DETAILS

Interpret:
Passion Pit

Titel:
...are going to Disneyland

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Autor:
Kai Töpel
Dresden, 17.08.2009

INTERVIEWS

Passion Pit - ...are going to Disneyland

Passion Pit - ...are going to Disneyland

Es ist immer etwas besonderes, eine Band zu interviewen, kurz bevor sie vor dem Absprung stehen. Bei Passion Pit gilt dies ganz besonders, denn nicht erst seit dem Melt! 2009, bei dem sie als letzter Act das wirkliche Highlight des Sonntags waren, ist klar, dass diese Band bald ganz groß werden wird. Dementsprechend gelöst war die Stimmung ein paar Stunden vor ihrem Auftritt, bei dem sie zur späten Stunde die Bühne des aus allen Nähten platzenden Zelt betreten sollten. Im Gespräch erzählten uns Jeff Apruzzese, Ayad Al Adhamy und Ian Hultquist, die allesamt Synthesizer, Bass und Gitarre bedienen, von ihrer Heimat Boston, der Rückkehr des Pops und über die unglaubliche Falsett-Stimme ihres Sängers Michael Angelakos.

Crazewire: Herzlich willkommen in Deutschland bei eurem offiziell ersten Konzert. Wie fühlt ihr euch dabei?

Jeff Apruzzese: Aufgeregt, ich will am liebsten auf einen dieser unglaublichen Kräne klettern.

Ayad Al Adhamy: Ja, das solltest du auf jeden Fall machen.

Jeff Apruzzese: Ich falle wahrscheinlich runter. Machen die nachts auch ein paar Lichter an?

Crazewire: Nachts wird es erst richtig eindrucksvoll. Überall Scheinwerfer und die Discokugeln und Kräne werden angestrahlt.

Ayad Al Adhamy: Ich kann es kaum abwarten, dann gucken wir Oasis. Naja für etwa 20 Minuten, dann müssen wir schon zum Soundcheck.

Crazewire: Habt ihr heute sonst noch irgendein Highlight, bis auf Oasis?

Ayad Al Adhamy: Leider können wir heute nichts anderes sehen. Wir sind grad um sechs erst angekommen, und müssen jetzt erstmal Interviews führen und essen.

Jeff Apruzzese: Daran denk ich grad am meisten: Essen.

Ayad Al Adhamy: Ich hab das Line Up an den anderen Tagen gesehen. Schade, dass wir das verpasst haben. Wir hätten gern Phoenix und Caribou angesehen. Wir können leider selten an irgendwelchen Orten bleiben, an denen wir spielen. Gestern waren wir auf der Bühne, sind kurz rumgelaufen und sind direkt weitergehfahren, um hier zu sein.

Crazewire: Wie ist es, heute offiziell das Festival abzuschließen?

Jeff Apruzzese: Das ist toll, aber wir sind etwas nervös. An allen anderen Tagen lief es so lange, hoffentlich haben die Leute noch Lust uns zu sehen. Als uns von diesem Festival erzählt wurde, meinten wir nur „Wird überhaupt irgendjemand hier sein, wenn wir spielen?“

Ayad Al Adhamy: Ja, die Leute werden doch bestimmt müde sein.

Jeff Apruzzese: Ich meine, ihr Jungs wollt nach Hause gehen, es ist Sonntag, Oasis haben gerade zu Ende gespielt.

Crazewire: Das glaube ich kaum, ich denke da wird noch einiges los sein.

Ayad Al Adhamy: Das ist gut, denn das wird ebenfalls der letzte Tag unserer Tour in Europa sein. Also dürfen wir morgen ebenfalls nach Hause fahren und wollen einen tollen Abschluss. Es ist also in zweierlei Hinsicht ziemlich spannend.

Crazewire: Erst einmal Glückwunsch zu eurem Album, es ist bereits jetzt eines unserer Lieblinge dieses Jahres. Mit euch und ein paar anderen Bands scheint so etwas wie die saubere Pop-Musik wieder in Indie zurückgekehrt zu sein. Wie seht ihr das?

