Patrick Watson - Electro Smoking Robot
Wer Patrick Watson und sein hervorragendes Album „Close To Paradise“ kennt, erwartet alles andere als ein normales Interview. Zu abgedreht und fantasievoll wirken seine Lieder, zu verspielt und mysteriös die Geschichten, die er darin erzählt werden, um hinter diesem Namen einen normalen 08/15 Songwriter zu erwarten. Aber Interviews werden erst dann interessant, wenn sogar diese Erwartungen noch einmal übertroffen werden.
Dabei beginnt der Abend stressiger als gedacht. Den Kölner Berufsverkehr unterschätzt, erreichen wir gerade noch pünktlich das Deutzer Gebäude 9, um von einem murrigen Mitarbeiter mitgeteilt zu bekommen, dass Patrick Watson sich bereits zurückgezogen hat und erst um neun Uhr wieder im Gebäude 9 zu erwarten ist. Wenig später löst zu unserem Glück der heraneilende kanadische Tourmanager die Situation auf und fährt uns mit dem Tourbus zum Aufenthaltsort der Band. Statt wie erwartet an einer Imbissbude um die Ecke oder einem heruntergekommenen Hotel werden wir am nur 300 m entfernten Dorint Hotel heraus gelassen, wo uns der zerzauste Patrick Watson bereits mit offenen Armen in der Lobby erwartet.
Direkt erzählt er uns stolz davon, wie er den Flügel an der Bar erst einmal ausgiebig getestet hat, seine Musik aber bei den zumeist in Anzügen gekleideten Besuchern des Hotels eher auf wenig Zustimmung gestoßen sei. Auf die Anmerkung, dass wir ihn überall erwartet hätten, nur nicht gerade im Dorint Hotel, findet er auch schnell eine Antwort: „Man muss sich ja auch mal was gönnen auf Tour. Hält dich am Leben. Ich meine, die haben einen schwarzen Pool hier, wie lächerlich ist das denn? Aber es stimmt schon, so ganz passen wir hier nicht rein.“ Eher wie ein Ausgestoßener blickt er dabei mit seinem kauzigen Grinsen, versucht auf den modernen, aber unbequemen Sitzsofas doch irgendwie gemütlich Platz zu nehmen, um dabei in Windeseile eine Zigarette nach der anderen zu rauchen.
Crazewire: Wie war die Tour bis jetzt?Patrick Watson: Das Touren ist interessant, aber es kommt immer darauf an, wie viel man pro Jahr tourt. Wenn man zu viel tourt fängt es an hart zu werden. Es ist einfach kein Leben, alles andere pausiert mehr oder weniger und man versucht, das Beste daraus zu machen. Man kann warten, lesen und lernen, aber man kann einfach nicht leben. Zu Hause ist ein Leben, das darauf wartet, dass man zurückkommt und es weiterführt oder dass man es verpasst. Gleichzeitig ist es unglaublich. Trotzdem kann man nur eine bestimmte Zeit wirklich bewusst reisen und touren. Irgendwann ist man einfach so abgestumpft, dass man nichts mehr aufnehmen kann. Dann kommt man einfach nur ins Hotel und denkt „Ach scheiß drauf, ich will jetzt einfach nur noch ein verdammtes Bett sehen.“ Man kann einfach in der schönsten Stadt der Welt sein und kann es nicht genießen. Als wir zum Beispiel in Barcelona waren, was ja eine der schönsten Städte der Welt sein soll, hat sich mein Gehirn einfach abgestellt und wollte nichts mehr aufnehmen. Sogar die schönste Architektur der Welt konnte ich mir nicht mal mehr ansehen.
Crazewire: Es regnet wieder, scheint das perfekte Wetter für eure Musik zu seinPatrick Watson: Yeah fucking drausy, fucking schait (O-Ton,
Anm d. Red.). Tut mir leid mein deutsch ist nicht so gut. Ich glaube, die halbe Welt ist gerade so. Naja, ich meine ich kann auch mit etwas Sonne auskommen, dagegen hab ich gar nichts.
