Interpret:
Phoenix
Titel:
Fühlen sich wie eine Electro Band
Autor:
Kai Töpel
Dresden, 03.08.2009
Aus der Ruhe bringen lassen sich die vier Franzosen von Phoenix auf keinen Fall. Auch dieses Mal hat es wieder drei Jahre gedauert, bis sie ihr nächstes Album veröffentlichten und es ist bereits jetzt ihr erfolgreichstes. Im Interview mit uns auf dem Melt! 2009 erzählten uns Bassist Deck D'Arcy und Gitarrist Christian Mazzalai, warum die Arbeiten an einem Phoenix-Album so zeitaufwendig sind und welchen Einfluss elektronische Musik auf ihre Einstellung als Musiker hat.
Crazewire: Ihr spielt heute zum zweiten Mal beim Melt. Wie hat sich das Festival für euch verändert?
Christian Mazzalai: Ich kann mich noch ganz gut ans letzte Mal erinnern, da wir zwei Mal gespielt haben. Die Stimmung ist immer noch sehr gut und das Gelände ist einfach fantastisch.
Crazewire: Gibt es bestimmte Bands auf die ihr euch heute freut?
Christian Mazzalai: Wir wollen vor allem Animal Collective sehen und haben heute schon Amazing Baby gesehen. Das sind Freunde von uns, die mit uns getourt sind.
Crazewire: Euer neues Album heißt „Wolfgang Amadeus Phoenix“, ihr habt einen Song namens „Lisztomania“ auf dem Album und das passende Video dazu habt ihr in Bayreuth gedreht. Wie ist euer Verhältnis zur klassischen Musik?
Christian Mazzalai: Klassiche Musik umgibt uns schon seitdem wir Kinder sind. Wir sind in Versailles aufgewachsen und jeden Samstag gab es klassische Konzerte. Wir haben Fußball gespielt und konnten die Musik dabei über große Lautsprecher hören. Das wird immer ein großer Teil von uns bleiben.
Crazewire: Wie kam es denn dazu, dass ihr das Video in Bayreuth gedreht habt?
Deck D'Arcy: Chris hat zufällig einen der Ur-Ur Enkel Wagners getroffen. Er bot uns an, dort ein Video drehen zu drehen und er gab uns daraufhin den Schlüssel für das Opernhaus.
Christian Mazzalai: Wir konnten es kaum glauben, das mussten wir einfach tun.
Crazewire: Mit dem Titel „Lisztomania“ spielt ihr auf die Reaktion des Publikums auf Liszt an, der so was ein Rockstar der klassischen Musik war. Was bedeutet das für euch heute?
Deck D'Arcy: Das ist einfach eine coole Vorstellung. Eine Fantasie, das Bild des modernen Rockstars auf die frühere Zeit zu beziehen.
Crazewire: Mich hat das ein wenig an „Rock Me Amadeus“ von Falco erinnert.
Deck D'Arcy: Das kennen wir, aber dazu hat es keine Verbindung. Da ist eigentlich kein Konzept hinter.
Christian Mazzalai: Über die Parallele haben wir eigentlich noch gar nicht nachgedacht.
Crazewire: Nach der Veröffentlichung und nach den ersten Konzerten, wie fühlt sich das neue Album für euch nun an?
Deck D'Arcy: Richtig gut, weil das neue Album das Lieblingsalbum der Fans ist. Das ist perfekt. Am Anfang wurde natürlich eher auf die früheren Hits gewartet, aber jetzt sind es vor allem die Songs von „Wolfgang Amadeus Phoenix“ , auf die die Leute warten.
Crazewire: Hat euch das überrascht?
Christian Mazzalai: Definitiv, weil wir dachten, das Album sei eigentlich ziemlich komplex. Für uns war es eigentlich sehr speziell. Wir wussten, dass es bestimmte Leute erreichen wird, aber dass es so viele erreicht, hat uns schon sehr überrascht. Ich glaube es beginnt eine neue Ära, in der komplexe Musik auch wieder vielen Leuten gefällt und zum Erfolg wird. Das gilt für viele andere Bands, wie zum Beispiel Grizzly Bear oder Animal Collective. Anders kann ich mir ihren Erfolg in Amerika zumindest nicht erklären.
Crazewire: Ihr seid ja auch schon etwas länger dabei und nach dreizehn Jahren und vielen Erfolgen, hat sich dieses Album bis jetzt am Besten verkauft. War das so zu erwarten?
