Interpret:
Patrick Wolf
Titel:
„Die Wahrheit ist faszinierender als die Fiktion“
Autor:
Ingo Reiff
Köln, 01.06.2011
Patrick Wolf ist eine der schillerndsten Figuren im Popgeschäft. Das ständige Spiel mit Grenzverschiebungen der Geschlechteridentität und des musikalischen Genres, mehrere Alben, die sich auf dem Feld von Neofolk und Elektronik bewegen, ohne sich auf einen Stil festlegen zu lassen, fluoreszierende Bühnenoutfits und eine gewisse Unberechenbarkeit im Umgang: sämtliche Popstarcodes erfüllt der Brite mit links. Crazewire-Redakteur Ingo Reiff hat kurz vor dem Erscheinen seines neuen Albums „Lupercalia“ mit Patrick Wolf gesprochen und dabei neue künstlerische und persönliche Facetten entdeckt.
Crazewire: Dein neues Album „Lupercalia“ war ursprünglich als Doppelalbum mit seinem Vorgänger „The Bachelor“ konzipiert. Der Sound und auch Deine Texte haben sich überraschenderweise seit dem Erscheinen von „The Bachelor“ vor zwei Jahren stark gewandelt.
Patrick Wolf: Das Album sollte von Anfang an keine direkte Verbindung zu „The Bachelor“ haben. Es war zwar als Doppelalbum gedacht, sollte aber mit einem Jahr Abstand erscheinen. Nachdem ich mit „The Bachelor“ auf Tour war, war es Zeit für ein totales re-write und eine Art re-invention. Ich wollte nicht weiter an einem Thema arbeiten, das sich für mich tot und vorbei anfühlte, diese Idee der Liebe als Eroberer, die funktionierte nicht mehr für mich. Sie war zu krass und jugendlich, denn ich möchte mit meinem Werk wachsen. Eine neue Veröffentlichung soll meine Entwicklung als Person oder neue Perspektiven auf das Leben darstellen.
Crazewire: Deine musikalische Weiterentwicklung war also bewusst geplant?
Patrick Wolf: Man hat eben nur eine gewisse Zeit auf diesem Planeten, morgen schon könnte ich tot sein. Ich möchte sichergehen, dass meine Veröffentlichungen mich zum jeweiligen Moment repräsentieren und nicht etwas sind, das ich vor vier Jahren geschrieben habe. Es geht darum, sich selbst wiederzuerfinden.
Crazewire: Du wirst mit der Aussage zitiert, jeder Song auf „Lupercalia“ sei eine wahre Geschichte, die nicht in die Folklore und das Märchenartige Deiner früheren Songs gekleidet ist.
Patrick Wolf: Auch in der Vergangenheit sind alle meine Songs wahre Geschichten gewesen zu diesem Moment in meinem Leben. Aber sie waren metaphorisch verkleidet. Auf meinem ersten Album „Lycanthropy“ gibt es Songs, die sehr direkt vom Thema Gender und meiner diesbezüglichen Konfusion handeln, auch wenn das eher als Fiktion wahrgenommen wurde. Die Liebe hat mich aber nun zu einem ehrlicheren Mann gemacht, der mich näher zu meinem natürlichen Selbst gebracht hat. Nach vier Alben ist es für mich nun wichtig, meine Geschichten nicht mehr hinter Märchen oder Metaphern zu verstecken.
Crazewire: Du hast durch Deine vergangenen Alben und Deine öffentlichen Auftritte eine Kunstfigur kreiiert. Nun sprichst Du davon, eine ehrlichere Person zu sein. Was bedeutet es denn für Dich, „wahre“ Geschichten zu erzählen? Ist Deine Musik jetzt persönlicher?
Patrick Wolf: Wenn ich zum Beispiel über eine Trennung in meinem Leben schreibe, dann ist die Wahrheit faszinierender als die Fiktion. Jahrelang war ich heimatlos und habe auf der Straße gelebt. Ich wollte aus der Welt flüchten und nicht zum Planeten Erde dazugehören. Ich wollte nichts mit der menschlichen Rasse zu tun haben, ich hielt sie für langweilig und Menschen nicht für die besten Kreaturen. Ich habe nie verstanden, warum sie als die überlegene Spezies gelten. Dann habe ich durch meine Arbeit und das Reisen eine Heimat gefunden. Ich habe gemerkt, dass die Welt aufregend ist. Nachdem ich in der Psychotherapie meine Probleme aufgearbeitet hatte, war mir klar, dass ich nicht mehr das zurückgelassene Kind bin. Ich wollte nicht mehr der Außenseiter sein, sondern das Gefühl haben, auf diesen Planeten und zu einem anderen Menschen zu gehören, mit dem ich meine Gefühle teilen kann. Mit der Zeit bin ich also weniger eskapistisch geworden. Mit dem neuen Album lasse ich meine Wurzeln hinter mir und sage „Ich werde ein Zuhause haben“. Und ich freue mich darauf, zu lernen, mitfühlender und empathischer mit den Menschen zu sein.