Obwohl der Name es nicht verrät, hinter Patrick Watson steckt mehr als nur eine einzelne Person, die sich für Live-Auftritte ein paar Musiker dazu holt. Was auf dem Album vielleicht noch nicht so rüberkommt, wird besonders Live klar. Dort treffen vier Vollblutmusiker aufeinander, die nicht nur durch ihr unglaubliches Können, sondern auch durch kleine Raffinessen wie Küchentöpfen als Beckenersatz oder das quietschende Geräusch eines Luftballons am Gitarren-Pickup eine unglaubliche Atmosphäre schaffen. „Ich glaube schon, dass das Album an sich wichtig ist, schließlich muss man sich ja irgendwie präsentieren. Aber erst Live macht Patrick Watson wirklich Sinn. Das ergibt ein ganz anderes Bild.“ Auch die Verwirrung durch den Namen, der nur auf Patrick Watson selbst schließen lässt wird von ihm schnell erklärt „Ich habe am Anfang alleine Musik gemacht und als die Jungs eingestiegen sind, ist uns einfach nichts besseres eingefallen. Es war schwer, weil unsere Musik keinen bestimmten Stil hat. Wir wollen uns dabei auch nie festlegen. Das ist aber alles andere als einfach nur meine Band.“
Crazewire: Gerade wenn man euch auf der Bühne sieht, wirkt ihr wie eine feste Einheit, die zusammen auch improvisieren kann. Wie seid ihr denn dabei überhaupt als Band zusammen gewachsen und wie läuft dieser Prozess weiter?Patrick Watson: Es hat lange gedauert, den richtigen Weg für uns zu finden. Uns war wichtig, dass jeder hinter diesem Projekt er selbst sein kann und sich nicht einschränken muss. Es ist wie eine Beziehung, es dauert lange seinen Platz darin zu finden. Denn jeder hat seine Art, wie er Dinge gerne anfasst und bearbeitet. Es ist immer noch ein langer Lernprozess uns gegenseitig so gut zu kennen, dass das funktioniert. Es kostet uns weiterhin viel Arbeit und Konzentration.
Crazewire: Eure Musik scheint etwas sehr Bildhaftes zu haben, was sicherlich auch an deinem erzählerischen Songwriter-Stil liegt. Ist diese mystische, fantasievolle Seite, die viele an euch sehen, so geplant?Patrick Watson: Ich denke das liegt oft daran, dass ich beim Schreiben bestimmte Bilder im Kopf habe. Ich werde oft von Filmen oder Büchern inspiriert, die mir einfach im Kopf herumschwirren. Ich denke aber, es kommt auf jeden Song an und auch auf jede Show. Manche Shows sind sehr cineastisch, andere wiederum richtige Rock-Shows. Dabei gibt es verschiedene Kriterien: die Location, der Sound, die Band und die Leute. Wenn das Publikum sehr ruhig ist und ein eigenes Bild aus dem Konzert macht, dann wird dies auch eine sehr cineastische Show. Das macht es für uns so interessant, dass es bei unserer Band keine klare Antwort gibt, was wir wirklich sind. Es kommt dabei immer auf den Kontext an, in den wir gepackt werden.
Zwar ist gerade diese bildhafte Sprache ein klares Markenzeichen der Band und deren Videos, doch nichtsdestotrotz verzichten sie bei den Shows bewusst auf Visuals: „Sicherlich sind Visuals eine interessante Sache und wir haben damit auch eine Zeit lang gearbeitet, aber ich denke es nimmt die Fantasie der Leute, die sich unsere Show ansehen. Wir wollten einfach wieder zurückgehen und daran arbeiten, dass wir allein auf der Bühne eine gute Show machen ohne dass irgendetwas anderes nötig ist.“ Trotzdem bleiben Filme ein wichtiger Einfluss auf Patrick Watson und seine Arbeit. Neben der Kollaboration mit Cinematic Orchestra letztes Jahr, vertont er auch selbst immer wieder Filme mit seiner Musik. Auch sind eigene Filme immer noch ein Traum für ihn: „Ein eigener Film ist sicherlich ein Projekt, dass ich die nächsten drei Jahre in Angriff nehmen will. Ich habe mir gerade erst eine Kamera gekauft und jetzt will ich erstmal nur üben.“
Crazewire: Aber eigentlich erzählst du dabei ja auch einfache Geschichten. Woher kommt dabei das cineatische, dass du nicht einfach nur Kurzgeschichten erzählst, sondern die Musik dabei ganze Bilder entstehen lässt.Patrick Watson: Ich denke selbst, ich bin nicht wirklich gut mit Worten. Es ist in Ordnung, aber mit meinen Worten allein könnte ich keine Geschichten erzählen. Ich denke aber ich bin ziemlich gut darin, den Worten zusammen mit der Musik Ausdruck zu verleihen. Verglichen mit einem Film ist der Dialog so in etwa mein Text, während die Musik dabei alles Sichtbare einfängt, wie die Mimik, die Kameraposition, die Gefühle. Meine Texte alleine könnten das gar nicht.