Ian Hultquist: Das ist in etwa das, was wir uns gedacht haben, als wir an der Platte gearbeitet haben. Ich meine, wegen unserer EP „Chunk Of Change" hatten wir dieses Electro-Pop-Image an uns, von dem wir dachten, dass es uns nicht gerade gut repräsentiert. Zumindest wäre es nicht das, was wir in Zukunft machen würden. Ich meine es wird immer Pop-Musik sein, aber wir wollten ein paar andere Instrumente einführen, ein wenig freier sein. Uns war klar, es werden nicht nur Synthesizer sein, sondern auch viel Neues.

Crazewire: Obwohl ihr Bostoner seid, werdet ihr oft zu einer Brooklyn Szene dazu gezählt, mit Bands wie Matt & Kim oder Discovery. Wie ist das für euch?

Ayad Al Adhamy: Ich meine ganz ehrlich, Boston hat keine schlechte Musikszene. Da entwickelt sich einiges. Es gibt sechs bis sieben richtig gute Bands im Moment.

Jeff Apruzzese: Es ist aber irgendwie ein seltsamer Ort, weil er so oft übersprungen wird. Bands spielen in New York und fahren dann direkt durch nach Montreal. Manche Bands spielen noch mal in Boston, aber viele lassen es einfach sein. So eine Szene wie Bostons Hardcore-Szene früher gibt es auch nicht mehr.

Ayad Al Adhamy: Jetzt gibt es viel Indiemusik und vor allem viele DJs und elektronische Musik.

Crazewire: Euer Album heißt „Manners“ und eure Musik wirkt auch ziemlich herzlich und freundlich. Werdet ihr eigentlich irgendwann mal richtig sauer?

Jeff Apruzzese: Na klar, noch vor fünf Minuten haben wir uns wild angeschrien.

Ayad Al Adhamy: Außerdem hatten wir ein Handgemenge heute im Aufzug.

Jeff Apruzzese: Stimmt, wir hatten eine ernsthaftes Prügelei im 2. Stock. Sobald die Türen geschlossen waren, haben wir angefangen wild auf einander einzuschlagen (alle lachen, Anm. d. Verf.) Sobald die Türen dann wieder aufgingen und unser Tourmanager am Aufzug stand, sind wir raus gegangen, als ob nichts passiert wäre.

Ayad Al Adhamy: Warum ist das nochmal passiert?

Jeff Apruzzese: Jemand hat mir an den Haaren gezogen. Aber ernsthaft, wir lieben uns wie Brüder.

Crazewire: Pitchfork hat euren Sänger Michael Angelakos wegen seiner außergewöhnlichen Stimme einen Eunuchen genannt. Könnt ihr uns das Geheimnis seiner Stimme erklären?

Jeff Apruzzese: Ein was?

Ayad Al Adhamy: Ein Eunuch!

Jeff Apruzzese: Was ist ein Eunuch?

Ayad Al Adhamy: Jemand der kastriert ist.

Jeff Apruzzese: Achso. Glaub nicht das Mike kastriert ist, zumindest wüsste ich es nicht (lacht, Anm. d. Verf.).

Ian Hultquist: Es hat damit eigentlich eher zum Spaß angefangen, so als witzige Figur, die er spielt.

Ayad Al Adhamy: Ich mein du kannst es auch tun (fängt an möglichst hoch zu singen, Anm. d. Verf.).

Ian Hultquist: Er hat es dann so lange gemacht. So hat er es geschafft, seine Stimme zu trainieren und kann jetzt laut in der Art singen. Deswegen sagt jeder, der Passion Pit hört: „Ich weiß nicht, ob ich das mag. Der singt wie ein Mädchen.“ Dann gewöhnen sie sich meistens dran und finden es ziemlich lustig.

Ayad Al Adhamy: Ich glaube, das war auch das erste, was ich zu Michaels Stimme gesagt habe.

Crazewire: Ihr seid wie viele Bands gerade auch durch Blogs bekannt geworden. Wie seht ihr diese Entwicklung? Gibt es noch die Möglichkeit, mit einem Tape oder CD, die man zu einer Plattenfirma schickt, Aufsehen zu erregen?

Jeff Apruzzese: Ich habe bei mehreren Labels gearbeitet und da haben sich immer säckeweise CDs und Tapes gestapelt, für die sich keiner interessiert hat. Das war vor vier bis fünf Jahren schon so. Also ist das schon längst ausgestorben.