Crazewire: Gab es einen speziellen Wendepunkt in Deiner Entwicklung?
Patrick Wolf: Meine Liebe zu William (seinem Freund, Anm. d. Verf.) hat mich ermutigt, besser zu sein, mehr zu geben und mehr zu teilen. Im Gegenzug hat es mich dazu inspiriert, Hilfe anzunehmen. Dadurch habe ich erstaunliche Entdeckungen gemacht über das Leben und Gefühle. Das ist großartig, ich wünschte, dass ich das schon mit 16 erlebt hätte! Aber ich habe den Weg der Musik genommen und bin nun mit 27 auf einem natürlichen Weg dort angekommen. „Lupercalia“ spiegelt diese Entwicklung wider, ich wollte die Regression vermeiden. Manche Leute wünschen sich bestimmt, dass ich mein erstes Album immer und immer wieder machte und der 16jährige Teenager von damals wäre. Aber ich habe seitdem soviele Entdeckungen gemacht und ich hoffe, dass ich weiterhin wachsen werde und dies durch die Musik teilen kann.
Crazewire: Du hast die Liebesthematik angesprochen, die sich lyrisch und musikalisch durch das ganze Album zieht. Es ist offensichtlich, dass Du kein mainstreamiges, poppiges Liebesalbum machen wolltest. Aber hast Du bei der Produktion manchmal an klassische Lovesongs aus den Achtzigern gedacht?
Patrick Wolf: Die Verwendung der großen Tom Drum, der Thunder Drum und so weiter ist möglicherweise inspiriert von der Produktion von Kate Bushs Album „Hounds Of Love“, jedenfalls mehr als von anderen Bands, die in dem Zusammenhang erwähnt werden und von denen ich noch nie gehört habe. Es sollte einfach tüchtig und stark klingen. Was das Songwriting betrifft, ist eher meine Liebe zu Joni Mitchell und Burt Bacharach wichtig. Wenn ein Mann leidenschaftlich singt, wird das oft mit manchen Bands der achtziger Jahre assoziiert. Aber Männer haben schon lange davor leidenschaftlich gesungen, bloß sind einige von ihnen in den Achtzigern berühmt geworden.
Crazewire: Du bist ein Künstler, dem das Album als Kunstform wichtig ist, der nicht einfach ein paar Hitsingles zusammenwirft, sondern für den das Tracklisting ein magischer Prozess ist. Wie ist das mit den elf Songs auf „Lupercalia“ gelaufen?
Patrick Wolf: „The Bachelor“ war ein langes Album mit 14 Tracks und es war schwer, eine konzise Welt für sie finden. Bei der Entstehung des neuen Albums hatte ich das im Hinterkopf. Ich wollte nicht 50 Songs aufnehmen und daraus ein Album mit 15 Songs machen. Ich wollte nur Songs aufnehmen, die stark genug sind, um eine konsistente Welt zu ergeben. Irgendwann bin ich bei 14 Songs angekommen und habe die B-Seiten und Singles ausgesucht. Heutzutage ist es ziemlich tricky wegen iTunes und den Bonustracks. Es wird so viel content von Dir verlangt. Ich denke, dass es daher umso mehr an der Zeit ist, wirklich genau auszuwählen und auf den Punkt zu kommen mit zehn oder zwölf Stücken. Ich wollte ursprünglich ein 10-Track-Album machen und eigentlich ist es das auch geworden: ein 10-Track-Album mit dem verbindenden Interlude „William“ in der Mitte. Es ging darum, die Inspiration für das Album genau in die Mitte des Albums zu setzen. Von dort ausgehend habe ich dann rückwärts gearbeitet. Der Opener „The City“ liefert das generelle Setting. Das ist ein bisschen wie in einem Film: Es beginnt panoramisch mit der Stadt und fokussiert dann langsam im Song „House“. Es ist als lyrische Reise durch eine Stadt gedacht, vom Tageslicht zur Nacht, in der ein Paar sich trennt und dann im letzten Song heiratet.