Kennen gelernt hat sich die Band bereits auf dem Vanier College in Quebec, wo sie alle Musik studierten. Gerade diese Erfahrung bemerkt man bei ihren Konzerten, wo sie vor der Zugabe schon mal darüber diskutieren, ob sie nun das Lied mit Chopin oder lieber mit Schubert mischen sollen.
„Ich denke, gerade die professionelle musikalische Ausbildung ist sehr wichtig für uns. Das macht uns gerade interessant, dass wir so viele verschiedene Stile einbauen können und das theoretische Wissen über Harmonien und ähnlichem macht es weitaus einfacher zu kommunizieren. Ich denke aber nicht, dass das jeder braucht. Viele ohne diese Ausbildung machen unglaubliche Musik, aber wir für uns als Band nutzen dieses Wissen natürlich. Es macht uns nicht besser, nur anders.“
Crazewire: In wieweit hätte denn das Touren und eure Zusammenarbeit als Live-Band das Album verändert. Würde es „Close To Paradise“ in dieser Art und Weise noch einmal geben?Patrick Watson: Es würde viel verändern, ich meine das hat es bereits. Ich denke man hört dem Album stark an, dass es ein Studioalbum ist, ganz einfach weil es uns als Liveband noch nicht, wie heute, gab. Dazu gab es auch eine kleine Meinungsverschiedenheit in der Band zu Beginn unserer Aufnahmen, weil ich sehr auf elektronische Dinge stand, wie Soundeffekte, die man so live niemals aufführen könnte. In der Band zu sein hat mich aber gelehrt, Kompromisse einzugehen, um uns an diese Stelle zu bringen, an der wir jetzt sind.
Crazewire: Also denkst du, dass alle weiteren Aufnahmen jetzt so klingen würden, dass man sie auch Live umsetzen kann, weil ihr nun wisst was ihr könnt?Patrick Watson: Ich denke, das nächste Album werden wir in einem Take aufnehmen, ohne Pause. Unser Ziel dabei ist aber, es so hinzukriegen, dass die Leute nicht glauben werden, dass es Live aufgeführt wurde. Gerade wenn man auf der Bühne sieht, wie wir mit verschiedenen Dingen herumprobieren und mit unseren eigenen Händen Klänge herstellen, die andere nur im Studio machen, versteht man was ich damit meine. Wir wollen einfach ein natürliches Album ohne die üblichen Veränderungen und Tricks, die man im Studio anwenden kann. Während den anderthalb Jahren auf Tour haben wir einfach gelernt, dass wir das nicht brauchen.
Crazewire: Was sind denn Dinge, die ihr bewusst verändern oder verbessern wollt auf dem neuen Album?Patrick Watson: Ich denke, erstens werden das mehr cineastische Sounds sein, die zwar digital wirken, aber wie in alten Filmen, als es diese Hilfsmittel noch nicht gab, von uns selbst hergestellt werden. Außerdem wird das Songwriting um einiges besser sein. Ich denke, auf dem letzten Album war das Songwriting ausreichend, die Produktion aber interessant genug, um diesen Mangel auszugleichen. Dieses Mal wollen wir an der Produktion sparen und unser Hauptaugenmerk auf das Songwriting legen.
Um so überraschender, dass gerade die Produktion so herausstechend scheint, denn Patrick Watson mussten sich mehrere Jahre Zeit lassen und in verschiedenen Studios aufnehmen, um das Album finanzieren zu können. „Ich weiß selbst nicht genau, warum das Album wie ein ganzes Stück, wie ein ganzes Album klingt. Das Schwerste war jedoch die Reihenfolge der Lieder zu wählen, das hat über zwei Monate gedauert. Das liegt einfach daran, dass diese Lieder nicht zusammen gehören, es ist einfach zu viel für ein Album. Es ermüdet, weil es zu viel ist. Heute würden wir das nicht mehr so machen.“
Crazewire: Trotzdem scheint es, als ob ihr das Album so sortiert hättet, als ob ihr recht seicht anfangt und euch dann mehr und mehr steigertPatrick Watson: Ja, die Lieder die hörbarer sind haben wir an den Anfang gesetzt, danach nimmt es definitiv etwas zu, bis es irgendwann wieder sehr simpel wird. Ein Lied wie „Sleeping Beauty“ konnte ich zumindest nicht an den Anfang des Albums setzen, dafür nimmt es zu viel Platz ein. Das Problem ist einfach, dass das Album zu lang ist. Es wäre besser gewesen, das Album in zwei Teile zu teilen und erst bei „Mr. Tom“ anzufangen.