Ayad Al Adhamy: Ich glaub, das ist mehr ein Traum, der erfunden wurde. Die Labels suchen bewusst die Bands, nichts andersrum.

Jeff Apruzzese: Es ist definitiv nicht so, dass ein Plattenboss sich die CD angeguckt, sich sagt „Ich mag deren Namen“, reinhört und die Band unter Vertrag nimmt. Man muss sich schon im vorhinein einen Namen machen, viele Konzerte spielen, ein paar Fans haben und ein paar gute Demos.

Ayad Al Adhamy: Ich glaub so war es in Wahrheit immer.

Crazewire: Also glaubt ihr, jetzt ist es vielleicht sogar besser, da die Hörer selbst durch Blogs oder Seiten wie Last.FM aussuchen, welche Band groß rauskommen soll, indem sie ihnen Aufmerksamkeit schenken?

Ayad Al Adhamy: Ich denke nicht, denn jetzt, statt wie früher die Konzerte der Bands zu besuchen und dort zu sehn, ob die Band Fans hat, sparen sich die Labelleute diesen Weg und schauen einfach auf die Blogs. Das ist Beweis genug, dass die Musik gehört wird.

Jeff Apruzzese: Es muss weniger Geld bezahlt werden für Marketing und Werbung. Einfach ein noch billigerer Weg.

Crazewire: Die Geschichte, dass Michael die erste EP „Chunk Of Change“ in Allein-Arbeit als Valentinsgeschenk an seine Freundin aufnahm, ist ja schon fast legendär. Wie seid ihr dann nachher zur Band gestoßen?

Ian Hultquist: Mike und ich kannten uns schon seit einigen Jahren und haben zusammen in Bands gespielt. Wir haben dann zusammen ein paar Shows mit Laptop und Gesang gespielt. Ich mochte das sehr und viele andere Leute auch, aber wir dachten uns, es wäre noch viel besser, das als Band aufzuziehen. Von da an hat es angefangen, dann sind Stück für Stück die anderen mit aufgesprungen.

Crazewire: Trotzdem habt ihr bewusst euren Stil geändert. Bis auf „Sleepyhead“ hat es auch kein Song der EP auf das Album geschafft.

Ian Hultquist: Mike wird immer der Schlüssel zu Passion Pit sein und der Hauptsongwriter. Er hat seit „Chunk Of Change“ sehr viel an sich gearbeitet und seinen Stil immer mehr verbessert. Die Songs von „Chunk Of Change“ hat er zwei Jahre vor „Manners“ geschrieben, da hat sich viel auch persönlich verändert. Außerdem hatte er jetzt beim Schreiben der Songs im Hinterkopf, dass wir eine fünfköpfige Live-Band sind, die ganz andere Möglichkeiten, aber auch Einschränkungen hat, als er allein an seinem Laptop.

Crazewire: Wie war es dabei für euch einen Platz in einer Band zu finden, die vorher noch ein Soloprojekt war?

Ian Hultquist: Es ist eine ständige Entwicklung. Ich fühle mich so, als ob wir immer daran arbeiten müssen, eine gute Liveband zu werden. Es ist definitiv nicht einfach zusammenzuspielen. Dafür braucht man die richtigen Leute, die sich finden müssen. Das haben wir glaube ich jetzt erreicht. Es bleibt immer noch der Hintergedanke, eine besonders coole Band zu sein, die besonders gut auf der Bühne ist.

Jeff Apruzzese: Wir sind nicht cool.

Ian Hultquist: Stimmt, wir sind nicht cool. Es hat am Anfang wirklich lange gedauert, bis sich Passion Pit entwickelt hat. Mike hatte seine letzten Solo-Shows noch im April 2007. Dann gab es keine Passion-Pit-Konzerte bis November. Also haben wir einen ganzen Sommer mit Proben verbracht, um was vorzeigbares auf die Bühne zu bringen. Außerdem kam dazu, dass wir alle drei Gitarristen sind. Wir mussten also für die Band lernen, Keyboard zu spielen.

Crazewire: Ihr habt für einige Songs auch mit einem Kinderchor zusammengearbeitet. Wie kam es dazu?

