instrumente zu benutzen. Wir haben eine Menge verrückter Ideen und noch weiß niemand, wie das Album klingen wird. Wir würden aber schon gerne unseren Sound erweitern, da wir uns nicht wiederholen wollen. Wir wollen experimentieren und das Ganze auch für interessant halten.
Crazewire: Gibt es irgendwelche Überlegungen, ein Album nur mit deiner Schwester Becky aufzunehmen?
Rachel: Im Moment wollen wir mit The Winterset weitermachen. Wir haben uns einmal kurz darüber unterhalten, gemeinsam etwas aufzunehmen, doch im Moment sind wir noch nicht so weit. Es macht auch viel mehr Spaß, wenn wir alle zusammen auf Tour sind. Wir werden aber möglicherweise den Bandnamen ändern. Rachel Unthank & The Winterset, das sagt am Ende doch nicht alles über diese Band aus, da Becky und ich uns die Vocals teilen. Der Grund, warum wir den Bandnamen überhaupt gebrauchten, lag an Becky. Sie war damals noch recht jung, als wir mit den Aufnahmen zum ersten Album begannen. Sie war davor, an die Universität zu gehen und schlug sich mit Plänen herum, eine Weltreise machen zu wollen und war sich noch unsicher, was sie machen wollte. Deshalb war es auch ihre Idee, sich zunächst im Hintergrund zu halten. Doch mittlerweile ist es ein Problem. Wir müssen den Namen wohl ändern. Ich habe zwar noch keine Idee, aber wir würden schon gerne „Unthank“ irgendwo im Bandnamen belassen.
Crazewire: Kommen wir noch auf den Mercury Music Prize zu sprechen. War die Nominierung eine große Überraschung für euch und wie hast du davon erfahren?
Rachel: Das ist eine merkwürdige Geschichte. Ich wurde angerufen und gefragt, ob ich zur Mercury-Pressekonferenz erscheinen könnte. Ich fragte, ob wir nominiert wären, aber das durften sie uns nicht erzählen, wir sollten einfach zur Pressekonferenz erscheinen. Ich sagte: „Hört her, wir wohnen sehr weit weg von London, um nur zu einer Pressekonferenz zu erscheinen. Sind wir nun nominiert oder nicht?“ und am Ende rückten sie dann damit raus, dass wir es waren. Wir durften es aber niemandem erzählen. Die Pressekonferenz, auf der ich gemeinsam mit Becky war, war dann eine ganz neue Erfahrung für uns. Man sagte uns: „Geht durch diese Tür, damit die Photos gemacht werden können.“ Als wir dann durch die Tür kamen, ging ein Blitzlichtgewitter über uns nieder. So etwas hatten wir bis dahin noch nie erlebt. Die Mercury-Preisverleihung war dann noch einmal ein ganz anderes Kaliber. Wir waren sehr aufgeregt, ein Teil davon zu sein, da der Mercury Prize der Award ist, der noch eine gewisse künstlerische Reputation besitzt. Es war wundervoll, auf Augenhöhe mit Radiohead oder Robert Plant genannt zu werden. Alison Krauss kam zu mir herüber und sagte, sie mag mein Kleid. Oh mein Gott!
Crazewire: Kamen denn auch ein paar der Nominierten auf dich zu um dir zu sagen, dass sie auch dein Album mögen?
Rachel: Ja, die Jungs von Radiohead sagten mir, dass sie das Album mögen. Adele mochte unsere Performance, so dass wir nun gemeinsam mit ihr an Weihnachten auftreten werden.
Crazewire: Hattest du schon eine vorbereitete Rede, für den Fall, dass ihr gewinnt?
Rachel: (lacht, Anm. d. Verf.) Nein, ich habe nicht damit gerechnet, dass wir gewinnen würden. Und wir haben ja auch nicht gewonnen. Aber von den Preisrichtern haben wir im Nachhinein erfahren, dass wir Zweiter wurden. Das war ein Schock.
Crazewire: Habt ihr bei der Preisverleihung mögliche Kollaborationspartner getroffen? Oder wie wäre es mit einem Duett mit Robert Wyatt?
Rachel: Wir haben Robert Wyatt einmal nach einem Konzert getroffen. Es war sehr nett, sehr schön ihn zu treffen. Aber bislang haben wir noch keine Pläne, mit anderen Künstlern zusammenzuarbeiten. Noch hat es uns auch niemand angeboten. Mal sehen, was noch kommt.