Deck D'Arcy: Als wir das Album beendet haben, waren wir sicher, dass es unser Lieblingsalbum sein wird. Das es so ein Erfolg wird nach der langen Zeit, die wir schon dabei sind, war uns da noch nicht bewusst.
Crazewire: Der erste neue Song, der von euch zu hören war, war „1901“. Der klang im ersten Moment mit fast Justice-ähnlichen Synthesizern fast gar nicht nach Phoenix. War es euch wichtig, mit dem ersten Song zu zeigen, dass ihr in eine etwas andere Richtung gehen werdet?
Christian Mazzalai: Wir haben immer schon viele Synthesizer benutzt, abgesehen vom letzten Album. Da wollten wir einen organischen Sound erzeugen. Einen ähnlichen Ansatz hatten wir 2001. Wir haben dabei selten ein Konzept oder anders gesagt, wir haben ein Konzept aber verwerfen es meist nach zwei Wochen wieder, weil wir merken, dass es nicht das ist, was wir machen wollen. Uns geht es dann vor allem darum Exzellenz zu kreieren. Das ist unser Hauptziel.
Crazewire: Wenn man das Album hört wirkt es aber trotzdem nicht gänzlich konzeptlos.
Deck D'Arcy: Das einzige, was wir wussten, als wir mit dem Album begannen, war, dass es futuristischer klingen soll. Von daher gab es viele Möglichkeiten. Wir hatten ein paar Ideen im Kopf, aber es entwickelte sich dann doch ganz anders. Dabei war es ziemlich schwierig, denn bei den ersten Ideen hatten wir Déja-Vues. Alles klang so, als ob wir das schon mal gemacht hätten. Wir wissen dabei nie, wann genau der richtige Zeitpunkt kommt. Das ist auf der einen Seite sehr spannend, aber auch sehr furchteinflößend. Wir wissen nur, irgendwann kommt die richtige zündende Idee.
Crazewire: Aber gerade mit dem Ansatz, dass ihr ein futuristisches Album machen wollt, das irgendwie neu und anders klingen sollen, wie habt ihr es geschafft dabei eure Eingängigkeit nicht zu verlieren? Es hätte dabei ja auch ein 74-Minuten-Epos herauskommen können.
Christian Mazzalai: Wir nehmen mehrere Stunden Musik auf und dann beginnen wir unsere Lieder mehr und mehr zu konzentrieren auf das Wesentliche. Deswegen ist jede Sekunde des Albums wie Sonnenschein, weil wir das Beste herauskristallisiert haben. Wir mögen keine Füller. Wir machen niemals B-Seiten, denn für uns ist jeder einzelne Song eine Single.
Deck D'Arcy: So arbeiten wir an jedem Album. Wir können deswegen nicht mit B-Seiten planen, denn bei uns gibt es keinen Abfall. Entweder wir haben den Song bis zum Ende durchdacht, dann kommt er auf das Album, oder er ist es nicht wert, dann sortieren wir ihn frühzeitig aus.
Crazewire: Auch auf „Wolfgang Amadeus Phoenix“ ist mit „Love Like A Sunset“ wieder ein Instrumentaltrack zu finden. Wie kommt es bei euch dazu? Entstehen diese Tracks beim Experimentieren?
Christian Mazzalai: Nein, wir haben auf diesem Album gar nicht experimentiert. Das kommt sehr drauf an, bei anderen haben wir oft einfach nur ein wenig gespielt und dabei ist ein Song entstanden. Auf diesem Album jedoch war es durchdacht.
Deck D'Arcy: Anders war das bei „United“, da haben wir erst nicht geplant gehabt mit „School’s Rules“ und „Definitive Breaks“ zu enden, welches beides aus der gleichen Session stammt. Es war nicht wirklich geplant, dass die mit auf das Album kommen. Wir haben es uns jedoch dann einmal angehört und dachten „Okay, damit fangen wir an und damit hören wir auf“.
Christian Mazzalai: Dieses Mal war die gesamte Struktur sehr durchgeplant. Uns war nach mehr als einem Jahr Arbeit an dem Album klar mit welchem Track es anfangen musste und mit welchem es wieder aufhört.