Ayad Al Adhamy: Das war eine Idee, die Mike schon länger im Kopf hatte und schon länger umsetzen wollte. Es hat zwei Wochen gedauert jemanden zu finden, den die Idee gefallen hat und der mit uns arbeiten wollte.

Jeff Apruzzese: Die meisten Schulen meinten „Nein, so etwas machen wir nicht.“

Ian Hultquist: Sie wären zu anständig, um so etwas zu tun.

Jeff Apruzzese: Dann haben wir diesen Chor auf You Tube gefunden, namens PS22. Wir haben dann deren Organisator kontaktiert, der sich um das Musikprogramm dieser Schule kümmert, welches sonst gar keins hätte. Er lässt die Kinder aktuelle Pop Musik singen. Die Kids und er waren begeistert von der Idee mit uns zusammen am Album zu arbeiten, also haben sie einen Tag frei bekommen von ihrer Schule, haben sich Busse gemietet und sind zu unserem Studio gefahren. Wir haben mit ihnen Pizza gegessen, gesungen und eine tolle Zeit gehabt.

Crazewire: Wiederum ist das Cover zu eurem Album ganz schön düster geraten.

Jeff Apruzzese: Wir haben uns so viele verschiedene Layouts angesehen und haben uns dazu Gedanken gemacht. Wir waren immer zweigeteilt, die eine Hälfte mochte ein Cover, die andere nicht. So ging das ganz schön lange hin und her. Das jetzige war das einzige Cover, welches uns dann endlich allen gefallen hat.

Ian Hultquist: Eigentlich repräsentiert das Cover die Texte ziemlich gut, denn die sind gar nicht so leicht und fröhlich, wie man bei unserer Musik erwarten würde. Wie zum Beispiel „The Reeling“: Es funktioniert als Party Song, aber wenn man auf den Text achtet, merkt man schnell wie wenig es ein Party Song ist. Es ist eher das Gegenteil.

Crazewire: Beim Hören eures Albums ist mir eine recht klare Struktur aufgefallen. Ihr fangt tanzbar an, dann wird es ruhiger, um am Ende mit „Sleepyhead“ und „Let Your Love Grow Tall“ das Album gebührend zu beenden. Wie wichtig war euch beim Arbeiten an dem Album die Abfolge der Lieder?

Ian Hultquist: Ich weiß, dass Mike, schon bevor wir ins Studio gegangen sind, ein klares Bild im Kopf hatte, wie das Album aussehen soll. Er wollte einen klaren Anfang, eine Mitte und ein Ende. Es war also nie das Ziel, ein zusammengewürfeltes Album zu machen. Als es dann so gut wie fertig war, haben wir alle Ideen gesammelt aus denen dann unser Produzent die jetzige Abfolge gestaltet hat. Für uns wirkte das perfekt, also haben wir es so übernommen.

Jeff Apruzzese: Für uns ist es wie bei einem Roman, mit einer Klimax. Es ist definitiv danach strukturiert, wie ein Buch, das eine Geschichte erzählt.

Crazewire: Ihr habt vor kurzem auch einen Remix von den Yeah Yeah Yeahs angefertigt. Wie kam es dazu?

Ian Hultquist: Unser Drummer Nate (Donmoyer, Anm. d. Verf.) ist nebenbei auch ein DJ namens Shadow. Er macht ziemlich viel in diese Richtung auf eigene Faust. Passenderweise kriegen wir in letzter Zeit viele Anfragen, ob wir nicht Remixe anfertigen wollen. Bei dem Song haben wir beide das erste Mal zusammen gearbeitet. Für die folgenden Remixe haben wir uns immer in Teams zusammengeschlossen, sodass jeder mal einen Remix machen kann.

Ayad Al Adhamy: Das ist einfach eine tolle Beschäftigung, wenn wir unterwegs sind und uns nichts mehr zusagen haben. Wir sitzen dann alle ruhig und konzentriert an unseren Laptops und aus dem Nichts kommt dann ein „Hey Jungs, hört euch das mal an“. Dann haben wir wieder was worüber wir sprechen können (alle lachen, Anm. d. Verf.)

Crazewire: Also wohin geht’s für euch jetzt von hier?

Ian Hultquist: Nach Hause

Jeff Apruzzese: Ja, nach Hause.

Ayad Al Adhamy: We are going to Disneyland!


 

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