Crazewire: Klingt so als ob ihr fast gelangweilt seid von manchen Teilen eures Albums?Patrick Watson: Um ehrlich zu sein, das sind wir. Wir würden einige Songs nicht mal mehr live spielen, so sehr nerven sie uns. Vielleicht ist das nur eine Eigenart an uns, die uns antreibt neue Lieder zu schreiben. Allein im Laufe des Jahres hat sich unsere Liedauswahl deswegen auch drastisch verändert und auch wenn uns einzelne schon auf dem Haldern-Pop Festival gesehen haben, wird das heute eine ganz andere Show sein und hoffentlich wieder eine ganz andere, wenn wir wieder auf Tour sind.
Crazewire: Wasser scheint eine Art Motiv für dich zu sein, wie in den Songs „Drifters“ und „Man Under The Sea“. Außerdem ist auf eurem Cover ein Flaschenschiff zu sehn.Patrick Watson: Das liegt sicherlich an meinem ersten Projekt „Waterproof 9“, einem Soundtrack zu einem Buch. Das verbinde ich mit einer Person, die sehr wichtig in meinem Leben war (das Buch schrieb seine damalige Freundin Brigitte Henry,
Anm. d. Red. ).Ich denke immer wenn ich das Thema Wasser benutze, spielt sie dabei eine Rolle.
Crazewire: Gerade „Man Under The Sea“ ist ein Highlight eurer Konzerte. Irgendwie passt es als Beschreibung für euch, weil ihr irgendwie mit eurer verträumten Musik ja nicht ganz in die Welt von heute passt.Patrick Watson: Eigentlich handelt dieses Lied gar nicht direkt von mir oder von uns. Es handelt von diesem Roboter, den sie in den 30ern für die Weltaustellung gebaut haben, namens „Electro Smoking Robot“. Der Grund, warum sie diesen Roboter gebaut haben war, damit er Zigaretten raucht und Piano spielt. Ich habe mir dabei vorgestellt, dass dieser Roboter nach einer Zeit unnütz wurde und selbstständig ins Meer gesprungen ist, um unter Wasser zu leben. Ich habe mir dabei vorgestellt, niemand will heutzutage richtige Klavierspieler, niemand will heutzutage Raucher, also wollte er einfach woanders sein.
Crazewire: Das klingt ein wenig wie eine kleine Hommage an dich.Patrick Watson: Das stimmt auf jeden Fall, ich glaube ich passe einfach nicht in die moderne Welt, ich denke nicht viele Leute passen in diese moderne Welt. Es funktioniert einfach nicht. Ich denke, viele fühlen sich außen vor und alle sind in ihrer Situation eingesperrt und können nichts ändern. Jeder weiß, dass diese Welt keinen Sinn macht und dass es nicht lange bleiben kann, wie es ist. Wenn jeder so leben würde wie die reichsten 10%, dann würden wir alle bald sterben. Wenn jeder ein Auto hätte und so leben würde wie die westlichen Nationen es vorleben, wäre diese Welt binnen weniger Jahre unbewohnbar. Das ist doch jämmerlich.
Dann ist die Idee, sich unter Wasser zu verstecken und dort ein friedliches Leben zu führen, schon sehr reizvoll. Davon handelt „Man Under The Sea“. Davon, dass wir alle Erfindungen dieser Welt sind, aber gar nicht hinein passen.
Mit einem Lächeln beendet Patrick Watson das Interview so wie er es begonnen hatte, ohne sich dabei von mir überreden zu lassen, einen weiteren geheimen Auftritt in der Hotellobby zu starten: „Ich denke, ich habe die Leute hier schon genug geschockt, das ist wohl einfach nicht das richtige Publikum.“