Deck D'Arcy: Wie ich vorher schon sagte, wir warten so lange mit dem Album bis wir damit zufrieden sind. Wir hassen Füller, wir hassen B-Seiten und wir hassen unfertige Alben. Das ist einfach die Art wie wir denken. Also kann es zwei Monate dauern, es kann aber auch, wie zumeist bei uns, zwei oder mehrere Jahre in Anspruch nehmen.
Crazewire: Es gibt ein sehr bekanntes Video eines Fans auf YouTube, indem sie Ausschnitte aus den 80s-Filmen „Footloose“, „Breakfast Club“, „Pretty In Pink“ und „Mannequin“ zusammen geschnitten hat und die Schauspieler zu „Lisztomania“ tanzen und singen lässt.
Deck D'Arcy: Ja, das Video ist fantastisch, vielleicht das beste Video, das jemals zu unserer Musik gemacht wurde.
Crazewire: Wäre das vielleicht eine Idee für ein zukünftiges Video, einen Contest auszuschreiben?
Christian Mazzalai: Wir mögen einfach keine Contests. Als wir „1901“ für Remixe freigaben, war uns wichtig klar zu machen, dass kein Contest dahinter steht. Wir mögen es, wenn so etwas natürlich entsteht und es niemand tut, weil er dafür etwas Bestimmtes bekommt. Dieses Mädchen hat das Video einfach auf YouTube gesetzt und uns auch nicht darüber benachrichtigt. Wir haben es auch nur wie alle anderen entdeckt. Man kann sehen, dass es mit reiner Passion entstanden ist und nicht mit dem Hintergedanken, damit Erfolg zu verbuchen. Für uns sind solche Wettbewerbe nur ein Teil des Marketings, aber das interessiert uns nicht.
Crazewire: Es gibt eine Remix-EP von „Lisztomania“ über das französische Label Kitsuné. Wie ist euer Verhältnis zu diesem Label?
Christian Mazzalai: Wir kennen die Gründer weil wir mit den Jungs von Daft Punk befreundet sind.
Deck D'Arcy: Wir teilen denselben Zugang zur Kunst, obwohl wir unterschiedliche Stile vertreten. Dabei lief es eigentlich recht natürlich ab, weil es keine richtige Plattenfirma ist, sondern eher ein Modelabel, das ebenfalls Platten veröffentlicht.
Crazewire: Wenig später habt ihr mit „Kitsuné Tabloid“ auch einen Sampler veröffentlicht. Überraschend war dabei aber, dass ihr außer den Dirty Projectors nur Bands der 60er und 70er gewählt hat. Wie war die Reaktion darauf von einem Label, das eigentlich eher New Rave und Electro veröffentlicht?
Deck D'Arcy: Das hat sie ebenfalls sehr überrascht. Sie wussten aber, dass es nicht ein Sampler wird, wie sie ihn normalerweise veröffentlichen. Ich denke, deshalb haben sie uns gefragt.
Crazewire: Trotzdem habt ihr damals in den 90ern mit vielen jetzt noch bekannten französischen Electro-Bands angefangen, wie zum Beispiel Air und Daft Punk. War diese Richtung nicht auch ein großer Einfluss auf euch?
Deck D'Arcy: Natürlich war das Mitte bis Ende der 90er eine Zeit, die für französische Musik sehr wichtig war. Aber wir waren da immer ein wenig außen vor, da wir selbst nie eine elektronische Band gewesen sind. Jedoch, und daher ist es ein wichtiger Teil unserer Geschichte, produzieren wir unsere Musik sehr wie eine elektronische Band.
Christian Mazzalai: Wir lieben einfach die Philosophie der elektronischen Musik. Die Philosophie, Dinge selbst anzupacken und zu erreichen. Das ist, was wir an Rockmusik hassen: Diese ganze Idee mit Produzenten und großen, teuren Studios.
Crazewire: Aber gerade als Freund von Daft Punk muss es doch interessant gewesen sein, wie dieser Sound gerade mit Labels wie Ed Banger und Kitsuné wieder gekommen ist.
Christian Mazzalai: Sicherlich, aber da wir so außen vor von der Szene sind, ist das eher ein interessanter Fakt, aber nichts was uns direkt betrifft. Wir versuchen aber auch bewusst kein Teil irgendeiner Szene zu sein.
Deck D'Arcy: Aber es freut mich sehr für sie, dass sie nicht in Vergessenheit geraten.
Crazewire: Vielen Dank für dieses Interview.