Crazewire: Stört es Dich, dass Menschen „The City“ und „Time Of My Life“ als Einzeltracks aus Deinem Albumkonzept herauspicken und einzeln kaufen können, da sie die Songs vielleicht auf Youtube gesehen haben und toll finden?
Patrick Wolf: Nein, das ist sehr schmeichelhaft. Ich verstehe, dass meine Art, Musik zu hören, nicht die Art von 90 Prozent der Welt ist, Musik zu hören. Sie nehmen ihre Hits des Jahres und erstellen Mix-CDs fürs Auto. Heutzutage kann man nicht mehr so versnobt und anspruchsvoll sein, was das Hören von Musik betrifft. Es ist nett, dass sie die Songs überhaupt hören. Indem Du etwas kreierst, kannst Du Dich bemühen, dass Leute das auf eine gewisse Weise anhören. Aber generell ist das nicht die Art und Weise, in der die Leute Musik hören.
Crazewire: Manche Künstler veröffentlichen nur auf Audiokassetten, sodass die Hörer dazu gezwungen sind, das ganze Album durchzuhören. Was hälst Du davon?
Patrick Wolf: Das ist nicht mein Ding. Ich bin weder total underground noch total mainstream. Ich kenne Künstler, die einen hohen Anspruch haben, wie die Menschen ihr Werk hören. Die wollen auch nicht allzu berühmt sein. Ich aber möchte, dass so viele Leute wie möglich meine Musik hören. Falls morgen ein neues Format erfunden wird, wäre es dumm, wenn ich nicht mein Werk auf diesem Format herausbringe, sodass die Leute es hören können. Wenn ich tot bin, möchte ich dass meine Songs als mp7 oder was auch immer remastered werden (lacht). Ich hätte damals mein Album auch als Minidisc herausgebracht, so wie Björk. Meine Lieblingsbands sind alle futuristisch. Die sagen nicht „Ich will das nur auf Kassette rausbringen.“
Crazewire: In den vergangenen Jahren gab es ein Tape-Revival. Die Leute stellen wieder Mixtapes zusammen, im Web 2.0 werden Mixtape-Austausche organisiert, es gibt iPod-Cases, die wie Kassetten aussehen…
Patrick Wolf (lacht): … ja, auch mein Geldbeutel hat die Form einer Kassette!
Crazewire: Drückt das die Sehnsucht der Menschen nach etwas Echtem, Anfassbarem, Analogem aus?
Patrick Wolf: Ich veröffentliche alles auf Vinyl und CD. Bis auf mein Album „The Magic Position“, darüber hatte ich auch einen großen Streit mit meinem Label. Ich hatte damals nicht das Management hinter mir, um das durchzusetzen. Aber alles andere ist auf Vinyl veröffentlicht worden. Ich möchte den Leute immer noch die Gelegenheit geben, taktil mit Musik umzugehen, eine Platte als Kunstwerk in ihre Sammlung aufzunehmen, so wie man sich ein Bild an die Wand hängt. Mit der Kassette ist es etwas Anderes. Ich wurde 1983 geboren. Die Kassette ist ein Format, das mit Unschuld verbunden ist, mit Eskapismus, damit, dass man zum ersten Mal Freunde findet, sich zum ersten Mal verliebt. Daher ist das Tape sehr wichtig, aber für mich ist es nicht mehr praktikabel. Früher habe ich obsessiv Mixtapes zusammengestellt. Jetzt arbeite ich lieber an meinem eigenen Album — vielleicht sind meine Alben ein bisschen wie Mixtapes.
Crazewire: Heutzutage machst Du also keine Mixtapes mehr für jemanden?
Patrick Wolf (lacht): Nein, ich habe keine Zeit mehr dafür. Aber ich arbeite regelmäßig als DJ. Vielleicht ist das DJing so etwas wie ein öffentliches Mixtape. Ich achte nicht auf Beatmatch und so, sondern spiele Patti Smith neben Amanda Lear, dann einen Gabba-Track und ein Stück klassischer Musik. In der Schule wäre ich derjenige, der die willkürlichsten Mixtapes macht (lacht).
Crazewire: Vielen Dank für das Gespräch, Patrick!
Video: „The City“